Fahrrad
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Das Recht des Radfahrers: 1. Einleitung
  1900 von Paul Schumacher
 

Dem Fahrrade verdanke ich die schönsten Stunden meines Lebens. Das Fahrrad gab mir die Möglichkeit, jederzeit dem lärmenden Getriebe der Grossstadt zu entfliehen und, unabhängig von den Fahrplänen der Eisenbahn, draussen in dem stillen Frieden der Natur Erholung von der Arbeit zu finden. Die Beweglichkeit des Rades teilt sich dem Radfahrer mit; leicht wird der Sinn und daheim bleiben die Sorgen und die tausend kleinen Unannehmlichkeiten des täglichen Lebens.

  Das Fahrrad gab mir die Möglichkeit, mit „federleichtem Gepäck“ weit über die Grenzen meiner heimatlichen Provinz hinaus die deutschen Gauen zu durchschweifen; es führte mich durch die wundersame Romantik weltferner Thäler, es führte mich durch den schweigsamen Hochwald, über blumige Auen, vorbei an einsamen Dörfern und Gehöften, vorbei an den eupheuumrankten Trümmern altersgrauer Zeiten.
  Das Fahrrad lehrte mich zurückzukehren zu der Einfachheit der Natur, denn der Radfahrer braucht kein lukullisches Mahl und er erkennt die Wahrheit des Ausspruchs jenes alten griechischen Weisen: „Und das beste ist das Wasser.“
  Das Fahrrad zeigte mir die Schönheit der Natur in allen Jahreszeiten. Wenn das erste Lenzeswehen über die Erde geht, wenn im frischen Grün die Fluren prangen und unsichtbar in den Lüften die Lerche dem Frühling ihr jubelnd Lied singt, dann eile ich hinaus in die wiedererwachende Natur. Und wenn im Sommer über dem Häusermeer der Stadt die heisse Sonne brütet, dann trägt mich das Rad durch die schattige Kühle des Waldes. Auf dem Rade sehe ich die Natur, wenn sie sich im Herbste mit ihrer letzten Farbenpracht zu dem grossen Sterben schmückt, ich sehe sie auf dem Rade auch in ihrem starren Winterkleide.
  War ich bis jetzt mit Leib und Seele ein radfahrender Jurist, so werde ich durch diese Buch auch ein juristischer Radfahrer, d. h. ein Radfahrer, welcher den Unzähligen, die sich des Rades erfreuen, ein juristischer Berater sein soll. Als ich dieses Buch begann, war ich mir der Schwierigkeiten meines Unternehmens wohl bewusst. Ich habe die Arbeit aber übernommen in der wohl nicht unberechtigten Annahme, dass die Erfahrungen, die ich als Radfahrer und als langjähriger Vorsitzender des Schöffengerichts einer Grossstadt gemacht habe, auch anderen Radfahrern von Nutzen sein könne.
  Die für die Radfahrer massgebenden Vorschriften sind zwar in den einzelnen Bundesstaaten verschieden. Die Gesetzgebung des deutschen Reiches hat aber dafür gesorgt, dass in grossen Zügen auch für die Radfahrer einheitliche Bestimmungen in ganz Deutschland gelten.
  Die nachfolgende Darstellung begleitet gleichsam den Radfahrer auf seiner Fahrt durch Stadt und Land. Sie will dem Radfahrer in allen Lagen, in welche er kommen kann, mit Rat zur Seite stehen, sie will ihm helfen, Unrecht zu verhüten und für geschehenes Unrecht die Sühne zu suchen.
  Gegen den Radfahrer besteht heute noch ein weit verbreitetes Vorurteil. Verschuldet haben dieses Vorurteil diejenigen Radfahrer, welche durch rücksichtsloses Fahren und durch ihre Roheit gegen das Publikum weite Volkskreise erbittert haben. Der anständige und gebildete Radfahrer muss deshalb durch sein ganzes Auftreten und namentlich durch vorsichtiges Fahren und gewissenhafte Beobachtung der polizeilichen und sonstigen Vorschriften dafür sorgen, dass dieses Vorurteil allmählich verschwindet. Er muss aber auch nicht nur jedes ihm geschehene Unrecht, sondern auch jeden anderen Radfahrer zur Anzeige bringen, der durch sein Benehmen zu berechtigten Klagen Anlass giebt. Nur hierdurch wird es ermöglicht, dass die Gesetzgebung dem Fahrrade diejenige Stellung einräumt, die ihm gebührt.
  Paul Schumacher: 1. Einleitung
2. Die rechtliche Stellung des Fahrrades
3. Die Polizeiverordnungen für Radfahrer
4. Die Vorschriften für Radfahrer in Preussen und im Königreich Sachsen
5. Die Vorschriften für Radfahrer in Bayern
6. Die Vorschriften für Radfahrer in Württemberg
7. Die Schutzbestimmungen zum Schutze der Wege und des Verkehrs
 
  zitiert nach: Paul Schiefferdecker: Das Radfahren und seine Hygiene - nebst einem Anhang: Das Recht des Radfahrers. Stuttgart: Eugen Ulmer 1900
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aktualisiert: 06.02.2006
 
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