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    Ein gescheiterter Besuch im Lazarett/Fliegerangriff auf _dem Wege zum Lazarett



23.September - 1944
Meine Tage im Lazarett in Wasserburg/Inn waren gezählt. Ein Heimaturlaub nach Berlin war genehmigt. Tante Leisewitz aus München wollte mich vor dem Heimaturlaub nochmals besuchen. Daraus wurde nichts. Stattdessen erhielt ich eine Eilnach-richtenkarte mit dem Text:
 
"Auf Fahrt zu Dir Angriff gehabt, bin unverletzt, mußte zurück .."
 
Hinweise: Lebenszeichenkarte in grüner Druckfarbe = ausgegeben an die Bevölkerung nach Bombenangriffen, als Feldpostkarte gedacht. Eine Poststempelung war nicht vorgesehen. Im Felde "Raum für Prüf- oder Beglaubigungsvermerk" sollte eine parteiamtliche Beglaubigung stehen. Ferner sollte hier eine postseitige Vorab-Benachrichtigung per Telefon notiert werden. Beides konnte jedoch - wie hier - auch fehlen.
 
 
Zur Eilnachrichtenkarte kam ein ausführlicher Brief:
 
"23.9.44 - Lieber Alfred! - Heute mußt Du den guten Willen und den Brief für die Tat nehmen, nämlich für den Besuch bei Dir... Ich wollte sehen, wie es Dir geht und ob Du Dir nicht zu viel zumutest mit der langen und umständlichen Fahrt nach Berlin...
Froh und voll guter Erwartung machte ich mich auf den Weg, mit einem großen Stapel Bücher und einer beträchtigen Anzahl von Süßigkeiten. Leider regnete es nicht, aber darum wäre es ein schöner Herbsttag gewesen voll Sonnenschein, was auf einer Landfahrt immerhin auch ganz erwünscht ist.
Der Vormittag war bis zur Mittagstunde vorgerückt, man dachte, die Flieger verschonen uns heute. Da hielt der Zug auf freier Strecke, noch im Stadtgebiet, und bald heulte die Alarmsirene. Wir fuhren weiter. Am Ostbahnhof hielten wir wieder, dann wurde die Gegend freier. Am Flugplatz vorbei, und plötzlich hämmerte es auf die Wagen mit hundert und mehr Geschossen und Splitterbomben. Es waren bei mir vier Soldaten im Abteil, wir duckten uns zur Erde. Es ging vorüber.
Da kam die zweite Welle, fast alles war wie vorher aus dem Zuge gestürzt, ins vollständig freie Land hinein. Ich war geblieben. Eine Frau trat zu mir, die wollte ebenfalls bleiben. Da kam die dritte Welle an Flugzeugen. Wir rollten uns unter die Bänke. Glasscherben und Erde um uns und über uns. Wieder ging es vorüber.
Nun wollte auch ich den Zug verlassen. Es mußten uns ein paar Soldaten herausheben, weil der Zug auf hoher Böschung hielt. Was draußen geschehen war, brauche ich einem Frontsoldaten nicht zu schildern. Ein Wagen 2. Klasse war zerstört, die anderen nicht. Und ich war unverletzt geblieben.
Die Flieger kamen nochmals zurück, da hatte ich mich unter eine Fichtenhecke geworfen. Erst dann konnten Sanitäter und Ärzte die Schwer- und die Leichtverletzten bergen, mit Lastwagen und Autos aller Art. Die Toten konnten nun geborgen werden. Schon vorher hatten Soldaten alles mögliche getan mit dem Verbinden von Wunden. Es fehlte jedoch an Verbandsmaterial.
Ein Auto nahm mich mit ins Lazarett, ich sollte dort die Nacht über bleiben. Ich wollte nicht und fand Gelegenheit, mit einem Lastwagen bis Berg am Laim zu fahren. Dann ein Stück mit der Straßenbahn bis zum Ostbahnhof, und wieder ein Stück bis zum Sendlingertorplatz. Dann zu Fuß nachhause, es wurde darüber dunkel.
Die Innenstadt ist wieder schwer getroffen, auch der Hauptbahnhof und der Holzkirchener Bahnhof. Es fahren heute keine Züge. Einzelheiten weiß ich noch nicht.
Ich mußte so viel an Dich denken und war so froh, daß mir nichts zugestoßen war. Meine große Liebe zu Dir, mein großer Jung', und zu Euch allen ward so damit gekrönt, daß ich nicht sterben mußte auf der Fahrt zu Dir.
Nun fahre ich erst wieder bei Regen und Sturm und hoffe, Dich dann wohlauf anzutreffen. Mit der Urlaubsfahrt gedulde Dich lieber noch ein bißchen. Es ist eine große Strapaze, und gefahrvoll ist es auch. Die Guti (= Gebäck) schicke ich, wenn wieder Züge fahren.
Heute grüße ich Dich herzlich, wünsche Dir gute Heilung und gute Stimmung und bleibe allezeit - Die Tante aus München. NS: Geschrieben bei schlechtem Lichte"
 
Fahrt nach Berlin, Januar 1945
 

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© 1993 - 2014 Verkehrswerkstatt
Autor: Alfred Meschenmoser, Essen
verantwortlich: Dr. Helmut Meschenmoser
aktualisiert: 29.10.2003

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