zum Bereich Eisenbahn in der Verkehrswerkstatt
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Wirkungen der neuen Verkehrsmittel auf das Landvolk und den Ackerbau
  Von Berthold Auerbach
 

Als wir an ein Ackergebreite an der Eisenbahn kamen, sagte der Bauer: „Sie können sich gar nicht vorstellen, was für Geschrei und Aberglaube überall auf den Dörfern war, als man die Eisenbahn anlegte. Man wird’s in hundert Jahren nicht mehr für wahr halten, was man davon fabelte; denn jetzt schon kommt es Einem vor, wie ein Traum nach einem Rausch. Noch jetzt, wenn man so am Geländer steht und der Bahnzug braust daher, ist es Einem, als ob der ganze Zug zermalmend auf Einen losfahre: damals aber haben die Leute wirklich Schwindel davon bekommen. Ich will dessen gar nicht gedenken, dass man wirklich und wahrhaftig geglaubt hat, der Teufel allein habe den Bau zu Stande gebracht und er fahre dahin und käme über’s Jahr wieder, um seine Opfer zu holen; der jüngste Tag sei vor der Thüre. Die Leute sagten sogar, das Saatfeld ginge davon zu Grunde, die Bäume sterben ab und die Dörfer werden in Brand gesteckt und jetzt – sehen Sie, das gehörte zu meinen schlechtesten Aeckern und nun ist es einer von den besten ... Die Bergwasser, die da herunterkommen, haben den Boden zum ertrunkenen Lande gemacht, und ich habe meine Nachbarn nicht dazu bringen können, dass wir eine gemeinsame Ableitung anlegten; da hat die Eisenbahn einen Durchzug gemacht und wir haben den besten, fetten Boden, der fast gar keinen Dünger braucht. Im Bestellen und Einheimsen der Ackerfrucht ist die Eisenbahn freilich hinderlich, weil die Bahnwärter mit ihrem Staatsdiener-Stolze keinerlei Rücksicht wollen gelten lasse, aber das wird sich mit der Zeit schon geben, und die Eisenbahn ist jetzt unsere beste Uhr, und es hat doch etwas Prächtiges, dass man ganz genau weiss, wieviel es an der Zeit ist, und die Genauigkeit und Pünktlichkeit, an die man sich durch die Eisenbahn gewöhnen muss, ist in allen Dingen von grossem Nutzen, so wenig man das auch noch deutlich bemerkt. Und tagtäglich sieht man, von wie vielen Dingen man noch nichts weiss, und das thut auch gut. Besonders die Kinder können sich die Eisenbahn gar nicht aus dem Sinn oder gar nicht hinein bringen. Meine Kinder wollen immer wissen, wie das mit dem Dampfwagen u.s.w. eingerichtet ist und wie man das macht, und ich selber, wenn ich dastehe und den Zug vorbeibrausen sehe und wenn ich mir den Telegraphen-Draht da betrachte, der sich dahinzieht, muss oft denken: es ist doch eine grosse Sache, was Menschenverstand zuwege bringt. Ich habe mir drinnen auf der Hauptstation die Gläser und Kolben zeigen lassen, mit deren Ausströmung der Draht beständig gefüttert wird; ich muss sagen, ich verstehe es doch nicht recht, aber das habe ich behalten, was mir der Telegraphen-Mann sagte: „Heutigen Tages ist der Mensch so weit gekommen, dass er mit Sonnenstrahlen malt, mit Dampf reist und mit Blitzen spricht.“ Und wenn ich mir so denke: Jetzt, in diesem Augenblick, laufen unhörbar und schneller, als man’s sagen kann, Worte durch den Draht dahin, und ein Land spricht mit einem andern, und ich sehe nichts und merke nichts davon, da macht mich das Geheimniss hier fast andächtig. Vor Zeiten hätten man diese Dinge nicht Geheimnisse, sondern Wunder genannt, aber jetzt wissen wir, dass sie das nicht sind: die Einen verstehen sie und die Anderen nicht; und es wird eine Zeit kommen, wo wiederum Neues offenbar ist. Und ich denke an die grossen Geheimnisse, die in der Welt und über ihr noch verborgen sind, und Alles ist so gross, dass ich’s nicht fassen und nur anstaunen kann, und ich danke meinem Geschicke, dass ich in einer Zeit lebe, in der die Geheimnisse der Welt uns ganz nahe gerückt sind, und seit ich das weiss, bin ich glücklicher. Ueber meinem Acker hin ziehen unsichtbare Worte und auf meinem Acker auch steht das grosse Räthsel der ganzen Welt, zu dem wir in Andacht aufschauen.“

Berthold Auerbach, Schatzkästlein des Gevattersmanns.

  Quelle: Stammbuch der neueren Verkehrsmittel. Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphen und Luftschiffe. Eine Sammlung von Liedern und Gedichten, Aufsätzen und Schilderungen.Herausgegeben von C. Löper. Lahr: Verlag Moritz Schauenburg 1881.
  SW: Verkehr, Transport, Geschichte, Unterricht, Bildung, Schule, Arbeitslehre, Sachunterricht, Technik, Eisenbahn, Schienenverkehr, Lokomotiven, Bahnhöfe, Nahverkehr, Fernverkehr, Berufe, Augenzeugen, Industrialisierung, Eisenbahngeschichte, Verkehrsgeschichte, Technikgeschichte, Medienerziehung, Quelle, Dokument, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt

 

 


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aktualisiert: 29.10.2003

 

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