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Pferd und Esel
  Um 1854 von Heinrich Heine
 

 

Auf eisernen Schienen, so schnell wie der Blitz,

Dampfwagen und Dampfkutschen

Mit dem schwarzbewimpelten Rauchfangmast

Prasselnd vorüberrutschen.

 

Der Tross kam einem Gehöfte vorbei,

Wo über die Hecke guckte

Langhalsig ein Schimmel; neben ihm stand

Ein Esel, der Disteln schluckte.

 

Mit stierem Blick sah lange das Pferd

Dem Zuge nach. Es zittert

An allen Gliedern, und seufzt und spricht.

„Der Anblick hat mich erschüttert!“

 

„Wahrhaftig, wär’ ich nicht von Natur

Bereits gewesen ein Schimmel,

Erbleichend vor Schrecken  wär mir die Haut

Jetzt weiss geworden, – o Himmel!

 

„Bedroht ist das ganze Pferdegeschlecht

Von schrecklichen Schicksalsschlägen,

Obgleich ein Schimmel, schau’ ich doch

Einer schwarzen Zukunft entgegen.

 

„Uns Pferde tödtet die Konkurrenz

Von diesen Dampfmaschinen –

Zum Reiten, zum Fahren wird sich der Mensch

Des eisernen Viehes bedienen.

 

„Und kann der Mensch zum Reiten uns,

Zum Fahren uns entbehren –

Ade der Hafer! Ade das Heu,

Wer wird uns dann ernähren?

 

„Des Menschen Herz ist hart wie Stein;

Der Mensch giebt keinen Bissen

Umsonst. Man jagt uns aus dem Stall,

Wir werden verhungern müssen.

 

„Wir können nicht borgen und stehlen nicht,

Wie jene Menschenkinder.

Auch schmeicheln nicht, wie der Mensch und der Hund –

Wir sind verfallen dem Schinder.“

 

So klagte das Ross, und seufzte tief.

Der Langohr unterdessen

Hat mit der gemüthlichsten Seelenruh’

Zwei Distelköpfe gefressen.

 

Er leckte die Schnauze mit der Zung’,

Und gemüthlich begann er zu sprechen:

„Ich will mir wegen der Zukunft nicht

Schon heute den Kopf zerbrechen.“

 

„Ihr stolzen Rosse seid freilich bedroht

Von einem schrecklichen Morgen

Für und bescheid’ne Esel jedoch

Ist keine Gefahr zu besorgen.

 

„So Schimmel wie Rappen, so Schecken wie Fuchs,

Ihr seid am Ende entbehrlich;

Uns Esel jedoch ersetzt Hans Dampf

Mit seinem Schornstein schwerlich.

 

„Wie klug auch die Maschinen sind,

Welche die Menschen schmieden,

Dem Esel bleibt zu jeder Zeit

Sein sicheres Dasein beschieden.

 

„Der Himmel verlässt seine Esel nicht,

Die ruhig im Pflichtgefühle,

Wie ihre frommen Väter gethan,

Tagtäglich traben zur Mühle.

 

„Das Mühlrad klappert, der Müller mahlt,

Und schüttet das Mehl in die Säcke;

Das trag ich zum Bäcker, der Bäcker backt,

Und der Mensch frisst Bröde und Wecke.

 

„In diesem uralten Naturkreislauf

Wird ewig die Welt sich drehen,

Und ewig unwandelbar, wie die Natur,

Wird auch der Esel bestehen.“

 

Moral.

Die Ritterzeit hat aufgehört,

Und hungern muss das stolze Pferd.

Dem armen Luder, dem Esel, aber

Wird niemals fehlen sein Heu und Haber.

(Sämmtl. Werke. 4. Theil, letzte Gedichte.)

  Quelle: Stammbuch der neueren Verkehrsmittel. Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphen und Luftschiffe. Eine Sammlung von Liedern und Gedichten, Aufsätzen und Schilderungen.Herausgegeben von C. Löper. Lahr: Verlag Moritz Schauenburg 1881.
  SW: Verkehr, Transport, Geschichte, Unterricht, Bildung, Schule, Arbeitslehre, Sachunterricht, Technik, Eisenbahn, Schienenverkehr, Lokomotiven, Bahnhöfe, Nahverkehr, Fernverkehr, Berufe, Augenzeugen, Industrialisierung, Eisenbahngeschichte, Verkehrsgeschichte, Technikgeschichte, Medienerziehung, Quelle, Dokument, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt

 

 


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aktualisiert: 29.10.2003

 

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