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Eine „Dampfwagenfahrt“ von Dresden nach Leipzig im Jahre 1838.
  1838 von Otto Friedr. Wehrhahn
  Es ist doch eine merkwürdige Sache mit so einer Dampfwagenfahrt! Anfangs rollt die Wagenlinie langsam dahin, und der qualmende Schornstein-Cylinder der an der Spitze befindlichen Locomotive stösst, ebenfalls in langsamem Takte, schnaubende Töne, gleich einer wilden Bestie, aus. Aber immer schneller und schneller schnaubt er, und immer schneller und schneller laufen zugleich die Wagen dahin. Dabei befindet sich, auch in allmäliger Steigerung, ein gellendes Gehämmer ein, gerade so, als wenn klingende harte Ambossschläge im Takte des Mühlengeklappers wiederholt würden, und welches so stark wird, dass man nur durch lautestes Schreien in die Ohren des Nachbars sich verständlich machen kann. So fliegt man wie in einem mit allen Gängen gehenden Mühlwerke dahin, manchmal, besonders wenn die Neigung der Bahn etwas bergab geht, in solchem Schusse, dass alle Gegenstände am Wege, Menschen, Bäume, Wachthäuschen u.s.w. nicht vorbeiziehen, sondern vorbeischwirren, und dass Diejenigen, welche behaupten, man merke von der grossen Geschwindigkeit wenig oder nichts, wohl die Qualität der Bewegung mit ihrer Quantität verwechseln. Aber man glaube nicht, dass eine solche Fahrt anfangs eine angenehme Erfindung verursache. Mir wenigsten war, bis ich der Sache gewohnt ward, unheimlich dabei zu Muthe. Dieses Sichhingegebenfühlen in die Gewalt unsichtbarer Mächte, wobei, wenn Unglück sich ereignen sollte, nicht blos Beschädigung, sondern schreckliche Zerschmetterung das Loos sein würde, ferner die wahrhaft infernalischen Töne, die man zu hören bekommt, nämlich ausser jenem wilden Schnauben und klingenden Gehämmer, noch die Donnerschläge, wenn es unter einem der vielen gemauerten Bögen, über welche Querwege geleitet sind, hindurch geht, vor Allem aber der drei- bis viermal wiederholte durchdringende Pfiff, wodurch das Zeichen der Ankunft vor den Stationen gegeben wird, und den man bei Nachtzeit über eine Meile weit hören kann, ferner das betäubende Gezisch der Maschine, wenn der Dampf herausgelassen wird, endlich auch der Anblick des voranstürmenden schwarzen Cylinders, dessen dickhervorqualmende, Abends rothleuchtende Rauchmasse sich, von der schnellen Bewegung rückwärts getrieben, über den ganzen nachfolgenden Wagenzug verbreitet, und deren feine, am Tage unsichtbaren, aber die Augen incommodirenden Schlackentheilchen, sich bei einbrechender Dunkelheit in einen wahren Feuerregen verwandeln, verbunden mit der wüthenden Vehemenz, mit welcher man dahingerissen wird, erweckte in mir ein Gefühl, als wenn ich mit des Teufels Equipage, à la Faust, zur Hölle führe, wozu der Anblick des schwarzgähnenden, im Hintergrunde hoher Seitenwände sich öffnenden Tunnel-Eingangs trefflich passt.
 

Für diesen Tag musste ich, da der Tunnel und überhaupt die Bahn damals noch nicht ganz vollendet war, hier aussteigen, und setzte meine Reise bei schlechtem Wege und Wetter in einem gebrechlichen Planwägelchen nach Meissen fort; aber am folgenden Tage benutzte ich die Bahn wieder von Oschatz nach Leipzig. Es war 3 Uhr vorüber, als ich an ersterem Orte ankam, und, bei der Kürze der Tage und der trüben Witterung, schon abendlich düster; aber noch bevor es völlig finster wurde, rollte die ausgehende Dampfkraft den Wagen langsam in den Bahnhof von Leipzig hinein. Ich hatte die 7 Meilen in 1 ½ Stunde zurückgelegt! Kein Monarch der Erde ist früher so schnell und zugleich so glatt gefahren.

(Umschau in Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Leipzig 1840.)

  Quelle: Stammbuch der neueren Verkehrsmittel. Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphen und Luftschiffe. Eine Sammlung von Liedern und Gedichten, Aufsätzen und Schilderungen.Herausgegeben von C. Löper. Lahr: Verlag Moritz Schauenburg 1881.
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aktualisiert: 29.10.2003

 

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