zum Bereich Eisenbahn in der Verkehrswerkstatt
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Die ersten Eindrücke beim Anblick einer Eisenbahn
  1929 und 1931- Aus den Briefen einer englischen Dame
 

December 1829.

Am Mittwoch kam ein besonderer Bote, um uns mitzutheilen, dass man an diesem Tage die Eisenbahn von Prescot besichtigen könne und dass am folgenden Tage der Tunnel von Liverpool beleuchtet werden würde. Wir reisten deshalb so schnell, als es möglich war, mittelst eines Fuhrwerks zu dieser Eisenbahn hin, woselbst wir die bewunderungswürdige Locomotive fanden, die wie der Wind vorüber fuhr. Für uns, die wir diese neuen Erfindungen noch nicht kennen und die darüber gemachten Beschreibungen nicht zu begreifen vermögen, ist die Neuheit des Schauspiels ausserordentlich; sie nimmt unsern Geist lebhaft in Anspruch. Diese Maschine nun ist es, welche Wagen, Personen, Waaren und alle Arten von Gegenständen von Liverpool nach Manchester in der Stunde dreissig Meilen (1) befördern wird.

  Wenn Ihr auf der Strasse seid und die Locomotive ankommen seht, so ist die Wirkung der Schnelligkeit eine solche, dass sie sich nicht zu nähern, sondern zu wachsen und deutlicher zu werden scheint, wie eine Gestalt der Einbildungskraft.
  An diesem Tage wollte man keine Wagen für die Reisenden anbringen, denn es handelte sich nur darum, die neue Maschine zu versuchen; man spürt indessen schon eine Erregung, wenn man sieht, wie sie sich bewegt und dabei pfeift.
  Am anderen Tage fuhren wir nach dem Tunnel, welcher am Endpunkte der Eisenbahn sich befindet. Es ist ein Gewölbe, das 11/4 Meile lang, unter der Stadt Liverpool ausgehöhlt ist und in den Docks endet. Wir waren ungefähr 20 Personen. Wir besahen zunächt die Eisenbahnwagen, welche man bereit hielt. Sie gleichen den Omnibus-Fuhrwerken: jeder derselben ist ein grosser Wagen mit einem Coupé an beiden Enden; einige können 20, andere 30 Personen aufnehmen. Es giebt ausserdem Güterwagen für die Schweine, das Vieh, Waaren und auf Räder gesetzte Plattformen, auf denen ein ganz angespanntes Fuhrwerk wie auf einem Schiff befördert werden kann. Man wird dreissig Meilen weiter befördert gleichwie auf einem Teppich der Feenmärchen, ohne sich selbst zu bewegen.
  Es war so, als wenn eine leichte Kraft uns davontrüge; die Schnelligkeit der Bewegung war nur fühlbar durch die Stärke der Luftströmung und durch die Schnelligkeit, mit welcher wir an den Lampen vorbeikamen.
  Niemals habe ich etwas so Fremdartiges gesehen, niemals fühlte ich mich so in die Magie, in die Zauberei versetzt, wie umgeben von unbekannten Kräften und Mächten.
  In weniger als in drei Minuten, nachdem wir hinter dem freien Felde den Tunnel passiert hatten, befanden wir uns in den Docks von Liverpool. Der erste Eindruck des Tageslichts war sehr schön, und es war wahrhaft betäubend, nach einer so schnellen Bewegung plötzlich zu halten, ohne zu wissen, wo man war.
  Nachdem wir aus den Wagen ausgestiegen waren, setzten wir uns in unser Fuhrwerk, das mit uns befördert worden war, und alsbald überraschten wir uns beim Murren über die macadamisirten Wege und unsere zehn Meilen in der Stunde. Mein Ehemann beklagte sich, dass er beim Beginne einer solchen Entdeckung schon ein Alter von fünfzig Jahren erreicht hätte.
 

 

23. Juni 1831.

Das wundervolle Wetter, welches am Montag herrschte, veranlasste mich, einen Platz in einem offenen Wagen der Eisenbahn zu nehmen. Wir kamen daselbst eine Stunde zu früh an; da ich aber die neue Art des Betriebes noch nicht gesehen hatte, so war ich begierig, die Wagen und die Locomotive zu sehen. Wir reisten um 10 Uhr ab. Es waren drei offene Wagen vorhanden, welche innen von einander geschieden und mit Polstern versehen sind. Wenn dieselben leer sind, so erschienen sie sehr einladend, aber einmal gefüllt, findet man sich unvermeidlichen Unbequemlichkeiten ausgesetzt. Beispielsweise hatte ich einen Nachbar von unerträglicher Dicke, der sich in jedem Augenblicke erhob und wieder setzte, bis Jemand sich veranlasst fand, die Geschichte eines Mannes zu erzählen, der an einem der vorhergehenden Tage seinen Tod gefunden hatte, als er sich in diesem Wagen ausserhalb, entgegen den ihm gegebenen Rathschlägen, hielt; er war rücklings hinunter gefallen. Mein Nachbar, der diesen Bericht anhörte, beruhigte sich darauf ein wenig.

  Der Wagen enthielt 24 Personen; wir waren unser 150 im Zuge. Im Ganzen fand ich diese Art, bei offenem Himmel zu fahren, nicht sehr anziehend. Man sieht vorn und hinten nur die Wagen von beiden Seiten. Das Geräusch ist so betäubend, die Bewegung so aufregend und, abgesehen von der Atmosphäre von Manchester, die man mit sich nimmt und nicht so rein ist, wie auf dem Schiff bei einer Brise des Meeres, ist man dem ausgesetzt, in die Augen kleine Kohlen- und Eisentheile zu bekommen.
  In geschlossenen Wagen vermeidet man theilweise diese Unannehmlichkeiten. Alles ist so gut als möglich eingerichtet, aber für mich, die ich das Durcheinander und die Engigkeit verabscheue, mir erschien mein Fuhrwerk den Vorzug zu verdienen. Indessen fühle ich, dass es beinahe schlecht und undankbar ist, von einer so ausserordentlichen Erfindung so wenig respectvoll zu sprechen. Die schnellen Fortschritte der Gegenden, welche die Eisenbahn durchschneidet, sind sehr merkwürdig: auf allen Seiten entstehen Häuser.
 

 

7. Juli 1831.

Wir haben die Eisenbahn benutzt, um von Sanct *** zurückzukehren, wir wählten aber einen geschlossenen Wagen. In unserm Zuge ist ein Man getödtet worden, wir haben aber davon, selbst in dem Augenblicke, als es geschah, nichts erfahren, obschon ein Aufenthalt von einer Minute entstand, der für uns ohne scheinbare Ursache war. Man weiss nicht einmal, was in einem anderen Theile des Zuges sich ereignet, als wenn man hundert Meilen davon entfernt wäre!

   
  (1)Englische Meile.s
 

(Magasin pittoresque, herausgegeben v. E. Charton.)

 

  Quelle: Stammbuch der neueren Verkehrsmittel. Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphen und Luftschiffe. Eine Sammlung von Liedern und Gedichten, Aufsätzen und Schilderungen.Herausgegeben von C. Löper. Lahr: Verlag Moritz Schauenburg 1881.
  SW: Verkehr, Transport, Geschichte, Unterricht, Bildung, Schule, Arbeitslehre, Sachunterricht, Technik, Eisenbahn, Schienenverkehr, Lokomotiven, Bahnhöfe, Nahverkehr, Fernverkehr, Berufe, Augenzeugen, Industrialisierung, Eisenbahngeschichte, Verkehrsgeschichte, Technikgeschichte, Medienerziehung, Quelle, Dokument, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt

 

 


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aktualisiert: 29.10.2003

 

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