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Wie ich Schleifenfahrer wurde
  1905 von F. W. Hinz
  Es war im Juli 1904; ich hatte zur Zeit gerade ein Engagement in Kopenhagen, konnte aber bei den Rennen auf keinen grünen Zweig kommen, denn mich plagte der Rheumatismus ganz reglementswidrig. Der bekannte Berliner Fahrer Willy B. war zur Zeit auch dort, und wir nahmen unsere Mahlzeiten gemeinsam bei Bech Olsen, dem bekannten dänischen Ringkämpfer, jetzt Gastwirt, ein. Eines schönes Tages saßen wir nach beendigter Mahlzeit beim Kaffee, und ich beschäftigte mich gerade mit der Frage, ob es wohl möglich sei, einen Hundertmarkschein mit einem Rasiermesser der Länge nach aufzuschneiden und dann die obere und die untere Hälfte einzeln auszugeben, damit er länger reiche. Plötzlich ruft mein Vis-à-vis aus: „Nanu, olle Nusselkruke, wo kommst du denn her!“ Ich fahre auf meinem Stuhl herum, und wen sehen meine Augen? Alfred Sch., den bekannten sächsischen Meisterfahrer.
  Die ersten Begrüßungsworte waren überaus herzlich und seitens des Letztgekommenen reichlich mit dem üblichen „Ei Härcheses“ durchsetzt. Im Laufe der Unterhaltung teilte uns dann unser gemeinsamer Freund aus dem klassischen Lande des Bliemchenkaffees mit, daß er im Zirkus Beketow den Todessprung ausführe. Unsere Hoffnung aber, noch einige Wochen seine angenehme Gesellschaft zu genießen, wurde getäuscht, denn sein Engagement war abgelaufen und er mußte sofort nach Schweden abreisen, um dort seine waghalsige Produktion vorzuführen. Als neue Sensation hatte sich der Zirkus in Kopenhagen die offene Schleife verschrieben, und sowohl Material als auch Fahrer sowie ein ganzer Troß von Managern, Ingenieuren und Leuten, welche sich mit Geld an dem Unternehmen beteiligt hatten, waren schon eingetroffen. Die Zeit der ersten Probefahrt des Mr. Danot, so nannte sich der Schleifenfahrer, war mittlerweile herangekommen und der gemütliche Alfred, der das Theater „besähen“ wollte, verabschiedete sich von uns, nachdem er uns das Versprechen gegeben hatte, sich nach seinem Auftreten des Abends bei „Wieviel“, dem fashionablen Restaurant am Eingang zum Tivoli, einzufinden und sich durch eine Flasche Sekt „ehrlich“ zu machen.
  Nach dem Nachmittags-Training machten B. und ich eine kleine Promenade; und zwei bildschöne junge Damen, denen wir nachgestiegen waren, machten uns durch ihr Verschwinden im Postgebäude auf unseren Mangel an Briefmarken aufmerksam. Um dem abzuhelfen, mußten wir natürlich auch eintreten, und uns auf dem Fuße folgt unser Todesfahrer, der uns gleich brühwarm erzählt, daß es mit der „Schleefenfahrt“ man sehr mies aussehe und ihm der Junge überhaupt nicht recht koscher vorkäme, weil er zu viele Flausen mache. Erst wäre ihm die Abfahrt zu niedrig gewesen, und nachdem man sie um einen Meter höher angelegt hatte, schien sie ihm wieder zu hoch. Der Direktor des Zirkus hätte schon mit Alfred Sch. Rücksprache genommen und ihm eine sehr hohe tägliche Gage offeriert, falls er die Fahrt ausführen wolle, aber er könne nicht akzeptieren, da er seinen eigenen Engagements nachkommen müßte.
  In Gedanken verloren, trat ich an den Schalter, kaufte meine Marken, und als ich beim Bezahlen meine ziemlich kleine Barschaft überblickte, hatte ich plötzlich eine Vision. Ich sah mich auf der Abfahrt stehen, unter mir die Schleife, um mich herum eine atemlose Menge, die gespannt jede meiner Bewegungen verfolgte, und am Eingang zur Manege, dort wo ich nach meiner Fahrt landen mußte, lag ein großer Haufen Gold und Kassenscheine wüst durcheinander. Noch halb im Traum verließ ich mit den anderen die Post und auf dem Wege zum Hotel sagte ich schließlich zu B.: „Weißt Du, ich habe Lust, die Schleife zu fahren.“ Die einzige Antwort war: „Du bist wohl übergefahren.“ Aber der einmal aufgetauchte Gedanke war nicht wieder zurückzudrängen, immer mehr gewann der Entschluß an Boden in meinem Kopf, und als wir uns am Abend bei Wieviel trafen, war mein erstes Wort zu Sch.: „Fährt schon jemand die Schleife?“ Auf seine verneinende Antwort machte ich ihn dann mit meinen Absichten bekannt und vom fortwährenden Widerspruch B.’s unterbrochen., kamen wir überein, sofort nach dem Zirkus zu gehen und wegen der Probefahrt und etwaigen Engagements zu unterhandeln.
  Wir verabschiedeten uns für eine Viertelstunde von unserer kleinen Gesellschaft, und fünf Minuten später schon saßen wir im eifrigen Gespräch mit dem Manager des „Loop“ im Zirkusrestaurant. Der Mann hatte schon geglaubt, unverrichteter Sache wieder abziehen zu müssen und war nun doppelt erfreut, jemand gefunden zu haben, der für ihn das Leben aufs Spiel setzen wollte. Es wurde vereinbart, daß die erste Fahrt noch am selben Abend nach Schluß der Vorstellung stattfinden sollte; als ich dann auch gleich einen Kontrakt abschließen wollte, riet mir mein Freund Alfred, den der Artistenaberglaube auch schon gepackt hatte, mit der Begründung davon ab, daß die Sache ja „sowieso“ schief gehen könnte, mit unterschriebenem Kontrakt aber ganz sicher nicht zum guten Ende führen werde. Der Manager verließ uns, um die nötigen Anordnungen zum Aufbau der Apparate zu geben; wir beide kehrten zu unserem unterbrochenen Souper zurück, wo man mit gespannten Mienen nach dem Resultat unserer Unterhaltung fragte. Kaum hatte ich meinen Bericht beendet, als auch schon B. auf mich einsprach, wie auf einen kranken Schimmel, und mit allen ihm zu Gebote stehenden Überredungskünsten mich von meinem „verrückten“ Vorhaben abzubringen suchte. Ich setzte jedoch allen Bekehrungsversuchen eine stoische Ruhe entgegen, und als er endlich einsah, daß ich nicht zu bekehren sei, versprach er mir hoch und heilig, keine zehn Pferde würden imstande sein, ihn nach dem Zirkus zu bringen, um sich anzusehen, wie ich mir den Hals bräche. Und dabei blieb es denn auch vorläufig.
  Die Unterhaltung drehte sich jetzt ausschließlich um allerhand Wagestücke. Ein jeder von den Anwesenden war schon in schwierigen Situationen gewesen und gab nun zum besten, auf welche Weise ihn entweder seine eigene Unerschrockenheit und Geistesgegenwart oder die launische Dame auf der rollenden Kugel aus der drohenden Gefahr gerettet hatte. Man pries den Mut und die Kühnheit des Berliner Schleifenfahrers, der sich durch seinen Wagemut ein Vermögen erworben haben soll, und regte sich auf über die Gefährlichkeit der Rennen mit Motorschrittmachern. Kurz und gut, die Stimmung erlebte allmählich einen vollständigen Umschlag, und meine bevorstehende Todesfahrt hatte in den Köpfen der Anwesenden schon ein bedeutend rosigeres Ansehen bekommen. Nur mich selbst befiel ein komisches Gefühl, eine Art nervöser Aufregung, wie ich sie manchmal vor einem Rennen hatte, nur stärker, intensiver. Ich habe einmal in einer Schlachtenschilderung gelesen, daß selbst im Feuer ergraute Krieger vor dem Beginn des Kampfes von einer gewissen Unruhe gepackt werden, welche sich in den Worten Luft macht: „Ach, wenn es doch schon los ginge!“ und ich glaube, man könnte meine Empfindungen von damals nicht besser beschreiben, als jene Worte es ausdrücken. Ich dränge zum Aufbruch, und nachdem wir bezahlt und noch eine Zigarette angezündet hatten, traten wir aus dem heißen Speisesaal ins Freie, wo die angenehm kühle Nachtluft unsere aufgeregten Nerven wohlig erfrischte.
  Die Verabschiedung ging mit allerhand Glück- und Segenswünschen vor sich, und Alfred Sch. und ich begaben uns in Begleitung einer feschen Berliner Soubrette, welche in Kopenhagen engagiert war, nach dem Zirkus, wo eben die letzten Vorbereitungen beendet wurden. Die Zirkusartisten waren von dem bevorstehenden Ereignis in Kenntnis gesetzt worden und hielten sich nun im Restaurant auf, der Dinge harrend, die da kommen sollten. Verschiedene Herren wandten sich mit aufmunternden Worten an mich, und die anwesenden Damen vom Ballett bekundeten ihr Interesse, indem sie ihre schönen Augen mehr oder minder wohlgefällig auf mir ruhen ließen. Mein lieber Freund Sch. dem ich es einzig und allein zu verdanken habe, daß ich nicht schon am ersten Tage schweren Schaden nahm, machte sich jetzt daran, die ganze Bahn aufs sorgfältigste zu untersuchen und auf seine Anordnung wurden dann noch verschiedene Änderungen vorgenommen. Inzwischen stellte ich den Sattel und die Lenkstange der Maschine, die beiläufig gesagt 85 Pfund wog, für mich zurecht und dann ging’s ans Umziehen. Was man mir alles auf den Körper hängte, weiß ich wirklich nicht mehr, nur so viel ist sicher: ich war ungefähr ebenso breit wie lang und selbst im kältesten Winter hat mich später der Gedanke an meinen damaligen Anzug schwitzen gemacht.
  Die Maschine war inzwischen „nach oben“ gebracht worden, und der Ablasser saß schon auf dem schmalen Brett, welches man für ihn dort angebracht hatte, und ließ die Füße lustig herunterbaumeln. Trotz des Ernstes der Situation mußte ich doch darüber lachen. Von allen Seiten regnete es gute Ratschläge, aber mein Mentor schnitt allen das Wort ab und sagte: „Nu hört aber gefälligst uff, Ihr verkeilt ’m ja bloß den Kopp!“, gab mir dann den Strick, an welchem ich mich halten mußte, um die steile Abfahrt hinaufzugehen, in die Hand und schob mich vorwärts, indem er mir ins Ohr flüsterte: „Ogen uff, Mund zu und die Gurasche nich verlieren.“
  Beim ersten Schritt schon hatte ich die Empfindung: jetzt gibt’s kein Zurück mehr, aber es kam mir gleich darauf wieder unsinnig vor, daß ich einen solchen Gedanken überhaupt hatte, denn ich wollte ja gar nicht zurück, für mich gab es doch nur ein „Vorwärts“. Ich glaube aber, diese plötzliche Angstempfindung ist in der menschlichen Natur begründet und selbst der waghalsigste und mutigste Mensch wird sich eines kleinen Schauers nicht erwehren können, wenn ihn der Gedanke des eventuellen unheilvollen Endes seines Unternehmens beschleicht. Wenn mir also jemand erzählen sollte, er kenne keine Furcht, so werde ich ihm sagen: das könne wohl stimmen aber sicher wisse er, was Beunruhigung ist, und beide Begriffe decken sich vollkommen; Angst klingt nur nicht so schön wie Beunruhigung. –
  Die schwankenden schmalen Bretter erhöhten das Gefühl der Sicherheit in mir auch nicht besonders, aber ich schritt tapfer und infolge des dicken Anzuges schwitzend, weiter, ohne hinter noch neben mich zu schauen, nur den Gipfel der Abfahrt mit dem Rad und dem jungen Mann mit den baumelnden Beinen fest ins Auge fassend. Ich entsinne mich noch, daran gedacht zu haben, was wohl mit den Beinen geschehen würde im Moment des Ablassens, aber da war ich auch schon angelangt. Meine ganze Aufmerksamkeit nahm jetzt das Umdrehen meiner unförmigen Persönlichkeit in Anspruch; ich hatte ungefähr dasselbe Gefühl, als ob man von mir verlangte, auf einer Turmspitze Cancan zu tanzen. Endlich war das schwierige Werk vollbracht, und ich versuchte nun, ein Bein über die neben mir stehende Maschine zu heben, um in den Sattel zu kommen, immer von der geheimen Angst, schon vorher herunterzufallen, geschüttelt; aber schließlich glückte der Versuch, und ich stand nun mit beiden Füßen auf den bekannten kleinen Holzstufen, die sich auf jeder Schleifenabfahrt befinden, die Maschine unter mir.
  Ich war also zum Abfahren fertig. Von unten herauf scholl ein gedämpftes Flüstern, dem Alfred aber durch ein energisches „Pst“ ein Ende machte, mich zugleich fragend, ob ich bereit sei. Der entscheidende Moment war also gekommen, und da ich tatsächlich nicht wußte, ob noch irgend etwas nicht in Ordnung war, so antwortete ich auf gut Glück „allright“; meinem Ablasser allerdings sagte ich, er solle mich vorläufig noch recht fest halten und erst dann loslassen, wenn ich ihm ausdrücklich gesagt hätte: „Fertig – los“.
  Noch einmal ließ ich meinen Blick nach unten schweifen. Ich sah den verödeten Zirkus mit seinen leeren Sitzreihen, ungefähr 30 Menschen, die kein Auge von mir ließen und jede meiner Bewegungen mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgten und vor mir die schräg abschießende Bahn, welche sich am Ende steil nach oben und dann rückwärts wölbte, um schließlich ganz aufzuhören.
  Und dann kam das „Nichts“, eine 6 Meter lange gähnende Kluft, die ich mit dem Kopf nach unten durchspringen mußte, damit ich auf die breite Auslaufbahn kommen konnte. Trotz aller Willensstärke krampfte sich mein Herz zusammen, und ich mußte ein paarmal tief Atem holen, um nicht zu ersticken; mir wurde auf einmal heiß, erdrückend heiß. Doch schon im nächsten Augenblick fror mich, daß mir die Knie zitterten, und diesem Umstande habe ich es zum Teil mit zu verdanken, daß ich aus meinem hypnoseähnlichen Zustand erwachte, denn um nicht von meinem luftigen Standpunkt abzustürzen, mußte ich meine Beine nach hinten durchdrücken, und mit dem Bewußtsein der Gefahr war auch meine ganze Geistesgegenwart zurückgekehrt. Dies alles spielte sich natürlich viel schneller in meinem Gehirn ab, als ich es hier schildern konnte, denn zwischen dem Augenblick, als ich „allright“ sagte, und der eigentlichen Abfahrt lagen höchstens 12 Sekunden. Man sagt ja, daß Leuten, welche von einer großen Höhe herabstürzen, in 2 bis 3 Sekunden das ganze vergangene Leben an dem geistigen Auge vorüberzieht. Ich fragte also der Sicherheit halber den jungen Mann hinter mir, ob alles in Ordnung sei, und als er bejahte, rückte ich meine Kopfschutzkappe, die mir nicht paßte, zurecht, faßte dann die Lenkstange fest und gab das verabredete Abfahrtszeichen.
  Jetzt gab es aber wirklich kein zurück mehr, meine Füße verließen den festen Boden, ich schwankte bedenklich hin und her, fand mich aber bald zurecht und nun ging es erst langsam, mit jedem Zentimeter aber schneller bergab, bis schließlich die Geschwindigkeit selbst mir, der ich doch als Schrittmacher schon über 80 km in der Stunde gewöhnt war, zu groß wurde und, – ich muß es gestehen, – meine Gehirntätigkeit teilweise lähmte. Dabei weiß ich jetzt, daß die Schnelligkeit kaum mehr als 50 km in der Stunde beträgt, aber die Hauptursache ihrer lähmenden Wirkung ist die Tatsache, daß sie sich auf die verhältnismäßig kurze Strecke von 12 Metern (denn länger war meine Abfahrtsbahn nicht) von der vollkommenen Ruhe bis auf die vorgenannte Kilometerzahl verändert. Meine Empfindung beim Hinunterfahren war genau dieselbe, wie ich sie bei meiner ersten Seekrankheit hatte; der Magen schien mir an dünnen Gummifäden zu hängen, und ich hatte das Gefühl, als ob er mir immer um einige Meter voraus wäre. Ich war die ganze Zeit über beschäftigt, mit meinen Füßen auf die Pedale zu kommen; es wollte mir aber nicht gelingen, denn das Rad war mir vollkommen unbekannt und zum Hinsehen hatte ich keine Zeit, so ließ ich denn kurz entschlossen meine Beine herunterhängen. Die Fahrt schien mir immer rasender zu werden, und plötzlich, wie um das Unglück vollständig zu machen, wurde es vor meinen Augen stockdunkel: Meine Kappe, die, wie schon erwähnt, für mich zu groß war, war durch die schräge Lage meines Körpers über mein Gesicht gefallen.
  In einer tausendstel Sekunde war mir das Gefahrvolle meiner Situation klar, und mich durchrieselte es kalt; mir war, als ob sich tausend giftige Schlangen um meinen Körper ringelten; aber ich gab mich noch nicht auf. Fester noch packte ich die Lenkstange, damit sie sich um keinen Millimeter rücken konnte, immer noch von der grundfalschen Idee eingenommen, daß die offene Schleife ebenso wie die geschlossene, wenn richtig konstruiert, eine teilweise automatische Sache sei, und der Möglichkeit des Sehens beraubt, strengte ich mein Gehör und Gefühl aufs äußerste an, um ungefähr zu wissen, wo ich war. Soviel ich berechnen konnte, mußte ich jetzt ungefähr am Ende der Abfahrt sein, und schon spürte ich, wie mit einem Male meine Körperlage sich veränderte, und an dem dumpfen Rollen und Knacken der Bretter wußte ich, daß ich immer noch die Bahn unter mir hatte. Plötzlich gab es einen Ruck, und jedes Geräusch hörte auf; ich flog jetzt durch die Luft immer noch bei vollem Bewußtsein, dann gab es einen furchtbaren Schlag, ich hörte Krachen und Splittern von Brettern und dann wurde ich ohnmächtig.
  Doch kaum zwei Sekunden dauerte dieser Zustand, ich öffnete meine Augen, von denen die verhängnisvolle Kappe sich wieder verschoben hatte, und sah nun von allen Seiten Leute herbeieilen, um mir zu helfen, allen voran mein lieber Alfred. Man half mir, mich von der Maschine, die auf mich gefallen war, zu befreien und dann schleppte ich mich, auf meinen Freund gestützt, zur Manegenbrüstung, um dort, noch halb ohnmächtig, niederzusinken. Ich war bei dem Sturz auf den Rücken gefallen und rang nun unter entsetzlichen Schmerzen nach Atem, von der schrecklichen Angst gepeinigt, ersticken zu müssen. Inzwischen hatte man Cognac geholt und nachdem mir davon eingeflößt worden war, erholte ich mich recht schnell. Äußerlichen Schaden hatte ich fast gar nicht davongetragen, meine Schienbeine waren zwar arg zerschunden, ebenso der Rücken, und am Kopf hatte ich eine große Beule, aber solche Kleinigkeiten achtet man nicht, wenn man Rennfahrer gewesen ist.
  Ich stand auf, erbat mir eine Zigarette und – gab den Auftrag, die Maschine wieder herzurichten und nach oben zu schaffen, denn es hatte mich plötzlich der unbezähmbare Wunsch gepackt, meinen eben mißglückten Versuch sofort zu wiederholen. Einstimmiges Bravo lohnte meine Worte, und das Gesicht des Managers, welches eben noch so lang war wie der Tag vor Johanni, hellte sich mit einem Male wieder auf. Zu meiner Genugtuung stimmte auch mein Freund Sch. meinem Entschluß bei und in weniger als fünf Minuten stand ich zum zweiten Male zur Abfahrt bereit.
  Diesmal waren es ganz andere Gefühle, die mich durchdrangen. Ein halsstarriger Trotz hatte mich gepackt; ich wollte der Schleife, diesem Aufbau von Holz und Eisen, meine Meisterschaft beweisen, denn sie kam mir vor wie ein lebendes Wesen, welches im ersten Gange des Duells mit mir die Oberhand behalten und mich dadurch um so mehr gegen sich erbittert hatte. Auch die rohe Naturgewalt, die Zentrifugalkraft, wollte ich meinem Willen gefügig machen und beseelt von diesem Kampfesmut freute ich mich schon auf das Hinuntersausen. Von meiner Kappe hatte ich kein hinderndes Eingreifen mehr zu befürchten, denn man hatte sie mir mit Bindfaden festgebunden und auch mit dem Rade hatte ich mich durch einige Versuche vertraut gemacht; ich wußte also, diesmal lag alles an mir, und zu mir selbst hatte ich Vertrauen.
  Zum zweiten Male also rief ich „los“, setzte dann meine Füße auf die Pedale, und genau dem schwarzen Strich folgend, ging’s hinunter, dann wieder hinauf, bis ich plötzlich anstatt der Fahrbahn die Zirkusdecke unter mir sah! Ich sah mich auf der anderen Seite ankommen, konnte aber mein Rad nicht mehr ausrichten und stürzte krachend zu Boden. Diesmal jedoch war ich nicht besinnungslos, nur leisteten der einen Beule am Kopf jetzt zwei neue Gesellschaft, so daß mein Hut nachher zu klein war, als ich ihn aufsetzen wollte, und ein Finger der rechten Hand, an dem das Fleisch ziemlich gründlich auseinandergequetscht war, blutete stark. Gerade hierbei bewährte sich der so vielfach angezweifelte praktische Sinn der Frauen auf das eklatanteste; während nämlich vier Männer davonstürzten, um Verbandstoff zu besorgen, preßte mir die eingangs erwähnte Soubrette den Finger tüchtig aus und wickelte dann eines ihrer überaus zierlichen Taschentücher herum. Als die Vertreter des starken Geschlechts endlich etwas aufgetrieben hatten, war ich schon nahezu umgekleidet, denn ich hatte infolge der Fingerverletzung die weiteren Versuche am selben Abend einstweilen aufgegeben.
  Nachdem ich meine Toilette beendet hatte. ging ich dann in Begleitung meiner Freunde nach Hause, den viel zu klein gewordenen Hut auf meinem unförmigen Kopfe balancierend. Allerhand Gedanken liefen in meinem Gehirn durcheinander; kein Wunder, hatte ich doch in einer Stunde mehr erlebt wie mancher in einem ganzen Jahr. Mein Freund Alfred hatte durch meine Stürze alles Zutrauen zu der Sache verloren und riet mir eindringlich von weiteren Versuchen ab. Schließlich versprach ich ihm auf Wort, seinem Ratschlag zu folgen. Mit zerschlagenen Gliedern und brummendem Schädel legte ich mich endlich zu Bett. Willy B., mit dem ich ein Zimmer bewohnte, hatte mich bei meiner Ankunft in seiner trockenen Weise mit den Worten: „Na, da bist du ja, hast viel Schwein gehabt, daß du überhaupt noch da bist“ bewillkommnet und sich dann zum Weiterschlafen umgedreht.
  Am nächsten Morgen schon gereute mich mein Versprechen, und gleich nach dem Frühstück machte ich mich auf den Weg zu Alfred Sch., der nachmittags um 4 Uhr per Schiff nach Schweden fahren wollte, und bat ihn dringend, mir mein Wort zurückzugeben. Er hielt mir noch einmal vor, daß von allen Leuten, die dort waren, niemand auch nur das geringste von dem Aufbau der Schleife verstünde, daß der ganze Apparat, die Maschine mit inbegriffen, schon auf dem letzten Loche pfeife, aber alles nützte nichts, und schließlich entband er mich von meinem Versprechen. Sofort ging ich zum Manager und kündigte ihm an, daß ich am Abend wieder zu probieren beabsichtige, was ihn natürlich sehr freute, und ihm Anlaß gab, mir allerhand Schmeicheleien über meinen Mut zu sagen.
  Der Tag verging mir viel zu langsam, und den Abend verbrachte ich im Zirkus, der ein ausgezeichnetes Programm aufwies. Nach Schluß der Vorstellung wurde dann die Schleife wieder aufgestellt, und ich fuhr zweimal mit bedeutend besserem Erfolg wie am vorhergehenden Tage. Bei der letzten Fahrt – notabene, jede von ihnen endete in einem Sturz – hatten sich die Pedale so sehr verbogen, daß an einen dritten Versuch nicht mehr zu denken war, und da ich Lust hatte, am nächsten Vormittag noch einmal zu probieren, wurde alles stehengelassen, nur die Maschine zur Reparatur weggegeben.
  Ich war aber an diesem Abend recht zufrieden mit mir, denn beim letzten Versuch wäre ich beinahe glücklich durchgekommen, nur hatte ich ein wenig zu sehr links gehalten bei der Ausfahrt und war dadurch gegen die Auffahrt gesaust und dann natürlich umgefallen. Aber von der Probe am nächsten Morgen versprach ich mir Besseres, ja ich hoffte bestimmt, die Fahrt korrekt zu beendigen.
  Als ich am nächsten Vormittag mit B., den ich mit vieler Mühe zum Mitkommen überredet hatte, den Zirkus betrat, wurde ich einigen Journalisten vorgestellt, welche man eingeladen hatte, da man schon von dem glücklichen Ausgang des kommenden Experiments überzeugt war.
  Der erste Versuch mißlang an derselben Stelle wie der letzte des vorhergehenden Abends, und ich befahl, die Maschine wieder nach oben zu schaffen, als mir plötzlich auffiel, daß die Lenkstange schief war. Bei dem Versuch, sie auszurichten, merkte ich, daß sie überhaupt nicht festgeschraubt war, und ich erteilte dem Ablasser (diesmal ein neuer) einen tüchtigen Rüffel und trug ihm gleichzeitig auf, die Schraube festzuziehen; als ich dann wieder versuchte, war es noch die alte Geschichte, und ich ließ mir einen Schlüssel geben, um selbst alles in Ordnung zu bringen. Allein ich mußte mein Vorhaben bald aufgeben, denn infolge meines dicken Anzuges konnte ich mich kaum rühren. Nachdem noch verschiedene Herren ihre Kunst versucht hatten, zog ich noch einmal an der Lenkstange und war diesmal, wohl vom Wunsche gedrängt, den Leuten keinen unnützen Weg gemacht zu haben, etwas zu schwach und redete mir ein, sie brauchte überhaupt nicht allzu fest zu sitzen. Und das sollte mein Verderben werden.
  Die Maschine wurde wieder auf die Abfahrt gebracht und gleich darauf ging’s wieder hinunter in sausender Fahrt. Plötzlich bekam ich bei der Auffahrt einen Stoß, und das Rad gehorchte nicht mehr meinem Willen, denn die Lenkstange war völlig locker geworden. Ich fuhr in der Höhe von ca. 4 Metern rechts aus der Schleife heraus und dann senkrecht nach oben. Zu meinem Glück stieß ich mit der Maschine an einen der elektrischen Leitungsdrähte, welche die großen Bogenlampen verbinden, und mein Körper wurde dadurch so gedreht, daß ich mit den Füßen zuerst auf dem Boden ankam. Das Gefühl kurz nach dem Aufschlag war etwas unangenehm, aber nicht sehr schmerzhaft. Die ärztliche Untersuchung ergab dann, daß ich das rechte Bein am Knöchel gebrochen, zwei Sehnen zerrissen und außerdem noch etwas vom Knöchel abgesplittert hatte.
  Dieses unangenehme Ereignis setzte natürlich den weiteren Versuchen vorläufig ein Ziel, und nachdem ich fünf Wochen im Bette gelegen hatte, ohne mich zu rühren, fing ich dann wieder an, auf Krücken gestützt herumzuhumpeln. – Ende September fing ich dann zum zweiten Male mit den Versuchen an und nach zirka einem Monat ging alles „glatt“ vonstatten. (1905)
  Die ernsteren Nachteile der Maschine sind vor allem: erstens die Gefahren des Umschlagens, die manchen Arm, manches Bein, manche Rippe und in Folge dieser Verletzungen auch ein paar Leben kosteten ... zweitens, daß die ... Lungen gar sehr in Gefahr sind, bei anhaltendem oder angestrengtem Gebrauche derselben angegriffen zu werden und zu leiden. Mehrere Bekannte mußten daher auf Geheiß ihres Arztes den Gebrauch der Draisine aufgeben.
  Johann Gottfried Dingler (?) im Polytechnischen Journal Stuttgart 1821
1818 - Julius von Voss: Die Reise auf der Draisine
1818 - Karl von Drais: Die Laufmaschine des Freiherrn Karl von Drais zu Mannheim
1897 - Ludwig Ganghofer: Die Fahrschule
1897 - Amalie Rother: Wie wir in Berlin Anfingen
1899 - Brauchen wir einen Freilauf?
  1905 - F. W. Hinz: Wie ich Schleifenfahrer wurde
   
 

zitiert nach : F.W. Hinz: Wie ich Schleifenfahrer wurde. Aus: Sportalbum der Radwelt. IV Jahrgang 1905. Verlag der Radwelt, Berlin 1905, S. 34-41.
Mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Taschenbuchverlags entnommen aus: Ich fahr' so gerne Rad ... Geschichten von der Lust, auf dem eisernen Rosse dahinzujagen. Herausgegeben von Hans-Erhard Lessing. München 4. Aufl. 2002

 

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aktualisiert: 06.02.2006
 
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