zum Bereich Eisenbahn in der Verkehrswerkstatt
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Die Aehnlichkeit der Locomotive mit einem Thiere
  1858
  Wie oft geschah es nicht schon, dass wir auf einem schattigen Spaziergang durch eine Waldblösse oder auch auf sonniger Flur durch einen vorüberrauschenden Bahnzug zum Stillstehen genöthigt wurden? Und immer hat der Anblick noch seine Reize für uns, immer hinterlässt er uns noch Staunen, wenn die cometenartige Erscheinung, welche die Landschaft belebte, wieder verschwunden war. Vor Allem aber ist es das seltsame Geschöpf, der Kopf des Schweifes, welcher unsere hohe Bewunderung erregt. Ist es dem Menschen freilich versagt, willkürlich die Erscheinung organischen Lebens hervorzurufen, so hat er es doch dahin gebracht, ein Ding, ein Wesen möchte man sagen, zu ersinnen und zu erschaffen, welches den Schein einer willkürlichen Bewegung nachahmt. Die Natur gab uns manches Thier, welches abgerichtet häusliche Dienste verrichtet. Wir haben Esel und Maulthier beladen, damit sie auf schwierigen Saumpfaden über unwirthliche Joche getrennte Thäler in Verkehr setzen, süsse Trauben und Feigen, dunklen Wein und Seidengespinnste aus dem warmen Süden an den regenverschleierten Nordabhang der grossen Gebirge tragen. Wir haben das Pferd an den Pflug und vor die Leine gespannt, um den Ackerboden der Luft zu öffnen, um Schiffe den Fluss hinauf oder den Kanal entlang zu ziehen. Wir haben das Kameel belastet, damit es reich befrachtet die wasserlosen Einöden im Innern heisser Continente durchschreite und damit die blühenden Uferlandschaften der Sand- und Steinmeere durch das Wüstenschiff ihre Bedürfnisse gegenseitig zu befriedigen vermögen. Diese Verkehrswerkzeuge der organischen Natur haben der Civilisation unschätzbare Dienste geleistet und leisten sie noch. Wir brauchen uns nur zu besinnen, wie drückend allein die Thatsache für die Entwicklung der Staaten und Gesellschaften Amerika’s vor der Entdeckung war, dass jenem Festlande vollständig das Pferd fehlte, dass es also dort streng genommen keinen Ackerbau geben konnte, sondern nur Gartenwirthschaft. Wir wissen auch, dass jetzt im neuen Welttheile die Kameelzucht begonnen hat, da für die Wüsten im „fernen Westen“ dieses Thier allein als Träger eines belebten Verkehrs zu dienen vermag. Allein was sind alle diese, von der Natur fertig zu Gebote gestellten Kräfte, wenn wir die Quantitäten ihrer Leistungen vergleichen mit der Macht unseres Geschöpfes, mit der sich selbst vorwärts rollenden Maschine, mit der Locomotive? Man hat berechnet, dass für einen Schilling englischen Geldes (1 M.) durch
 

Menschenhände

600,000 Pfd.

elektromagnetische Kräfte

900.000 Pfd.

Pferdekräfte

5,600,000 Pfd.

Dampfkräfte

56,000,000 Pfd.

 

einen Fuss hoch gehoben werden können; das heisst mit andern Worten, dass wenn man sich die aus Kohlen zu gewinnende Kraft als Wertheinheit denkt, die Kraft der Pferde zehnmal, elektrische Batterien siebzigmal und der Menschenkräfte neunzigmal theurer ist.

 

Und wie nahe kommt nicht unser Geschöpf den belebten Wesen! Wenn es seine eisernen Knöchel und Gelenke regt, wenn es heisser seinen Athem durch die Luftröhre ausstösst, wenn wir wissen, dass in seinen Eingeweiden Kohle und Wasser verdaut werden, und die Stoffe entweder neuen Verbindungen unterliegen oder in andere Aggregatzustände übergeführt werden, und dass durch diese Umwandlung genau wie bei den belebten Wesen, Kraft erzeugt wird, wie beglückend ist denn ein solcher Vergleich nicht für den menschlichen Scharfsinn! Man erzählt sich, dass ein Kaiser von China, als er die erste Taschenuhr sah, das Ding für ein Thier hielt; zeigte es doch mehr Leben fast als eine Auster, deren Schalen man aufgesprengt hatte – was mögen denn Hindus berichten, die zum erstenmale eine Locomotive in vollem Laufe an den Ufern des heiligen Ganges vorübereilen sahen! Hat es der Mensch wirklich „herrlich weit gebracht“, so kostete es ihn doch mehr als sechs Schöpfungstage und mehr als ein blosses Wort, ehe es ihm gelang, eine Naturkraft so weit abzurichten, dass sie einen Stempel hob und dass der Stempel ein Rad drehte. Unzählige Versuche misslangen, unzählige Köpfe brachen über dem Problem, und nicht gewaffnet, wie Pallas Athene, sprang das Ungethüm aus dem Gehirn eines Glücklichen, sondern Jahrhunderte und Tausende von scharfsinnigen Menschen mühten sich ab, ehe der erste Wagenzug von den gebändigten Naturkräften in den Hafen gezogen wurde ...

(Deutsche Vierteljahrsschrift.)

  Quelle: Stammbuch der neueren Verkehrsmittel. Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphen und Luftschiffe. Eine Sammlung von Liedern und Gedichten, Aufsätzen und Schilderungen.Herausgegeben von C. Löper. Lahr: Verlag Moritz Schauenburg 1881.
  SW: Verkehr, Transport, Geschichte, Unterricht, Bildung, Schule, Arbeitslehre, Sachunterricht, Technik, Eisenbahn, Schienenverkehr, Lokomotiven, Bahnhöfe, Nahverkehr, Fernverkehr, Berufe, Augenzeugen, Industrialisierung, Eisenbahngeschichte, Verkehrsgeschichte, Technikgeschichte, Medienerziehung, Quelle, Dokument, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt

 

 


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aktualisiert: 29.10.2003

 

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