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Die
Erfindung und Entwicklung des Fahrrades bis zum modernen Sicherheits-Rade |
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1906
von Anton Daul |
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„Demjenigen,
welcher das Fahrrad erfunden hat, gebührt der Dank der ganzen Menschheit“,
sagte der englische Lord Charles Beresford. Und dies führt zur Frage:
„Wer hat das Fahrrad erfunden?“ |
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Bei
Beantwortung dieser Frage stellt sich aber heraus, daß es nicht ein
gewisses, einzelnes Individuum gewesen ist, welchem die Palme des
Verdienstes dieser Erfindung gebührt, oder der auf den erwähnten „Dank
der Menschheit“ einen Anspruch erheben dürfte, sondern daß das Fahrrad,
so wie es jetzt dasteht, eine lange Periode der Entwicklung der verschiedensten
Art durchmachen mußte, und es einer langen Reihe von Erfindungen,
einer nach der anderen, bedurfte, um in Verbindung derselben miteinander
einen der interessantesten Artikel in der Geschichte der mechanischen
Wissenschaft herzustellen. |
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Forscht
man den allerersten Anfängen eines solchen Dinges, welches dazu dienen
sollte, dem Menschen seine Fortbewegung zu erleichtern oder zu beschleunigen,
nach, so finden wir eine allererste Spur auf französischem Boden.
Am Ende des 17. Jahrhunderts, im Jahre 1693, spricht ein Herr Ozanam,
ein Mitglied der „Königlichen Akademie der Wissenschaften“, von einem
„mechanischen Fuhrwerke“, dessen sich einer seiner Freunde, ein Arzt
zu Rochelle, bediente. – „Ein Lakai“, erklärte er, „sitzt hinten und
drückt auf zwei Hölzer, die mit zwei Rädern in Verbindung stehen und
auf einer gemeinschaftlichen Achse sich drehen.“ |
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Dann
hatte im Jahre 1790 ein M. Sivrac eine Maschine hergestellt, welche
er „Celerifere“ (nach dem Lateinischen Celer = schnell und fero =
tragen) nannte. Dieser Apparat bestand nur aus drei Holzteilen, einer
hölzernen Stange nämlich und zwei daran angebrachten Rädern, welche
in Gabeln standen, die jedes Ende der Stange bildeten. Ein Sattel
oder Kissen auf dem Rücken dieses hölzernen Pferdes, als Sitz für
den Fahrenden, und darauf – ging’s damit vorwärts! |
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Im
Jahre 1808 kam dieses Ding förmlich in die Mode. |
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Im
Jahre 1818 verbesserte der Deutsche Baron von Drais, der Landwirt
und Ingenieur zu Sauerbrunnen bei Frankfurt a. M. war, das „Celerifere“
wie folgt: Der Vorderteil wurde daran nicht mehr fest auf die Tragstange
aufgesetzt, auf welcher der Fahrende saß, sondern wurde mit derselben
durch einen Drehstift verbunden, so daß man ihn darauf nach rechts
und links schwingen konnte. Von da an war es deshalb nicht mehr nötig,
den Kopf dieses Holzpferdes nach links oder rechts zu drücken, um
die Maschine in die gewünschte Richtung steuern zu können; sondern
vermittels einer leicht zu handhabenden Lenkstange war man instand
gesetzt, das Vorderrad, welches nun das „Steuerrad“ wurde, nach welcher
Richtung der Fahrende es wünschte, zu lenken. |
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Baron
von Drais erfreute sich aber nicht lange seiner Erfindung. Neider,
Spötter und anderes gewissenlose Gesindel, das ja allenthalben den
Spuren von Erfindern folgt, vergällte ihm die Freude an seiner Erfindung.
Er gab sein Veloziped auf, zog sich welt- und menschenfeindlich zurück
und starb im Jahre 1851 in gänzlicher Zurückgezogenheit. Man darf
aber nicht vergessen, daß gerade Herrn Baron von Drais Name eine hervorragende
Stelle in der Geschichte des Fahrrades einzunehmen verdient. |
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Nachdem
die von seinem Erfinder „Draisine“ getaufte Fahrmaschine auf dem Kontinente
anfing, vernachlässigt zu werden, fand sie bei den Engländern Aufnahme,
welche als den schwächsten Punkt derselben das dazu verwendete Holz
fanden, welches weder Stärke, noch Dauerhaftigkeit besaß, vom Regen
anschwoll und Spalten und Risse erhielt. |
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Sie
fabrizierten das von ihnen verbesserte „Velociped“ (aus dem Lateinischen
wörtlich übersetzt „Schnellfuß“) aus Eisen und gaben ihm dann den
Namen „Hobby-Horse“, auf deutsch „Fußgängerpferd“, wovon hier eine
Abbildung beigegeben ist. |
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Diese
Maschine, welche von einfachstem Baue war, ruhte auf zwei leichten
Rädern, welche in einer und derselben Linie liefen. Das Vorderrad
saß in einem Drehstifte und konnte mittels eines kurzen Hebels beliebig
nach rechts oder links gelenkt werden, während das Hinterrad seine
feste Stellung behielt. Der „Fahrer“ selber saß auf einem Sattel,
der auf dem Rücken dieses Räderpferdes zwischen den beiden Rädern
angebracht war. Dabei aber mußten die Füße des „Fahrers“ anfangs ganz
flach auf dem Boden aufgesetzt sein, um dann mit ihnen die Maschine
in Gang bringen zu können, indem er nach dem ersten Schritte immer
zuerst mit der Ferse des Fußes den Boden berühren mußte, um abwechslungsweise,
bald mit dem rechten und dann mit dem linken Fuße, die Maschine in
Gang zu bringen, gerade so, als wenn einer „auf den Fersen“ ginge.
Dabei mußte der „Fahrer“ auch noch darauf achten, die Maschine erst
sehr sachte und gelinde in Gang zu setzen. |
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Dann
war gerade vor dem auf dem Sattel sitzenden „Fahrer“ ein Kissen aufgelegt,
um die Arme darauf legen zu können, während die Hände den Hebel hielten,
mit welchem die Maschine gesteuert werden konnte; |
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außerdem
war es aber auch noch nötig, sich jedesmal nach der betreffenden Seite
zu neigen, auf welcher der entgegengesetzte Arm auf das Kissen drückte. |
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In
Figur 4 sind die Details von einer Draisine dargestellt, welche weiblichen
Radlerinnen dienen sollte; denn auch schon mit dem ersten Erscheinen
der Draisine drängte sich das andere Geschlecht zur Benutzung dieses
neuen Fortbewegungsmittels herzu. Diese Damen-Draisine war für die
damalige Zeit eine sehr gelungene Verbesserung der ersten dieser |
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Maschinen, und konnte von Frauen leicht in Gang gesetzt werden. Die
Person, welche dieses „Hobby-Horse“ benutzen wollte, nahm ihren Sitz
auf dem Sattel (B) und lehnte sich über das Kissen (C), welches gut
ausgestopft war. Oberhalb (D) des Kissens befand sich ein Balancier-
oder Gleichgewichtshebel (A), den die auf dem Kissen ruhenden Arme
mit den Händen ergreifen konnten, um sie zu lenken; wobei, je nachdem
die Maschine sich nach der einen oder anderen Seite neigte, ein Druck
mit dem entgegengesetzten Arme auf das Kissen ausgeübt werden mußte.
In dieser Stellung schwebte, wie nachstehende Illustration zeigt,
das Kleid der Fahrenden frei über dem Boden, welchen die Füße gerade
so wie beim gewöhnlichen Gehen berührten. |
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Nur
war es nötig, jedesmal durch einen Stoß mit den Füßen der Maschine
nachzuhelfen. Diese Maschine machte im Jahre 1819 den Londoner Damen
viel Vergnügen, während die Herren, wie vorstehendes Bild zeigt, in
einer Draisine-Reitschule, die in London im Jahre 1819 aufkam, ihre
ersten Fahrversuche machten. Außer der in England verbesserten Maschine
des Barons von Drais konstruierte auch bald darauf ein Londoner Wagenbauer,
namens Dennis Johnson, eine ähnliche Maschine, welche er das „Fußgänger-Gefährte“
oder „Dandypferd“ nannte. Dasselbe kam auf einige Zeit in die Mode
und der Erfinder dieses Dinges machte damit ausgezeichnete Geschäfte.
Aber die Spötter, die in den Blättern davon Karikaturen brachten,
und die dem Rade anhängenden Mängel verbanden sich, um diese Form
von Fahrrad wieder außer Gebrauch zu setzen. |
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Aber
es dauerte nicht lange, als es im Jahre 1830 von einem M. Deuze, einem
französischen Postbeamten, für Landbriefträger wieder auftauchte,
um aber nur einige Zeit lang benutzt und dann doch wieder aufgegeben
zu werden. |
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Dann
wurde einige Zeit nichts mehr mit verbesserten Formen des Zweirades
getan; dagegen aber aller Erfindungsgeist auf alle mögliche plumpe
Dinger unter den verschiedensten Benennungen, wie Velozipeden, Acceleratoren,
Manivelocitres und dergleichen, auf drei- und vierrädrige Maschinen
verwendet. |
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1906 - Anton. Daul: Die Erfindung und
Entwicklung des Fahrrades bis zum modernen Sicherheits-Rade |
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1906 - Anton Daul: Das erste kurbelgetriebene
Zweirad |
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1906 - Anton Daul: Der Knochendurchschüttler
und seine Nachfolger |
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1906 - Anton Daul: Das Tricycle oder
Dreirad |
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1906 - Anton Daul: Die moderne Maschine |
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1906 - Anton Daul: Das Fahrradbauen
als eine Wissenschaft |
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1906 - Anton Daul: Der wohltätige
Einfluß des Fahrradbaues auf andere Mechanismen |
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1906 - Anton Daul: Die ersten
Verbesserungen an dem jetzigen Fahrrade |
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1906 - Anton Daul: Der pneumatische
Radkranz |
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1906 - Anton Daul: Ein Hand-
und Fußrad |
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1906 - Anton Daul: Ein Fußfahrrad |
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1906 - Anton Daul: Fahrradantriebe
vor Erfindung der Kettentransmission |
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zitiert
nach: Anton Daul: Illustrierte Geschichte der Erfindung des Fahrrades
und der Entwicklung des Motorfahrradwesens. Dresden: Verlag von R.
Creutz 1906, S. 1-16 |
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SW: Verkehr,
Transport, Individualverkehr, Fahrrad, Alltag, Erfindung, Geschichte,
Unterricht, Bildung, Schule, Arbeitslehre, Sachunterricht, Technik,
Nahverkehr, Verkehrsgeschichte, Technikgeschichte, Medienerziehung,
Quelle, Dokument, Berlin, Deutschland, Verkehrswerkstatt |
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© 2003 Verkehrswerkstatt.de
Dr. Helmut Meschenmoser
Alle Rechte vorbehalten.
Eine Nutzung für den Unterricht ist freigegeben.
aktualisiert: 06.02.2006 |
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