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Die Laufmaschine von Freiherr von Drais
  1818 von Karl von Drais
  Da ich seit meiner neuesten Erfindung einer möglichst einfachen Fahrmaschine ohne Pferd, oder eines Wagens zu Fuß, so viele Briefe mit weiteren Nachfragen, teils mit Besorgungsersuchungen, erhalten habe, daß mir neben der übernommenen Obsorge für die letzteren die Beantwortung aller Briefe für jetzt zur Unmöglichkeit wird, so nehme ich mir die Freiheit, den verehrten und hochgeschätzten Verfassern derselben einstweilen meinen Dank und die schuldige Aufmerksamkeit dafür hier auszudrücken, indem ich das Wesentlichste Ihrer Fragen zugleich mit einer Anfrage (in dem Allgemeinen Anzeiger der Deutschen vom 25. August 1817) zu beantworten die Ehre habe.
  Die Bequemlichkeiten einer Chaise mit Pferden, in der man ja auch schlafen kann, hat meine Maschine nicht; denn rücksichtlich der Anstrengung ist das Fahren darauf mit dem Gehen zu Fuß oder mit dem Reiten zu vergleichen, und um auf gewöhnlichen Landstraßen vier Stunden Wegs (rund 13 km) und im Gebirge zwei (rund 6 km) in einer Stunde zurück zu legen, gehört ein gewisser Grad von Fertigkeit und Kraft dazu. Auch ist bei tiefem Kot und Schnee dem Fußgänger nicht viele Kraft dadurch gespart.
  Denjenigen aber, welche zweifeln, ob man mit mäßiger Schnelligkeit bei bloß gewöhnlicher Sommernässe und bei trockener Witterung lange anhaltend fahren kann, ohne zu sehr zu ermüden, denen sei hierdurch gemeldet, daß ich diesen Sommer nach mehrtägigem, fast beständig anhaltendem starken Regenwetter, und zwar zum Teil noch während desselben, vier starke Stunden Wegs (rund 14 km) in ungefähr zwei Stunden Zeit, und vor etlichen Tagen in zwölf Stunden gegen vier und zwanzig Poststunden (rund 78 km) zurück gelegt habe, und daß ich bei der letzten Station dieser Reise durch die Schnelligkeit des Fahrens gezeigt habe, daß ich ohne große Müdigkeit wahrscheinlich in den darauf folgenden zwölf Stunden den nämlichen Weg noch einmal hätte zurücklegen können, wenn es so lange Tag geblieben wäre.
  In theoretischer Hinsicht liegt der bekannte Mechanismus des Rades, auf die einfachste Art für das Laufen angewandt, zugrunde. Die Erfindung ist daher in Absicht auf Ersparung der Kraft fast ganz mit der sehr alten der gewöhnlichen Wagen zu vergleichen. So gut ein Pferd auf den Landstraßen im Durchschnitt, die auf einen verhältnismäßig wohl gearbeiteten Wagen geladene Last viel leichter samt dem Wagen zieht, als ohne ihn die Ladung auf dem Rücken trägt, so gut schiebt ein Mensch sein eigenes Gewicht viel leichter auf einer Maschine fort, als er es selbst trägt. Dieses ist um so mehr der Fall, als man mit dem nur einzigen Geleis sich immer die besten Strecken der Landstraßen aussuchen kann.
  Die Schnelligkeit der Maschine gleicht auf ebenen harten Wegen fast ganz der des Schlittschuhfahrens, indem die Grundgesetze übereinkommen. So schnell man nämlich im Stande ist, den Fuß einen Augenblick hinaus zu stoßen, so schnell geht es während dem Ausruhen fort. Bergab aber werden die besten Pferde auf langen Strecken übertroffen, und doch mit größerer Sicherheit gegen Unglücksfälle, da man mit den Füßen zum Anhalten beständig bereit ist.
  Was nun eine Anfrage im Allgemeinen Anzeiger der Deutschen: „Könnte man nicht bald möglichst erfahren, ob, wo und wie teuer man die Laufmaschine schon fertig erhalten, oder wenigsten den Riß oder ein Modell dazu gegen Vergütung bekommen könne?“ selbst betrifft, so muß ich bemerken, daß ich zur weiteren Ausführung dieser und anderer Ideen Erfindungspatente für deren ausschließenden Gebrauch in meinem Vaterlande und in anderen Staaten suche.
  Darüber soll aber das Gute und Angenehme der Sache nicht aufgehalten werden. Ich nehme daher, meinem früheren offenen Benehmen in diesem Sommer gemäß, keinen Anstand, eine nähere Beschreibung der Maschine und Behandlung mit der nötigen Abbildung, die gegenwärtig samt der fahrenden Figur in Kupfer gestochen wird, im Oktober des Jahres (1817) heraus zu geben. Mein weiteres Interesse soll in den zweiten Rang gestellt sein, und ich hoffe, eben dadurch die willige Teilnahme des Publikums mir zu gewinnen. Aber so gut als ein Schriftsteller gegen den Nachdruck sich erklärt, will ich einstweilen mein Eigentum der Sache gegen das Nachmachen ohne meine erworbene Einwilligung verwahren, jedoch biete ich zugleich einen Ausweg an, indem ich das Zartgefühl (heute: Fairneß) der Verkäufer und Käufer von solchen Maschinen, welche nach meiner Erfindung gearbeitet werden wollten, dafür anspreche, daß für jedes neu entstehende Exemplar mein Zeichen, bestehend in einem silbernen Plättchen mit meinem Wappen und der fortlaufenden Nummer etc. gegen einen vollgewichtigen Carolin oder zwei Dukaten oder elf Gulden Rheinisch, allenfalls in Wechsel auf Frankfurt am Main, als Honorar bei mir selbst eingelöst und sichtbar vorne an der Maschine durch Schrauben befestigt werde. Ich hoffe, daß mir von allen Gebildeten dieser Wunsch gewährt wird, um meine unaufgehaltene Mitteilung und Edelmut zu erwidern. Ich verspreche dagegen, daß diese hier beschriebenen Zeichen für die Dauer meiner ganzen zu hoffenden Privilegienzeit gelten sollen, und erbiete mich, jedem eingelösten Zeichen mein gedrucktes Verzeichnis aller früheren Nummern ihrer ursprünglichen rechtmäßigen Eigentümer unentgeltlich beizulegen.
  Um indessen zu beweisen, daß diese Maschine nach dem Versprechen des Zeitungsartikels, und zwar mit Einschluß des Honorars für vier Carolin mit Reisetaschen und sonstiger Zubehör dauerhaft und schön hergestellt werden kann, mache ich mir ein Vergnügen daraus, denjenigen, welche mich und die Besorgung nebst übersandtem Wechsel, oder mit Geldvorschuß durch Abrede mit der Post schon ersucht haben, und denen, die es in den nächsten Monaten (denn späterhin könnten vielleicht bevorstehende veränderte Dienstverhältnisse mich abhalten) auf gleiche Art und mit Angabe der Spaltlänge ihrer Beine (heute: Schritthöhe) zur Bestimmung der Höhe des Sitzes noch tun, den Bau der Maschine unter meiner eigenen Leitung von geschickten Handwerksleuten machen zu lassen, und selbst für die genaue Arbeit zu sorgen, bis eine Fabrik so eingerichtet ist, daß sie meiner Hilfe nicht mehr bedarf. Dabei will ich auch sorgen, daß die Fertigungszeit der Maschine, mit Einschluß des Trocknens der Farben, in der Regel nur einen Monat dauert, und daß wenigstens für die in diesem Jahre noch eintreffenden Bestellungen folgende Pränumerationspreise nicht überschritten werden.:
  A. Eine Beschreibung mit Kupferstich auf dickem oder dünnerem Velinpapier nach der Wahl des Empfängers, 1 Gulden
  B. ein silbernes Honorarzeichen, um die Maschine dazu an einem andern Orte machen zu lassen, 11 Gulden
  C. eine einfache Maschine samt diesem Zeichen, ganz wie es die Zeichnung versprach, und dabei für jeden, der es will, auch mit einer Einrichtung, um einen Mantelsack hinten aufpacken zu können, 44 Gulden
  D. eine solche mit der Einrichtung, daß man den Sitz höher oder niedriger schrauben, folglich abwechslungsweise für mehrere Person von etlichen Zollen verschiedener Größe gebrauchen kann, 50 Gulden
  E. eine Maschine mit zwei Sitzen hinter einander, auf der zwei zugleich fahren können, und nach hinlänglicher Übung im Balancieren immer einer fast ganz ausruhen kann, mit zwei größeren ledernen Reisetaschen, und mit der Erhöhungseinrichtung für die Sitze, 75 Gulden
  F. eine drei- oder vierrädrige, welche vorne einen gewöhnlichen bequemen Sitz zwischen zwei Rädern, und hinten einen Reitsitz mit der Einrichtung zur abwechslungsweisen Erhöhung und Niederstellung hat, gleichfalls mit dem Honorarzeichen, schön gearbeitet, 100 Gulden
  G. eine Kiste, um eine einsitzige Maschine zur Lieferung auf den Postwagen oder sonst wohin gut einzupacken, samt Zubehör, 5 Gulden
  H. eine dergleichen für eine zweisitzige, 8 Gulden
  Die drei- oder vierrädrigen Maschinen taugen nicht so gut zum Reisen auf den jetzt gewöhnlichen Straßen, haben aber auf ebenen, ganz guten Spazierwegen von gewisser Breite die Annehmlichkeit, daß man auch Damen schnell wie im Rennschlitten darauf fahren kann. Diese haben dabei von keinem Pferde vor sich her und von keinem durch solches erregten Staube zu leiden; sie sitzen tief genug, um nicht zu schwindeln, und überhaupt sehr behaglich mit offenem Gesichtskreis vor ihren Augen.
  Noch größere Eleganz etc. wie z.B. ein seidener Schirm gegen Sonne und Regen, so wie auch Vergoldungen etc. sind besonders zu verdingen, und ob diese Preise überhaupt für das andere Jahr etwas fallen oder steigen, wird die Erfahrung zeigen.
  Bei dieser Gelegenheit grüße ich alle meine Freunde herzlich und reiche jedermann freundlich die Hand, der unparteiisch sich betreibt, die Wahrheit zu untersuchen, um das Gute zu befördern.
  Das lächerliche Licht, das einige Müßiggänger und Karikaturistenkrämer auf sie geworfen haben, wird vor den Strahlen der Vorteile verschwinden, die die Draisinen der Welt noch einst gewähren werden.
  Lewis Gompertz 1821, Gründer des ersten Tierschutzvereins (in London) und Erfinder des Bohrfutters
1818 - Julius von Voss: Die Reise auf der Draisine
  1818 - Karl von Drais: Die Laufmaschine des Freiherrn Karl von Drais zu Mannheim
1897 - Ludwig Ganghofer: Die Fahrschule
1897 - Amalie Rother: Wie wir in Berlin Anfingen
1899 - Brauchen wir einen Freilauf?
1905 - F. W. Hinz: Wie ich Schleifenfahrer wurde
 
  zitiert nach: Sigismund Friedrich Hermbstaedt (Hg), Museum des Neuesten und Wissenswürdigsten. Berlin 1818 bei Carl Friedrich Amelang. Band 13, S. 215-220. Die Fahrmaschine des Großherzogl. Badenschen Forstmeisters Herrn Freiherrn Karl von Drais in Mannheim (ab Herbst Laufmaschine getauft). Mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Taschenbuchverlags entnommen aus: Ich fahr' so gerne Rad ... Geschichten von der Lust, auf dem eisernen Rosse dahinzujagen. Herausgegeben von Hans-Erhard Lessing. München 4. Aufl. 2002
  SW: Verkehr, Transport, Individualverkehr, Fahrrad, Alltag, Erfindung, Geschichte, Unterricht, Bildung, Schule, Arbeitslehre, Sachunterricht, Technik, Nahverkehr, Verkehrsgeschichte, Technikgeschichte, Medienerziehung, Quelle, Dokument, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt

 

 


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aktualisiert: 06.02.2006
 
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