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Die
Reise auf der Draisine |
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1818
von Julius von Voß |
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Im
Jahre 1818 kam der erste Wagen dieser Art nach Berlin, und nach seinem
Vorbild ließen manche rüstige, Neuheit liebende Jünglinge sich ähnliche
fertigen. Welche allgemeine Bewunderung erregten, welchen Beifall
ernteten sie, auf der ebenen Kunststraße von den Propyläen nach Charlottenburg
eilend! Und welche holden Aussichten in die Zukunft taten daneben
sich auf! Wer sagte nicht gern mit Jean Paul: Nur Reisen ist Leben;
wer empfände keine heiße Neigung mehr als die alltägliche, durch Gewohnheit
so prosaische Heimat zu sehen! Traum, wenn man so die glücklichen
Augenzeugen reden hört, von Rom nach Paris, London und Moskau, von
all den fremden Herrlichkeiten schöner Natur und Kunst; sollte es
da kalt bleiben im sehnenden Gemüt? Nimmer! Doch war seither das anmutige
Reisen auch vielen so kostspielig und zeitraubend; und jede Weise,
in der es geschah, hatte Unannehmlichkeiten. Die lässigen Postmeister;
die nach Trinkgeld so gierigen Postillione für die, welche sich der
sogenannten Extrapost bedienen; die verdrießlichen Schirrmeister;
die unerträgliche Langsamkeit bei der gewöhnlichen ist bekannt. Andere
Fuhrleute überteuern und schaffen auch nicht eilig von der Stelle.
Dampfschiffe trifft man nur in gewissen Richtungen, und Furchtsame
besorgen da Explosionen. Das beliebige Lenken der Luftbälle fanden
weder Zambeccari noch Degen auf. Und mit den Fußreisen ist es auch
so eine Sache, was freundlich sie schon an Pythagoras und Christi
Apostel mahnen. Wer kein englischer Wettgänger ist oder es dem einst
berühmten deutschen Läufer Ernst nachtut, kommt auch nicht schnell
damit ins Weite. Von Ersparung ist wenig die Rede; müde und matt im
Gasthofe angelangt, ißt man auch doppelte Portionen. Und des Fragens
und Prüfens an den Toren, auf den Polizeiämtern, ist kein Ende, wenn
man auch noch so richtige Pässe hat; denn alles vermutet in einem
Wanderer nach den Naturgesetzen einen Abenteurer, einen Spion. Wirte
und Aufwärter sehen ihn von oben nach unten an, und er muß doch bezahlen,
als wär’ er in einer Glaskutsche angelangt. Kurz, es gibt allenthalben
Widrigkeiten. |
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Nun
hingegen, sagten die klugen Männer in Berlin – und ihre Zahl heißt
dort Legion – steht es ganz anders. Eine Draisine kostet wenige Dukaten.
Ein Regenmantel von Wachstaffent, ein leichtes Felleisen mit etlichen
kattunenen Hemden, ein Korbfläschchen mit Rum, etwas Zwieback und
kalten Braten, und man ist reisefertig. Zwölf, sechzehn, zwanzig Meilen
geht es den Tag. Wem Spärlichkeit empfohlen ist, der bleibt zu Nacht
in wohlfeilen Dorfschenken; so wird er, manchen Briten ähnlich, reisend
selbst noch weniger verzehren als daheim. Nun kann ein fürstlicher
Beamter einen Monat Urlaub nehmen und während dieser Zeit Italien
durchfliegen. Im nächsten Jahre macht er es so mit Frankreich, ein
andermal mit England; nach zehn Jahren hat er, neben seinen Geschäften,
die er um so leichter nachholt, als ihn die Bewegung erheiterte und
stärkte, ganz Europa gesehen. Welch ein Nutzen für den Staat; solche
Beamten müssen doch tüchtiger sein, als wenn sie nicht von ihrem Pult
kamen. Und die Jugend, wie leicht ist ihr auch die Art von Bildung
zugeteilt, die allein das Anschauen der Fremde gewähren kann. Die
Reisenden ex professio endlich, die Tavernier, Humboldt, Buch usw.;
die immer noch zu wenig bekannten Steppen der Tartarei und Mongolei,
das noch unerforscht gebliebene innere Afrika werden unserer Erdkunde
bald kein Geheimnis mehr sein. Die entbehrten Mittel zum Fortkommen
waren seither immer das wichtigste Hindernis, denn gegen räuberische
Angriffe roher Einwohner sichert Feuergewehr leicht; und es können
ja nun vierzig bis fünfzig Gelehrte zu solchen löblichen Zwecken sich
vereinen. Welche Aussichten für die weitere Geistesentwicklung und
für die gesamte Kultur noch! |
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Also
sprachen die Klugen und nicht in den Wind. Ein junger Mann zu Berlin,
der eine ungemeine Neigung zum Reisen fühlte, mit Glücksgütern hingegen
nicht wie ein Lord Spencer versehen war, dachte seinen Lieblingstrieb
nun doch einigermaßen zu nähren. Bis es späterhin nach den Ufern von
Tiber, Seine usw. ging, wollte er vorderhand das ihm reizend und merkwürdig
geschilderte Gebirge in Schlesien sehen; auf eine eben so wohlfeile
als schnelle Weise nämlich. Eine Draisine besaß er schon, hatte öfter,
zum Wohlgefallen mancher Berlinerinnen – die überhaupt keine Feindinnen
raschen Tuns sind – den Weg nach Charlottenburg in einer Viertelstunde
zurückgelegt. Er stand als Buchhalter in einer nicht unbedeutenden
Handlung bezog auch ein Jahrgeld, von dem er etwas hätte zurücklegen
können, wären nicht die sonntäglichen kleinen Fahrten aufs Land, das
Schauspiel, die Redouten und ähnliche Zerstreuungen gewesen. Nun aber
hatten sie zerstreut, was man sonst hätte zusammenbehalten können.
Indem gleichwohl ein barer Kassenbestand von dreißig Thalern sich
zeigte, meinte der Buchhalter auch: er sei mehr als flüssig zu einer
Draisinenfahrt nach den Sudeten. Er unterhandelte mit dem Chef der
Handlung um einen vierzehntägigen Reiseurlaub, währenddem ein Freund
seine Geschäfte vollziehen sollte. Jener hielt den Vorgeschlagenen
seiner Geschäfte zu unkundig, und wollte sich nur zu acht Tagen verstehen.
Der junge Mann nahm eine Karte, einen Zirkel, und maß die Entlegenheit.
Nicht einmal fünfzig Meilen, sagte er, bis zum Hauptpunkt, dem Rübezahl.
Lege ich täglich nur zwölf Meilen zurück, so bin ich in vier Tagen
dort. Einen will ich auf Besichtigung der vorzüglichsten Gegenstände,
wovon man hört und liest, rechnen: die höchste Bergzinne, die Felsengruppe
bei Adersbach, den Zackenfall, den Badeort Warmbrunn usw.; rolle ich
doch so leicht von einem Punkt zum andern! Das sind fünf Tage; viere
zurück, neun; allenfalls auf unvorhergesehene Umstände noch einen
gerechnet, so komme ich doch mit zehn Tagen reichlich aus. |
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Um
diese bat er neuerdings, und sein Prinzipal willigte ein. Bleiben
Sie mir aber ja nicht länger, sagte er; Sie wissen, die Messe kommt
heran. |
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Oh,
hieß die Antwort, ich bat nur auf alle Fälle um eine so lange Zeit,
und denke Sie noch durch eine frühere Heimkehr zu überraschen. Denn
zwölf Meilen nahm ich täglich an, werde es ohne Zweifel aber zu sechzehn,
auch zwanzig, wenigstens mitunter, bringen. |
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Jener
wünschte ihm lächelnd eine glückliche Reise. |
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Das
Fahrzeug war da, einen Regenmantel ließ er weg, da er ihm zu teuer
schien, nahm statt dessen seinen Überrock und gewöhnlichen seidenen
Schirm. Ein Felleisen wurde hingegen erkauft und mit nötiger Wäsche
gefüllt. Einige Speise und Trank enthielten Felleisen und Korbfläschchen,
und diese Zubereitungen hatten doch etwa fünf Thaler gekostet. Wenn
schon, blieben doch fünfundzwanzig noch. |
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An
einem schönen Juniusmorgen brach der Reisende auf. Wie er nur seine
Draisine bestiegen hatte, merkte er auch schon, daß sein Gepäck, wenn
es gleich das Notwendigste nur enthielt, ein Fuhrwerk dieser Art doch
ziemlich belästige. So flink wie nach Charlottenburg wollte es heute
nicht rollen. Sonst hatte er sich dessen auch nur vom Tore an bedient,
auf der wohlunterhaltenen Kunststraße. Die ungleichen Pflastersteine
in der Stadt hemmten den raschen Gang auch mehr, wie er anfangs gedacht,
und beinahe floh ein halbes Stündchen hin, bis das Frankfurter Tor
in seinem Rücken lag. |
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Befand
er sich nun aber doch auf einer Kunststraße, die nur stellenweise
Tadel verdient; und selbst dann noch harte Nebensteige darbietet.
Aus diesem Grunde eilte es nun auch besser; in Friedrichsfelde, eine
kleine Meile vom Berliner Posthause, blickte er auf die Uhr und hatte
vom Tore wenig über eine Viertelstunde bedurft. Ohne allen Zweifel,
sagte er sich, muß ich heute vor Abend noch Frankfurt ereilen. |
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Nun,
im Junius naht der Abend auch spät, mit Sonnenaufgang hatte der junge
Mann seine Wohnung verlassen, und im zwanzigsten Jahre hat man Kräfte,
solchen Gaul zu spornen, vielmehr den Boden unter ihm. |
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Dennoch
ging es aus der zweiten Meile weniger schnell, und abermal weniger
auf der dritten. Etwas tat ihm wohl das Gepäck, mehr vielleicht die
Stellen, wo der Kunsstraße sich einige Vernachlässigung vorwerfen
ließ; aber auch die höher steigende Sonne mußte in Anschlag kommen.
Da mittelte sich jedoch wieder nicht recht aus: ob ihr glühender Strahl
dem Reisenden so viele Schweißtropfen entlockt hatte, oder das unaufhörliche
Arbeiten mit den Beinen. Dem sei wie ihm wolle, mehr als drei Stunden
waren bereits vorübergegangen, und ermeldete Beine dem jungen Manne
so ermüdet, daß ihm einige Ruhe und Erholung unumgänglich schien. |
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Er
suche sie unter einem schattigen Baum, wo es ihm behaglich dünkte,
neben seinem hingelegten Wagen auf dem weichen Grase Platz zu nehmen.
Zugleich sprach er seinem Korbfläschchen und kalten Braten tüchtig
zu; wie sollte auch eine so rüstige Bewegung den Appetit nicht rufen.
Nachdem er diesen gestillt hatte, fuhr er dennoch fort, der wohltätigen
Ruhe zu genießen. Es schien ihm, als käme die Müdigkeit der Beine
jetzt erst recht nach; sie waren ihm ziemlich steif, die Fußsohlen
taten ihm selbst weh. Deshalb weilte und weilte er noch, auf die Zeit
nicht eben achtend. Darüber nahte ihm ein kleiner Verdruß. Wie er
in Berlin zum Tore hinausgeeilt war, hatte er einen ehrlichen Bauersmann
gesehen, welcher mit seinem Stabe auf denselben Weg einschlug, und
das seltsame Fuhrwesen mit weit offenen Augen anstierte. Es flog aber
ziemlich schnell davon. |
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Nun,
während sein Besitzer noch der Ruhe pflegte, kam der Bauersmann gemächlich
daher, und hatte auch schon seine drei Meilen zurückgelegt. |
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Der
junge Mann erschrak und sah auf die Uhr; zwei Stunden waren im Grase
ihm entflohen; er mußte doch einer langen Ruhe bedurft haben. Doch
säumte er nun auch keinen Augenblick mehr, schwang sich auf den Sattel
und eilte fürbaß. Es wollte nur mit dem Eilen nicht gehen wie zuvor,
es dauerte einige Zeit, bis die versteiften Kniegelenke wieder fügsam
und schmiegsam taten, was sie sollten. |
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Der
Reiter stellte einige Betrachtungen an, die sich nicht tadeln ließen.
Unter anderm: daß zu allem doch Übung gehöre, namentlich zum Nichtgewohnten,
bis man erhebliche Fertigkeit darin gewinne. (1818) |
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Der
Berliner Possenautor läßt diese Tour nach 37 solchen Seiten natürlich
scheitern. Dagegen fuhr 1820 ein Brite mit einer Laufmaschine von
der französischen Stadt Pau über die Pyrenäen 500 Kilometer nach Madrid! |
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1818 - Julius
von Voss: Die Reise auf der Draisine |
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1818 - Karl von Drais: Die Laufmaschine
des Freiherrn Karl von Drais zu Mannheim |
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1897 - Ludwig Ganghofer: Die Fahrschule |
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1897 - Amalie Rother: Wie wir in Berlin
Anfingen |
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1899 - Brauchen wir einen Freilauf?
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1905 - F. W. Hinz: Wie ich Schleifenfahrer
wurde |
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zitiert
nach : J. von Voß, Neue launige und satyrische Dichtungen. In der
Hoffmannischen Buchhandlung. Frankfurt a.d. Oder 1818, S. 97-108.
Mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Taschenbuchverlags entnommen
aus: Ich fahr' so gerne Rad ... Geschichten von der Lust, auf dem
eisernen Rosse dahinzujagen. Herausgegeben von Hans-Erhard Lessing.
München 4. Aufl. 2002 |
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SW: Verkehr,
Transport, Individualverkehr, Fahrrad, Alltag, Erfindung, Geschichte,
Unterricht, Bildung, Schule, Arbeitslehre, Sachunterricht, Technik,
Nahverkehr, Verkehrsgeschichte, Technikgeschichte, Medienerziehung,
Quelle, Dokument, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt |
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© 2003 Verkehrswerkstatt.de
Dr. Helmut Meschenmoser
Alle Rechte vorbehalten.
Eine Nutzung für den Unterricht ist freigegeben.
aktualisiert: 06.02.2006 |
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