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Wie
wir Frauen anfingen Rad zu fahren |
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1897
von Amalie Rother |
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Seit
Frauen anfingen, sich unserem schönen Sport zuzuwenden, begann auch
die Presse sich mit dem Damenfahren zu beschäftigen. Gut gemeint war
wohl das meiste, was wir zu hören bekamen, aber vielfach so ohne jede
Kenntnis der Damenradelei selbst und mit so vollkommener Unwissenheit
über die einschlägigen Verhältnisse geschrieben, daß die guten Lehren
auf die Radlerinnen oft einen ganz andern, vom Verfasser kaum beabsichtigten
Eindruck machten. Versuchte man in der Fachpresse zu erwidern, so
wurde man entweder gar nicht, oder bis zur Entstellung gekürzt abgedruckt
oder bekam wenigstens einige mitleidige Bemerkungen mit auf den Weg.
In der nächsten Nummer schlug einen dann die angegriffene hochweise
Sportsautorität ganz mäuseleintot. Wollte man gar replizieren, so
war die Sache „genügend erörtert“. |
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Das
ist ja ganz anders geworden, seit wir eigene tüchtige Organe für den
Damenfahrsport besitzen. Ob es mir gelingen wird, dem reichen Stoff
die rechte Form zu geben, muß ich abwarten. Eins darf ich aber den
Lesern versichern: Jedes Wort der Arbeit beruht auf eigener Erfahrung
und Selbsterleben. Radfahrerlatein ist mir verhaßt, Quellen, die ich
mißverstehen könnte, habe ich nicht. Wo ich mir erlaube, einen Rat
zu erteilen, hat sich das empfohlene Verfahren wenigstens für mich
als praktisch erwiesen. |
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Die
Teilnahme der Frauen an den meisten Sports ist neueren Datums. Nur
den Reitsport trieben sie seit alters her. Die Reiterei hat auch nie
für „unweiblich“ gegolten. Aber alle anderen Sports, Turnen, Jagd,
Schwimmen, Rudern, Schlittschuhlaufen blieben lange der Frau verschlossen.
Nur langsam und zögernd wagten einzelne kühne Pionierinnen der allgemeinen
Mißbilligung Trotz zu bieten und unbekümmert um alles Altweibergezeter
zu tun, was sie für gut und richtig erkannt hatten. Meist hat es eine
Reihe von Jahren gedauert, bis ein Sport eine ausreichende Zahl von
Anhängerinnen fand, um als eingeführt zu erscheinen. Hier unterscheidet
sich der Radfahrsport wesentlich von allen anderen Sports. |
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Es
sind lange Jahre seit dem Auftreten des ersten Boneshakers vergangen,
bis von einer wirklichen Verbreitung des Radfahrsports die Rede sein
konnte. Sowie aber eine praktische Maschine, das Pneumatikniederrad,
hergestellt war, stand der Radfahrsport fast mit einem Schlage auf
der jetzigen Höhe. Dies trifft auch für das Radfahren der Frauen zu.
Das Hochrad war naturgemäß der Frau so gut wie ganz verschlossen.
Es ist von Frauen, abgesehen von Artistinnen, nur in ganz vereinzelten
Fällen bestiegen worden. In München sollen Anfangs der 80er Jahre
die Damen einzelner eifriger Radfahrer als Knaben verkleidet Hochrad
gefahren sein. Namen habe ich nicht erfahren können. Diese Damen sind
jedenfalls die ersten deutschen Fahrerinnen gewesen. In Amerika ist
das Hochrad etwas mehr von Damen benutzt worden, praktische Erfolge
sind auch dort nicht damit erzielt worden. Das „alte stolze Hochrad“
war und blieb nun einmal ein gar zu unpraktisches Ding. Es war dem
Tode geweiht, sobald ein brauchbares Niederrad hergestellt war. Solange
behalfen sich die vereinzelten Damen, die durchaus radfahren wollten,
mit dem Dreirade. |
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In
Berlin dürften meine Freundin Frl. Clara Beyer und ich die ersten
Damen gewesen sein, die sich dem entsetzten Volke auf dem Rade zeigten,
und zwar auf Dreirad. Das war 1890. Wir ließen uns zunächst die Räder
nach auswärts bringen und radelten auf stillen Waldchausseen, von
den vereinzelten Passanten teils mit tugendhaftem Entsetzen, teils
mit Hohngelächter und Bemerkungen unzweideutigster Art begrüßt. Dann
wagten wir es, in frühester Morgendämmerung die Stadt zu durchfahren
und endlich wurde auch eines schönen Nachmittags vom Blücherplatz
aus gestartet. Sofort sammelten sich Hunderte von Menschen, eine Herde
von Straßenjungen schickte sich zum Mitrennen an, Bemerkungen liebenswürdigster
Art fielen in Haufen, kurz, die Sache war das reinste Spießrutenlaufen,
so daß man sich immer wieder fragte, ob das Radfahren denn wirklich
alle die Scheußlichkeiten aufwöge, denen man ausgesetzt war. Eigentümlich
war dabei, daß am rüdesten und gemeinsten sich nicht die unterste
Volksklasse benahm, sondern der Pöbel in Glacéhandschuhen und zur
Schande meiner Landsmänninnen muß ich das leider sagen, Frauen, die
ihrem Äußeren nach den besseren Ständen angehörten. „Pfui, wie gemein!“
war ungefähr das Mildeste, was man von „schönen“ Lippen zu hören bekam. |
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Ich
habe eine Zeitlang die gehörten Redeblüten gesammelt. Leider ist mir
die Aufzeichnung verlorengegangen. Neben ganz unflätigen Schimpfworten
waren es meist praktische Ratschläge, wie wir wirtschaftlich unsere
Zeit an Stelle des Radfahrens besser anwenden sollten. Das Komischste
leistete eine alte Dame in Berlin W. Sie stand auf dem Bürgersteig
und sah mich ankommen. Ihr Gesicht zeigte ein derartiges starres Entsetzen,
daß ich unwillkürlich in langsamstes Tempo fiel und sie mir genau
ansah. Während ich ganz langsam bei ihr vorbeifuhr, platzten ihr plötzlich
die Worte heraus: „Das ist ja gar nicht möglich!“ Und es war nicht
nur möglich, es war sogar Tatsache. Heute wird sie sich wohl daran
gewöhnt haben. |
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Auch
abgesehen von den sympathischen Straßenkundgebungen hatte die Radfahrerin
gesellschaftlich mit einem geradezu fanatischen Hasse zu kämpfen.
Alles Verweisen auf Reiterinnen, Schlittschuhläuferinnen half nichts,
Radfahren war und blieb „unweiblich“. Einen vernünftigen Grund, warum,
konnte natürlich niemand angeben. Alles das war wohl geeignet, einem
manch liebes Mal die Tränen in die Augen zu treiben. Aber dann, wenn
man endlich draußen angelangt war und unter dem grünen Laubdach auf
schöner Chaussee dahinflog, wenn die Brust sich weitete und das Herz
höher schlug, dann schwor man sich wieder: Und wenn es noch neunmal
toller käme, ewige Treue dem Radfahrsport! Ähnlich ist es den Radfahrerinnen
wohl überall im deutschen Vaterlande ergangen, ich habe wenigstens
noch nicht gehört, daß irgendwo die erste Radfahrerin mit großem Wohlwollen
aufgenommen worden wäre. |
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Auf
den Gedanken, die Kleidung der Maschine entsprechend zu ändern, das
heißt in Hosen zu fahren, wären damals selbst die Kühnsten unter uns
nicht geraten. Auf das Dreirad setzte man sich, weil es zur Not das
Fahren im Kleide gestattete. Daß der Rover erheblich leichter und
bequemer fahrbar war, sahen wir ja, aber er war uns verschlossen,
weil wir ihn nicht im Kleide fahren konnten. Da wurde endlich das
Damenrad konstruiert, eine Maschine, die durch Weglassung der oberen
Querstange aus dem Rahmen das Fahren im Kleide gestattete. 1892 gesellte
sich als dritte Berliner Fahrerin Frau Ida Caspari zu uns, und das
Zweiradfahren wurde begonnen. Ich bin gewiß heute keine Freundin des
ebenso häßlichen wie unpraktischen Damenrades, aber das steht fest:
Ohne diese Maschine hätte das Damenfahren nie den jetzigen Aufschwung
genommen, die besseren Kreise hätten sich viel schwerer zum Fahren
entschlossen. Das besserte sich natürlich in dem Maße, in dem die
Zahl der Fahrerrinnen zunahm. |
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Einen
ganz erheblichen Fortschritt brachte hier das erste Damenrennen im
September 1893, dadurch daß zum ersten Male einem großen, zum guten
Teil sportverständigen Publikum Gelegenheit geboten wurde, eine Reihe
guter Fahrerinnen nebeneinander in geschmackvollen Anzügen die Maschine
meistern zu sehen. Das wirkte natürlich ganz anders, als wenn man
irgendwo eine einzelne Frau vom Gejohl des Pöbels verfolgt daherkommen
sah. Jedenfalls war für den sportverständigen Teil des Publikums nun
das Eis gebrochen. Die Radfahrer achteten uns als gleichberechtigte
Kameraden und der Aufschwung begann, wenn auch zunächst noch langsam.
In schnelleres Tempo geriet die Bewegung 1895, bis endlich 1896 der
volle Sieg errungen war. Jetzt dürften nur noch ganz vereinzelte alte
Perückenstöcke es wagen, die Radfahrerin als „unweibliches“ Wesen
zu bezeichnen. Im Grunewald sieht man manchmal mehr Fahrerinnen wie
Fahrer. |
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Und
das ist ganz natürlich, denn abgesehen von dem hohen Genuß, den das
Fahren an sich, die schnelle, nur dem Fliegen zu vergleichende Bewegung,
der Aufenthalt in der freien Gottesnatur bieten, ist der segensreiche
Einfluß des Radfahrens auf Körper und Geist der Frau ganz unverkennbar.
Besonders wir Großstädterinnen sind ja an sich schon mehr oder minder
zum Stubenhocker verurteilt, mögen wir nun unseren Wirkungskreis als
Hausfrau haben oder mögen wir einsam im Erwerbsleben stehen. Wie manche
Frau lechzt nach der frischen Luft; zur Not kann sie sich ja auch
täglich eine oder ein paar Stunden abmüßigen. Aber wie nun ins Freie
kommen? Selbst die Equipage der allerobersten Zehntausend ist nicht
immer disponibel, wir equipagenlosen Frauen haben entweder stundenlange
Fußwanderungen oder kostspielige, vielfach sehr unangenehme Fahrten
in der überfüllten Stadtbahn, im Omnibus usw. vor uns, ehe wir draußen
sind. Da unterlassen wir manchmal den Ausflug lieber ganz. |
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Wie
anders steht da die Radfahrerin. Die Maschine ist stets gebrauchsfertig
in einer Viertel- oder Halbenstunde sind wir draußen. Ist die Zeit
kurz zugemessen, so ist man ebenso schnell wieder zu Hause. Kein versäumter
Zug, keine überfüllte Pferdebahn, kein Droschkenmangel mehr! Frei
und unabhängig von allem andern kann man auf die Minute bestimmen,
wann und wo man sein will. Das alles ist mehr der geistige Genuß des
Radfahrens. Aber auch rein körperlich fühlen wir seine segensreiche
Einwirkung Welcher Kopfschmerz, welche Migräne vermag es, einer schönen
Fahrt stand zu halten? Wie mundet uns das einfachste Mahl im bescheidenen
Dorfwirtshause, wenn wir eine tüchtige Strecke hinter uns gebracht
haben! Der Körper härtet sich ab, eine einigermaßen in Training befindliche
Fahrerin kennt keine Erkältung oder sonstige weibliche Beschwerden. |
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Was
wir am Radfahren haben, spüren wir so recht, wenn wir es eine Zeitlang
aussetzen müssen. Durch das gewöhnliche „schlechte Wetter“ läßt sich
ja die passionierte Fahrerin nicht zurückhalten. Scheint die Sonne,
ist’s gut, regnet’s, ist’s schließlich auch gut. Eine gewisse Wurstigkeit
gegen schlechtes Wetter ist unbedingtes Erfordernis für die Tourenfahrerin.
Man fährt ja natürlich weniger, bleibt auch mal zu Hause, wenn’s gar
zu toll aussieht, aber man setzt nicht ganz und gar aus. Eine schlechte
Radlerin, die ihrem Rade einen Winterschlaf gestattet, wie ihn Igel
und Murmeltier halten! Aber manchmal gibt’s doch besonders im Winter
Zeiten, wo das Fahren unmöglich ist. Und das empfindet man sofort
körperlich und geistig schwer. So lange Eisbahn ist, ersetzt ja der
Schlittschuh einigermaßen das Rad. |
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Aber
wenn auch der versagt, kommt für die luftgewohnte Lunge, die bewegungsgewohnten
Glieder eine schwere Zeit. Die junge Welt stürzt sich dann mit um
so größerer Begeisterung in den Tanz. Wer aber schon Töchter hat,
die selbst radfahren, für den ist das auch nichts rechtes mehr. Und
selbst wenn – Tanzen und Radfahren, Ballsaal und freie Gottesnatur,
welch himmelweiter Unterschied! Wie gut das Radfahren jeder von uns
bekommt, zeigt schon die Tatsache, daß noch keine Radlerin es freiwillig
wieder aufgegeben hat. Hier rede ich natürlich nur von solchen, die
es bis zur Beherrschung des Rades gebracht haben, nicht von denen,
die den Unterricht begonnen und wegen allzugroßer Ungeschicklichkeit
oder auch – Trägheit – wieder ausgesetzt haben. Die sind nie Radlerinnen
gewesen. |
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Die
fertige Radlerin, die den Radfahrsport wieder aufgibt, ist ganz gewiß
dazu gezwungen worden. Mir sind nur solche Fälle bekannt, in denen
Fahrerinnen ohne oder gar gegen den Rat des Arztes das Fahren begonnen,
forciert und dadurch bestehende Übel verschlimmert hatten. Daß wir
hier noch bedeutend vorsichtiger sein müssen wie die Herren, versteht
sich von selbst. Aber einen guten Rat will ich hier den angehenden
Sportsjüngerinnen geben: Fragt in Radfahrangelegenheiten um ärztlichen
Rat nur einen Arzt, der selbst Radfahrer ist. Selbst der allergeheimste
Herr Medizinalrat, und wenn er von medizinischer Weisheit trieft,
– das Radfahren und dessen Wirkungen kann er nur beurteilen, wenn
er selbst Radfahrer ist. Welche Urteile der nicht radfahrende Arzt
(übrigens wohl eine aussterbende Menschenklasse) unter Umständen losläßt,
ist schier unglaublich. Hat doch vor noch gar nicht langer Zeit eine
unserer größten Berliner Autoritäten Radfahren und Treppensteigen
auf die gleiche Stufe gestellt. |
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Also:
Fahren darf nur der, dem sein Gesundheitszustand das gestattet. Das
ist aber auch die einzige Grenze. Weiter erkenne ich keine an, weder
nach unten noch nach oben. Hier von der Grenze nach oben. Ältere Damen
sind bis jetzt wenig auf dem Rade zu sehen. Ja, warum? Je älter man
wird, je schwerfälliger stellt man sich natürlich beim Lernen an.
Ich merke das leider an mir selbst. Ich bin gute Dauerfahrerin und
unter allen Umständen Herrin meiner Maschine. Aber schon leichte Kunstfahrübungen,
die ein junges Mädchen bequem nachmacht, bereiten mir unübersteigliche
Schwierigkeiten. Daß also eine ältere Dame längere Zeit zum lernen
braucht wie ein junges Mädchen, versteht sich von selbst. Sie wird
um so mehr bedacht sein müssen, einen tüchtigen Lehrer zu finden,
dann geht’s schon. Was allerdings unter der Firma Radfahrlehrer in
der Welt herumläuft! Kann sie erst fahren, so bekommt es der alten
Dame so gut wie der jungen. Das weiße Haar braucht niemanden zu hindern.
Als die ersten weißhaarigen alten Herren auf dem Rade erschienen,
sah man sich erstaunt nach ihnen um. Jetzt findet man das selbstverständlich.
Und so kommt es mit uns auch. Hier im Grunewald ist schon jetzt eine
der beliebtesten Erscheinungen eine Gruppe von drei Fahrerinnen, zwei
Damen und einem kleinen Mädchen, Großmutter, Mutter und Kind. Und
die alte Dame fährt trotz des Schnees auf ihrem Haupte so bravourös,
daß sie manche viel jüngere in den Schatten stellt. Gewiß, für eine
ältere Dame ist der Entschlußaufs Rad zu steigen, noch schwerer wie
für eine junge. In der Zukunft, wie ich sie mir denke, werden die
alten Damen nicht mehr nötig haben, das Fahren zu erlernen, denn sie
werden als Radfahrerinnen alt werden. Schon ich, die ich doch erst
mit 25 Jahren das Fahren angefangen habe, kann mir nicht denken, daß
ich je dem Rade entsagen könnte. Und die Kinder, die jetzt auf dem
Rade groß werden, die noch ganz anders mit der Maschine verwachsen
wie wir, die werden sie erst recht als ein unentbehrliches Werkzeug,
fast als einen Teil ihres Leibes betrachten und sich nimmermehr von
ihr trennen mögen. |
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Die
Schülerin wende sich vor allen Dingen nur an einen erprobten Lehrer.
Selbst ein guter Fahrer kann noch lange nicht unterrichten. Der ehrenwerte
Stand der Fahrradhändler, die ja zugleich die geborenen Radfahrlehrer
sind, wird mehr und mehr von allerhand zweifelhaften Existenzen überflutet.
So mancher radfahrende junge Kaufmann, der Gelegenheit hat, viel mit
Radfahrern zusammenzukommen, verkauft zunächst unter der Hand ein
paar Maschinen, natürlich möglichst billigen Schund möglichst teuer.
Er verdient dabei bequem ein hübsches Geld, manchmal in einem Tage
mehr, wie sonst in einem Monat hinter dem Heringsfaß oder auf dem
Kontorbock. Gelingt ihm das Geschäft öfter, so ist der Pfuschhändler
fertig. Natürlich muß er nun auch unterrichten, und er unterrichtet
los und wie! Die paar Dutzend blauen Flecke, die die Schülerin bei
ihm mehr einheimst wie bei sachgemäßem Unterricht, sind noch nicht
das Schlimmste. Balancieren lernt man zur Not auch ohne Lehrer. Aber
treten! Ist ein schwerfälliger, plumper Tritt erst angewöhnt, so ist
er sehr schwer wieder loszuwerden, er strengt gewaltig an und sieht
– und darauf müssen wir doch noch mehr sehen wie die Herren – ganz
abscheulich aus. Zum Unterrichten gehört meisterhafte Beherrschung
des Rades und große Körperkraft und Ausdauer. Wer nicht von der fahrenden
Maschine aus den Schüler führen kann, wird nicht viel leisten. (...) |
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So,
nun wären die Anfangsgründe überwunden! Die Schülerin kann auf- und
absteigen, sie fährt, wenn auch noch mit etlichen Schwankungen, geradeaus,
sogar das böse Umkehren ist schon einige Male ganz glatt gegangen.
Es geht aus der Lehrbahn oder der abgelegenen
Straße hinaus auf der Landstraße, die erste Spazierfahrt beginnt.
O weh, da kommt uns ein Wagen entgegen. Ein entsetzliches Angstgefühl
packt uns, der Schweiß bricht aus, die schlimmste Anfängerkrankheit,
das „Wagenfieber“, ist da. Wehe dem, der jetzt dem Angstgefühl nachgibt
und von der Maschine springt. Hat er das einmal getan, so wiederholt
er es unfehlbar, bei jedem neuen Wagen wird die Angst größer, das
Wagenfieber nimmt beängstigende Dimensionen an. Da hilft alles nichts,
mutig drauf los auf das böse Hindernis. Der Lehrer ist neben dir,
wenn die Schwankungen allzu stark werden, packt seine starke Hand
zu und hält dich im Gleichgewicht. Und – da ist der schreckliche Wagen
auch schon vorbei, beim nächsten geht’s schon besser, nach acht Tagen
fleißiger Übung will man kaum noch eingestehen, daß man jemals Wagenfieber
gehabt hat. |
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Ein
anderes Hindernis: der erste Berg. Du bist vielleicht schon etwas
müde, aber eben ging es doch ganz gut! Plötzlich will die Maschine
durchaus nicht mehr, sie kommt dir zentnerschwer vor, trotzdem die
Chaussee ganz eben aussieht. Sie sieht aber nur eben aus, in Wirklichkeit
geht es bergauf. Hier heißt es nun genau die goldene Mittelstraße
halten. Mit aller Gewalt eine Steigung forcieren wollen, die die zu
Gebote stehenden Kräfte nicht mehr nehmen mögen, führt besonders für
die Anfängerin leicht zur Überanstrengung, ermattet nicht nur vorzeitig,
sondern kann ernsthaft schädlich werden. Aber ebensowenig darf man
sofort abspringen, wenn die Maschine einmal etwas kräftigeren Tritt
verlangt. Wer das tut, lernt nie Berge fahren. Man darf ohne Furcht
vor Überanstrengung bergauf fahren, so lange man kein Herzschlagen
verspürt und noch bequem den Mund geschlossen halten kann. Gerade
hier tut ständige Übung ungeheuer viel. Allerdings verlernt sich auch
nichts so schnell wieder wie das Bergfahren. |
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Ähnlich
steht es mit dem Schnellfahren. Das blitzschnelle Dahinfliegen durch
eigene Kraft bietet ja besonders der Anfängerin einen wunderbaren,
fast zauberischen Reiz. Wer von uns hätte sich nicht schon gefreut,
wenn es ihm gelang, einige gemächlich dahintrollende Sportskameraden
„abzusägen“ (zu überholen) und dann vergebliche Versuche derselben,
der schneidigen Fahrerin zu folgen, abzuschütteln. Aber auch hier
geht’s manchmal wie beim forcierten Bergfahren; einige Kilometer lang
dauert die schneidige Fahrt, dann kommen Herzklopfen und Atemnot und
die Sache ist alle. Die vorher Abgeschüttelten fahren mit maliziösem
Lächeln vorbei. (...) |
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Wie
sich die Dame auf dem Rade zu benehmen hat? Ein Thema, welches die
Gelehrten der Fachpresse, besonders der männlichen, mit Vorliebe behandeln.
Die guten Ratschläge fallen hageldicht. Ich meine: Wer das nicht von
selbst weiß, der wird es auch aus Zeitungen und Büchern nicht lernen.
Wer Erziehung hat, wird sie auch auf dem Rade zu zeigen wissen. Wer
keine hat, der nehme sich ein Beispiel an dem, der welche hat. Das
ist der einzige gute Rat, den man ihm geben kann. Albertis Komplimentierbuch,
der gute Ton in allen Lebenslagen
und ähnliche Werke sind immer sehr komisch vorgekommen; ein
Komplimentierbuch für Radlerinnen halte ich für mindestens ebenso
überflüssig wie gedachte Literaturwerke. (...) |
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Wir
kommen zur Toilettenfrage, also auch zu dem immer noch heiß umstrittenen
Schlachtruf: Hie Rock, hie Hose! Was sollen wir tragen? Die Antwort
will ich gleich vorweg geben: Beides, und zwar jedes zu seiner Zeit.
Bei unserem Sport noch viel mehr, wie bei andern Sports, Reiten, Rudern,
Bergsteigen, vom Schwimmen ganz abgesehen, ist praktische Kleidung
durchaus erforderlich. Läßt sich praktische Brauchbarkeit und Schönheit
vereinigen, gut, dann wird kein vernünftiger Mensch das Häßliche wählen.
Hat man aber nur die Wahl zwischen einem praktischen, aber unansehnlichen
und einem prächtigen, chiquen, aber unpraktischen Kostüm, so wird
man keinen Augenblick in Zweifel sein, welches den Vorzug verdient. |
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Das
erste, was unbedingt in die Rumpelkammer muß, ist das Korsett. Tiefes
lebhaftes Atmen, wie es das Radfahren verlangt, kann nur geschehen
bei voller Ausdehnung des Brustkorbes. Wie soll der unglückliche Brustkorb
sich weiten, wenn er in einem Stahlpanzer steckt! Hierüber brauche
ich weiter kein Wort zu verlieren, in der Verurteilung dieses höllischen
Marterinstruments sind ja die vernünftigen Frauen, Radfahrerinnen
wie Nichtradfahrerinnen, sämtlich einig. Es gibt eine ganze Reihe
verständiger Ersatzmittel für das Korsett; Büstenhalter, Pariser Gürtel
und andere Konstruktionen gewähren dem Oberkörper, der unter gewissen
Verhältnissen eines Halts bedarf, einen solchen, ohne ihn einzuschnüren. |
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Am
freiesten und wohlsten fühlt man sich ja allerdings mit ganz unbeengten
Oberkörper. Bei mir persönlich macht es sogar einen ganz bedeutenden
Unterschied in der Leistungsfähigkeit, ob ich ganz ungezwungen oder
mit wenn auch noch so losem Büstenhalter fahre. In der Mode machen
wir leider so vieles den Französinnen nach, das wir besser in Paris
ließen. Glücklicherweise haben wir aber den sonst so liebenswürdigen
französischen Fahrerinnen das Fahren im Korsett nicht nachgemacht.
In dieser Richtung schafft die Pariserin das Unglaubliche. Sie verzichtet
unbedingt nicht auf das Korsett. Die natürliche Folge ist, daß sie
nicht viel leistet. Touren, die jede Durchschnittsfahrerin bei uns
macht, erscheinen ihr schon ungeheuer. Jetzt soll hierin allerdings
eine Änderung eingetreten sein, hauptsächlich infolge des vielgeschmähten
Rennfahrens der Damen. Als die Fahrerinnen sahen, daß in praktischem
Anzuge sich ganz andere Leistungen erzielen ließen, als Mlle Lisette
selbst Michaël eine Zeitlang standhielt, änderten doch wenigstens
alle Rennfahrerinnen das Kostüm. Endlich: die eingepreßte Wespentaille
verletzt schon beim Straßenkostüm ein schönheitsgewohntes Auge, um
wieviel mehr erst auf dem Rade! |
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Abgesehen
hiervon braucht die Bekleidung des Oberkörpers sich kaum vom Straßenkostüm
zu unterscheiden. Einfach und bequem ist die Hauptsache, der Eindruck
des Aufgeputzten wirkt auf dem Rade geradezu abstoßend. Selbstverständlich
kommt es hier darauf an, was in dem Kostüm geleistet werden soll.
Wer auf eine große Tour geht, wird sich anders kleiden, als wer eine
Spazierfahrt im Tiergarten machen will. Immer aber wird die lose Blousenform
der festen Miedertaille vorzuziehen sein. |
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Die
Kopfbedeckung mag jeder nach Belieben wählen, große, breitkrempige
Hüte verbietet natürlich der Wind. Auch wird so leicht niemand mit
Blumenbeeten und Vogelkäfigen auf dem Hute erscheinen. Am kleidsamsten
ist wohl der Matrosenhut (canotier), der im Sommer von Stroh, im Winter
von Wachstuch getragen werden kann. Für eine größere Tour ist die
Mütze mit nicht allzu kleinem, nach unten gebogenem, ja nicht waagerechtem
Schirm empfehlenswert. Die Mütze hat allerdings die Schattenseite,
daß sie, besonders in etwas unzivilisierten Gegenden, sehr auffällt.
Ich führe deshalb auf der Tour im Gepäck immer leichtes Filzhütchen
mit. Für Fahrten in großer Hitze ist die Idealkopfbedeckung der Tropenhelm.
Er läßt nach allen Seiten kühlenden Luftzug über den Kopf streichen,
schützt Augen und Nacken und dämpft den vielfach Augenschmerzen, manchmal
sogar Augenerkrankungen bereitenden grellen Reflex der Sonne von der
hellen Landstraße wohltuend ab. In Deutschland fällt ja der Tropenhelm
auf dem Kopfe einer Frau ganz gewaltig auf, in Italien, wo notabene
die meisten Fahrerinnen, denen man begegnet, Engländerinnen sind,
haben ihn die immer praktischen englischen Touristinnen eingeführt.
Die Damen tragen den Tropenhelm in einem kleineren Format, wie ich
es in Berlin und auch in München vergebens gesucht habe. (...) |
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Den
Strumpf wählt man natürlich der Saison gemäß stärker oder leichter.
Die Farbe ist wieder rein Geschmackssache. Die lebhaften Farben in
schottischen Dessins zum Kostüm passend, sehen besonders für junge
Mädchen recht hübsch aus, ich finde indes, daß der schwarze Strumpf
immer am besten und vornehmsten aussieht. Jedenfalls hat er das Gute,
daß er zu jedem Kostüm paßt. Allzu lebhafte gefärbte Strümpfe verführen
leicht zu Übertreibungen auch im sonstigen Kostüm. Und das männliche
Radfahrergigerl ist schon keine sehr sympathische Erscheinung ins
weibliche übersetzt ist es widerlich. (...) |
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Und
zum Palladium der Radfahrerin, der Hose resp. dem Rock. Auf die erfahrene
Radfahrerin wirkt das Gezänk „ob Rock, ob Hose“ geradezu komisch.
Es kommt einem ungefähr so vor, als ob plötzlich unter den Herren
ein Zank ausbräche, ob Wasserstiefel oder Lackschuh vorzuziehen sei.
Der Wasserstiefel für die Entenjagd, der Lackschuh für den Ballsaal.
Man kann ja in Wasserstiefeln zur Not auch tanzen und in Lackschuhen
zur Not auch ins Wasser gehen, beides bekommt aber wohl niemanden
sonderlich gut. Nun, ebenso ist es auch mit der Hosenfrage bestellt.
Ich hoffe, das soll sich aus nachstehenden ergeben. |
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Die
Tätigkeit der Radfahrerin besteht hauptsächlich in einer ziemlich
energischen Auf- und Abbewegung jedes einzelnen Beines. Ist der eine
Fuß oben, so ist der andere unten. Der größte Höhenunterschied zwischen
beiden Fußsohlen ist so groß, wie beide Tretkurbeln zusammen lang
sind, also ca. 35 - 40 cm. Weder beim Bergsteigen noch beim Reiten,
noch bei irgend einem andern Sport mit alleiniger Ausnahme des Schwimmens
ist die Frau gezwungen, derart energische Bewegungen der Beine zu
bewirken. Bei jedem andern Sport versteht es sich auch ganz von selbst,
daß die Kleidung möglichst dem Zwecke angepaßt wird. Wer hat schon
je die Lawn-Tennis-Spielerin im langen Schleppkleide gesehen? Hier,
wo lediglich ein möglichst freies und bequemes Ausschreiten erfordert
wird, genügt ja allerdings eine angemessene Verkürzung des Kleides
vollkommen. |
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Wunderlicherweise
hatte nun das Radfahren der Frauen mit einem derart zähen, fest eingewurzelten
Vorurteil zu kämpfen, wie es bis jetzt keinem andern Damensport entgegengetreten
war. Deshalb ist auch so lange Zeit vergangen, bis unser Geschlecht
anfing, sich des Rades zu bemächtigen. Wie ich schon oben ausführte,
wäre nicht eine Maschine erfunden worden, die das Fahren im langen
Rock gestattete, so wären wir nie dahin gekommen, wo wir heute stehen.
Und die Frauen, die zuerst im langen Kleide das Rad bestiegen, verdienen
unsern Dank, denn sie haben bewiesen: man kann den Radfahrsport betreiben,
ohne seiner weiblichen Würde in den Augen selbst der strengsten Kritiker
auch nur das Geringste zu vergeben. Ob es allerdings dem Schönheitssinn
entsprach, wenn unter dem langen Kleide ein Fuß nach dem andern sich
hervorstreckte und wieder verschwand, wenn bei Gegenwind sich durch
Hochfliegen der Kleider manchmal recht sonderbare Bilder zeigten,
das will ich dahingestellt sein lassen. |
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Als
nun das Tourenfahren begann, als sich herausstellte, daß das Rad ungeheure
Strecken zurücklegte in Zeiten, die gar nicht so viel hinter denen
der Eisenbahn zurückblieben, wollten die Frauen natürlich auch hieran
teilnehmen. Und nun zeigte sich, daß selbst die besten unter uns im
Kleide keine irgendwie erhebliche Leistung vollbringen konnten. Selbstverständlich!
Denn die Beibehaltung des Kleides zwang zur Benutzung der Damenmaschine.
Diese ist als Notbehelf unentbehrlich gewesen, um überhaupt: die Frau
erst aufs Rad zu führen. Aber als Sportwerkzeug ist sie gänzlich unzulänglich.
Soll sie nicht dem Zusammenbrechen bei jeder nur einigermaßen ernsthaften
Anstrengung ausgesetzt sein, so muß sie sehr schwer sein, die Fahrerin
also ein überflüssiges totes Gewicht mit sich schleppen. |
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Der
schlimmste Feind des Radfahrers ist der Wind. Ob wir dem Winde einen
oder zwei Quadratmeter Fläche bieten, ist selbstverständlich kein
kleiner Unterschied. Und mindestens auf der Hälfte aller gefahrenen
Strecken haben wir doch mit Gegenwind zu kämpfen. Bei schärferem Tempo
hat man natürlich, wenn man nicht gerade mit starkem Rückenwind fährt,
immer das Gefühl des Gegenwindes. Das ist schon an sich sehr lästig,
und welche Fahrerin im Rocke hätte nicht bereits auf der Tour die
männlichen Begleiter um ihr bequemes Kostüm beneidet. Der lange Rock
hat daneben auch seine sehr gefährliche Seite. Jeder weiß, welche
bösen Stürze ein plötzliches Anhalten der Pedalbewegung z. B. durch
Aufschlagen auf einen übersehenen Prellstein verursacht. Trägt man
aber das Kleid so lang, daß es die Füße wirklich bedeckt, so bedarf
es nur eines leichten seitlichen Windstosses, und das dem Winde zugekehrte
Pedal verfängt sich im Kleide. Der Sturz ist unausbleiblich, man kann
sehr froh sein, wenn man mit einigen blauen Flecken davonkommt. |
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Es
kann aber auch schlimmer kommen. In Bergländern, besonders in den
Hochalpen, führen die meist ziemlich schmalen Wege häufig direkt am
Abgrunde entlang. Die Kutscher denken natürlich gar nicht daran, dem
Radfahrer Platz zu machen, sie bleiben an der sicheren Berglehne,
gleichviel, ob man ihnen entgegenkommt oder neben ihnen vorfahren
muß. Will man also nicht absitzen und beiseite treten oder im Leichenwagentempo
dem voranbummelnden Kutscher folgen und dessen Staub schlucken, so
muß man auf der Seite des Abgrundes bei ihm vorbei. Hakt hier das
Pedal ins Kleid, so kostet es den Hals oder mindestens einige Knochen
und die Maschine. Denn entweder stürzt man in den Abgrund oder in
den Wagen hinein. Man stirbt ja dann allerdings in dem stolzen Bewußtsein,
dem Kleide Treue bis zum Tode bewahrt zu haben, und das mag auch etwas
wert sein. |
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Ich
bin leider nicht so romantisch veranlagt und lobe mir auf der Tour
meine Hose. Die Radfahrerin ist überhaupt meist ein ziemlich praktisch
denkendes Wesen. Und das halte ich für keinen Fehler. Beim Dreirad
ist die Gefahr ja nicht so groß, da reißt entweder das Kleid beim
Verfangen des Pedals oder die Maschine steht still. Angenehm ist das
natürlich auch nicht. Je mehr man das Kleid verkürzt, desto geringer
wird aber die Gefahr des Verfangens der Pedale. Um sie ganz zu beseitigen,
muß das Kleid allerdings so kurz werden, daß die Pedale es überhaupt
nicht mehr berühren, also ungefähr nur bis zum Knie reichen. Und ob
das schöner oder dezenter aussieht als die Hose, möchte doch sehr
zweifelhaft sein. Daß man unter dem Kleide, sei es nun lang oder kurz,
nicht die gewöhnliche Frauenhose, sondern nur ein nach unten festgeschlossenes
Beinkleid tragen kann, versteht sich von selbst. |
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Die
Hose allein, ohne Rock, war schon früher von vereinzelten Damen getragen
worden, die sich mit dem Hochrad befaßten. Nach dem Aufkommen des
Niederrades lag es nahe, ein Kleidungsstück zu konstruieren, welches
einigermaßen das Ansehen des Rockes hatte und zugleich die Vorteile
der Hose bot. Amerika und England begannen, dann folgten Frankreich
und Dänemark, endlich auch wir. Daß das Prinzip der Hose ein durchaus
vernünftiges ist, dürfen selbst deren erbitterte Gegner kaum bestreiten.
Die Frau hat genau ebenso viel Beine, wie der Mann, sie bedient sich
derselben, besonders beim Radfahren, in genau derselben Weise, sollte
also doch eigentlich darauf bedacht sein, sie ebenso praktisch zu
bekleiden, d.h. jedem Bein seine eigene Hülle zu geben, statt beide
in eine zu stecken. Ist doch noch niemand darauf gekommen, beide Arme
in ein Futteral zu stecken. Es ist nicht Sitte! Richtig! Aber warum
sollte es nicht Sitte werden? |
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„Es
sieht unweiblich, unschön und ungraziös aus“ Das ist das Hauptargument
der Gegner. Ist denn das wirklich wahr? Viele Millionen von Frauen
tragen die Hose schon seit Jahrtausenden, die Türkinnen, Perserinnen
und andere Völker des Orients. Ich bin dort noch nicht gewesen und
die vornehmen Orientalinnen, die manchmal nach Europa kommen, legen
leider sofort Pariser Tracht an. Eine wirkliche Orientalin in Hose
habe ich also noch nie gesehen, abgesehen von denen in Kairo auf der
Berliner Gewerbeausstellung. Die waren allerdings wenig graziös. Ob
sie im Schleppkleide graziöser gewesen wären? Aber im Bilde habe ich
sie gesehen und lebendig verkörpert auf der Bühne. Wer hat z.B. unsere
reizende Sportskameradin Frau Sorma schon einmal eine vornehme Orientalin
verkörpern gesehen und sie ungraziös gefunden? Mit dem Einwande ist
es also auch nichts. |
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Die
enge Bloomerhose der amerikanischen Emanzipationistinnen hatte wenig
Aussicht, je Gnade vor den Augen des Publikums zu finden. Man vermählte
sie deshalb mit dem sehr weiten bauschigen Dienstbeinkleide der französischen
Zuaven, und die moderne Radfahrerinnenhose war geschaffen. So erklärte
mir 1894 der liebenswürdige Herr Bouët, der Rayonchef der Abteilung
für Radfahrerinnen-Kostüme im Pariser Louvre. Die Hose wurde früher
noch bedeutend und länger getragen wie jetzt und war, wenn man sich
zu Fuße befand, kaum vom Rocke zu unterscheiden. Sie beanspruchte
aber eine Menge überflüssigen Stoff, blähte im Winde unangenehm und
bot nicht viel weniger Widerstandsfläche wie der Rock. Auch blieb
man beim Auf- und Absitzen häufig mit den Falten am Sattel hängen.
Sie wurde deshalb naturgemäß verengert und verkürzt. Die praktische
Tracht für die Tour ist eine Hose, nur wenig weiter, wie die moderne
Herrenpluderhose. Natürlich geht man mit der nicht etwa am Ankunftsorte
spazieren, sondern zieht hübsch den auf der Lenkstange mitgeführten
Rock darüber. Das dauert bei mir höchstens eine Minute. Leider gibt
es ja auch, Gott sei Dank nur wenige Radfahrerinnen, die radfahren,
nur um Hosen zu tragen. Die mögen es anders machen, für die schreibe
ich nicht. (...) |
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Eine
Fahrt, die zu Hause beginnt und zu Hause endet, kann gewiß eine tüchtige
Leistung sein und der Glücklichen, die ein Tourenbuch führt (jetzt
bedaure ich manchmal, daß ich es nie getan habe), die Eintragung einer
schönen Anzahl von Kilometern gestatten. Anders steht es natürlich,
wenn man auf längere Zeit sein Heim verlassen will. Da ist zunächst
eins vonnöten, ohne das sich ein genußreiches Tourenfahren unbedingt
nicht denken läßt, das ist eine gewisse Bedürfnislosigkeit. Wir essen
wohl alle lieber gut wie mittelmäßig oder gar schlecht, und schlafen
lieber in einem guten Bette, wie auf manchmal etwas fragwürdigen Lagerstätten,
wer sich aber durch derartiges kleines Ungemach die Laune verderben
läßt, der ist für die Radtour nicht geschaffen. Er mag sich vom Bahnzug
oder Postwagen von einem Hotel „ersten Ranges“ ins andere schleppen
lassen. |
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Ich
beabsichtige, in diesem Abschnitt eine vergleichende Zusammenstellung
des Damentourenfahrens auch der Nachbarländer zu bringen, auf meine
Erkundigungen habe ich indes erfahren, daß Tourenfahren, wie wir es
verstehen, bis jetzt nur von deutschen Frauen gepflegt wird. Der liebenswürdige
Herr Walther vom Pariser „Cycle“ gab mir eine interessante Ausführung
über die Gründe des Nichttourenfahren der Französinnen, die ich im
Auszuge wiedergeben will, weil sie auch auf manche deutsche Verhältnisse
paßt. |
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Hauptsächlich
sei schuld die Erziehung der französischen Frau zur Unselbständigkeit.
Die Dame der höheren Gesellschaft steckt im Kloster, bis sie ehereif
ist. Dann wird der Gatte für sie gesucht und sofort die Ehe geschlossen.
Als Mädchen hat sie also keine Zeit zu fahren, als Frau treten sofort
eine Menge gesellschaftlicher Verpflichtungen an sie heran, die eine
längere Abwesenheit, wie die Tour sie verlangt, gar nicht gestatten.
Man hat auch in Frankreich noch nicht vergessen, daß die ersten Fahrerinnen,
die sich öffentlich zeigten, nicht immer ganz zweifellos waren, wie
überhaupt Damen der hohen Aristokratie sich erst seit wenigen Jahren
auf dem Rade öffentlich zeigen. Das war bei uns glücklicherweise umgekehrt.
Hier hat sich die Demimonde erst seit kurzer Zeit des Rades bemächtigt.
Dann aber, fährt Herr Walther fort, wird die Französin nie zu bewegen
sein, sich irgendwie in derangiertem Zustand zu zeigen. Und das sei
doch auf der Tour unvermeidlich. Nun, dies ist ja unter gewissen Umständen
natürlich unvermeidlich. Aber dafür befindet sich ja auf der Lenkstange
der zweite Anzug, eine halbe Stunde nach der Ankunft kann man sehr
wohl wieder präsentabel sein. Auch duldet der Gatte nicht, daß die
Frau – sich den Teint ruiniert. Und endlich der Hauptgrund: Die Französin
verzichtet auch für die Reise nie auf ihr Toilettenkabinett. Dessen
gesamten Inhalt schleppt sie unbedingt überall mit hin. Das geht natürlich
unterwegs nicht an. Also: Haupterfordernis ist die Bedürfnislosigkeit.
(...) |
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Trotzdem
hat der vielgeschmähte Alkohol unter Umständen auch seine guten Seiten.
Vom all den vielgepriesenen Stärkungsmitteln, Kola usw. habe ich nie
eine erhebliche Wirkung verspürt. Dagegen ist ein Schluck vom allerbesten
Cognac oder Rum von geradezu zauberhafter Wirkung bei äußerster Ermüdung
und Abspannung. Lange hält diese Wirkung natürlich nicht an, es ist
aber auch genug, wenn man durch sie an ein sonst vielleicht nicht
erreichtes Ziel kommt. (...) (1897) |
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Wenn
irgend etwas den deutschen Charakter ändern kann, so ist es die deutsche
Frau. Sie selbst ist dabei, sich sehr rasch zu verändern – fortschrittlich
zu werden, wie wir sagen. Noch vor zehn Jahren hätte keine Frau, die
ihren guten Ruf hütet und noch auf einen Ehemann hofft, ein Fahrrad
bestiegen: Heute sausen sie zu Tausenden durch die Lande. Die alten
Leute schütteln die Köpfe über sie; aber die jungen Männer, stelle
ich fest, holen sie ein und fahren an ihrer Seite. |
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Jerome
K. Jerome 1899 (Three Men on Four Wheels) |
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1818 - Julius
von Voss: Die Reise auf der Draisine |
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1818 - Karl von Drais: Die Laufmaschine
des Freiherrn Karl von Drais zu Mannheim |
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1897 - Ludwig Ganghofer: Die Fahrschule |
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1897 - Amalie Rother: Wie wir in Berlin
Anfingen |
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1899 - Brauchen wir einen Freilauf?
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1905 - F. W. Hinz: Wie ich Schleifenfahrer
wurde |
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zitiert
nach : A. Rother, Das Damenfahren. In: Paul von Salvisberg (Hg.),
Der Radsport in Bild und Wort, München 1897 (Reprint Olms Presse,
Hildesheim 1980), S. 111-127
Mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Taschenbuchverlags entnommen
aus: Ich fahr' so gerne Rad ... Geschichten von der Lust, auf dem
eisernen Rosse dahinzujagen. Herausgegeben von Hans-Erhard Lessing.
München 4. Aufl. 2002 |
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SW: Verkehr,
Transport, Individualverkehr, Fahrrad, Alltag, Erfindung, Geschichte,
Frauengeschichte, Emanzipation, Gleichberechtigung, Kleidung, Sportkleidung,
Radfahren, Alltag, Unterricht, Bildung, Schule, Arbeitslehre, Sachunterricht,
Technik, Nahverkehr, Verkehrsgeschichte, Technikgeschichte, Medienerziehung,
Quelle, Dokument, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt |
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© 2003 Verkehrswerkstatt.de
Dr. Helmut Meschenmoser
Alle Rechte vorbehalten.
Eine Nutzung für den Unterricht ist freigegeben.
aktualisiert: 06.02.2006 |
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