zum Bereich Eisenbahn in der Verkehrswerkstatt
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Die unterirdische Eisenbahn in London
  1865
  Das Beispiel des Themse-Tunnelbaues, der unter grossen Schwierigkeiten glücklich zu Ende geführt worden war, gab denen, die vor einigen Jahren mit dem Plane hervortraten, die Hauptbewegungs-Centren Londons und namentlich die Bahnhöfe, durch eine unterirdische Eisenbahn zu verbinden, die Mittel an die Hand, den ungläubigen Capitalisten, einem misstrauischen Publicum und allen Zweiflern zu beweisen, dass nicht Schwierigkeit und Kostspieligkeit des Baues, sondern lediglich die Frequenz bei der Rentabilität einer derartigen Capital-Anlage in Betracht zu ziehen sei. Was nun diese letztere anging, so konnten die Unternehmer sich leicht beruhigen, denn sie musste jederzeit eine ungeheure sein. Die Capitalien wurden also gefunden, und der Bau begann. Schon zum 1. Mai 1862, bei Beginn der zweiten allgemeinen Industrie-Ausstellung, wollte man die Bahnstrecke eröffnen, kam aber nicht dazu, sondern es verzögerte sich dieselbe bis zum 9. Januar 1863. Die aufgewandten Kosten betrugen für die 3¾ engl. Meilen 1,300,000 L. Bei einer überirdischen Bahn hätte man mit dem Doppelten, ja Dreifachen dieser Summe kaum die nöthigen Grundstücke erwerben und Entschädigungen auszahlen können. Man steigt nicht weit von der Post, vor Newgate Ludgate Hill, der Times-Redaction, in den grossen Tunnel, der seine Endstation 3¾ engl. Meilen entfernt auf dem Paddington-Bahnhof findet.
  Die Bahn folgt überall dem Strassenzuge. Der Untergrund der Häuser wird als Privat-Eigenthum betrachtet und als solches respectirt. Ein eigenthümliches Beleuchtungssystem haben unter Anderem die Stationen in Baker-Street und Gower-Street. Vierzehn ungeheuere Fenster oder vielmehr Kellerlöcher öffnen sich zu beiden Seiten in den gewaltigen, düsteren Wohnungen. Das Tageslicht, welches sie bringen, fällt auf eine senkrechte Mauer aus weissglasirten Ziegelsteinen, und von diesen zurückgestrahlt fällt es dann durch die eigentlichen Fenster senkrecht in die Halle hinab. Dennoch giebt der einfallende Tagesschein nur ein mattes, trübes, fast geisterhaftes Licht, das den Eindruck von Grab und Gruft, dessen man sich, so tief unter der im Sonnenschein athmenden Menschenwelt, doch nicht ganz erwehren kann, noch erhöht. Die Sonne Londons, und namentlich des unterirdischen Londons, ist das Gaslicht!
  Während die orientalische Civilisation der Assyrer, Aegypter, Juden, Meder, Perser, zum Theil auch der Griechen und Römer, sich einem Sonnen-Cultus mehr oder minder zuneigen, ist es characteristisch für die nordeuropäische und speciell für die englische Civilisation, dass ihre industriellen Unternehmungen, ihre Bauten und Einrichtungen sich dem leuchtenden Helios eher ab- als zuwenden. Viel eher könnte man sagen, unterliegen sie dem Einflusse der bleichen Luna, die in Ebbe und Fluth die Wogen des Meeres, also ein so wesentliches Machtelement Alt-Englands, beherrscht. Jedenfalls aber suchen sie sich dem Einflusse der Atmospäre oder der Erde so viel als möglich zu entziehen. An trüben Nebeltagen scheint es manchmal,als müsse man unter die Erde hinabsteigen, um in London genügend hell zu sehen, denn während oben Cabs und Omnibus aneinander rennen, weil die vorgesteckten Laternen kaum fünf Schritte weit sichtbar sind, herrscht unten fortwährend gleichmässiges Licht, gleichmässige Wärme, Ruhe und Ordnung.
  Auf unterirdischen Eisenbahnen reisen die Passagiere, durch die pneumatischen Tuben fliegen die Briefe und leichten Packete, auf elektrischen Drähten eilen die Menschengedanken mit Blitzesschnelle in alle Welt hinaus, während eiserne Schienennetze und schnelle Dampfer See und Land umspannen und verbinden. Das ist ein Stück Märchenpoesie der Industrie und der Eisenbahnen!
 

(Mag. für die Lit. des Auslandes für 1865.)

  Quelle: Stammbuch der neueren Verkehrsmittel. Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphen und Luftschiffe. Eine Sammlung von Liedern und Gedichten, Aufsätzen und Schilderungen.Herausgegeben von C. Löper. Lahr: Verlag Moritz Schauenburg 1881.
  SW: Verkehr, Transport, Geschichte, Unterricht, Bildung, Schule, Arbeitslehre, Sachunterricht, Technik, Eisenbahn, Schienenverkehr, Lokomotiven, Bahnhöfe, Nahverkehr, Fernverkehr, Berufe, Augenzeugen, Industrialisierung, Eisenbahngeschichte, Verkehrsgeschichte, Technikgeschichte, Medienerziehung, Quelle, Dokument, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt

 

 


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aktualisiert: 29.10.2003

 

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