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Der pneumatische Radkranz
  1906 von Anton Daul
  Aber so bedeutend auch die Verbesserungen am Fahrrade, wie sie die Mechanik an ihm anbringen konnte, waren, welche dazu beigetragen hatten, daß mit dem Fahrrade sowohl auf dem Wege, als bei Wettrennen das Erstaunlichste geleistet werden konnte, so wurde die Möglichkeit solcher Leistungen erst durch den Luftkranz der Räder erleichtert und erhöht.
  Die Geschichte des pneumatischen Radkranzes dürfte und darf man ganz gut als eine Romanze des Gewerbes bezeichnen; denn selten hat eine so einfache Erfindung sich eines so umfassenden und revolutionierenden Umschwunges und solchen Erfolges zu erfreuen gehabt. Ein Chirurg zu Belfast in England, M. John Boyd Dunlap mit Namen, obgleich selber kein Radfahrer, war begierig, zum Wohle seines radfahrenden Sohnes ein Mittel auszufinden, um die auf die Nerven wirkenden Vibrationen der Maschine dämpfen zu können, über welche sein Sohn beklagte und die von den festen Radkränzen ausgingen, wenn er auf rauhen Wegen oder gar über eine frisch gekieselte Straße fuhr. Nach verschiedenen Versuchen gelang es Dunlap einen Radkranz herzustellen, welcher Luft halten konnte, obgleich erst noch die Anbringung desselben und ein passendes Ventil ausfindig zu machen waren.
  Nicht wenig Aufsehen erregten diese Maschinen mit ihren mit Luft gefüllten Radkränzen, als sie im Jahre 1888 zuerst in Irland und dann in England erschienen, und die mit ihnen ausgerüsteten Radfahrer gingen bei allen Wettrennen als Sieger hervor. Es war nur noch eine Frage der Zeit, um die absolute Vorzüglichkeit dieser Erfindung festzustellen, und nachdem dies geschehen, werden die Engländer, welche dadurch soviel in dem von ihnen in allen Dingen verlangten Komfort erreicht haben, nimmer vergessen, was sie dem geschmähten und hintangesetzten Irland hier zu verdanken haben (meint ein englisches einflußreiches Journal). Aber trotz allem traten die englischen Fahrradfabrikanten der neuen und erprobten Erfindung des pneumatischen Radkranzes mißtrauisch abwehrend, ja feindlich entgegen, da sie ja selber noch Tausende von mit festen Radkränzen versehene Maschinen auf Lager hatten, und sie auch noch die entschuldbare Befürchtung trugen, daß der Luftradkranz die Abnützung auf rauhen Wegen nicht aushalten könnte.
  Und in der Tat war es auch, wenn er verletzt wurde, sehr schwer, ihn wieder zu reparieren, weil er fest an den Radkranz angekittet war, und erst mit Aufwand von vieler Mühe und Zeit unter Anwendung von Hitze abgenommen werden konnte.
  Alle diese Schwierigkeiten sind nun in einfacher, aber doch merkwürdiger Weise überwunden worden. Im Jahre 1892 brachte die Kompagnie, welche sich im Jahre 1889 (in England) gebildet hatte, um Dunlaps pneumatischen Radkranz zu fabrizieren, ein neues Muster hervor, das von einem Engländer, namens C. K. Welch, erfunden worden war, an welchem der pneumatische Radkranz auf solche Weise mittels Drahtes an den Radkranz befestigt war, daß er wieder leicht abgenommen und wiederum in derselben Weise angesetzt werden konnte. Und wenn der Radkranz auf dem Wege in irgend einer Weise verletzt wurde, brauchte man bloß die in demselben enthaltene Luft auszublasen und dessen Rand zu lüpfen, oder, wenn es nötig war, ihn ganz abzunehmen, die verletzte Stelle mit einem Stück Gummi zu verkitten und den reparierten Luftkranz wieder zu befestigen und mit Luft aufzublasen.
 

In jetziger Zeit werden dann auch die pneumatischen Radkränze viel dauerhafter gemacht, und es liegt nur an dem Radfahrer selber, daß er sie in gutem Zustande erhält, indem er sie fleißig reinigt und nicht in brennender Sonne unbedeckt stehen läßt. Und dann kommt noch zu erwägen, welche Mängel der pneumatische Radkranz auch noch immer an sich tragen mag, daß solche durch die Behaglichkeit, welche er dem Fahrenden, gegenüber dem festen Radkranze, bietet, sowie durch die Schnelligkeit, welche er der Maschine erlaubt, dieselben vollständig ausgleicht. Allen Einreden gegen den pneumatischen Radkranz kann man mit der Anwendung des Sprichwortes gründlich begegnen, das da kurz und bündig lautet: „Einmal gebraucht, immer gebraucht.“

1906 - Anton. Daul: Die Erfindung und Entwicklung des Fahrrades bis zum modernen Sicherheits-Rade
1906 - Anton Daul: Das erste kurbelgetriebene Zweirad
1906 - Anton Daul: Der Knochendurchschüttler und seine Nachfolger
1906 - Anton Daul: Das Tricycle oder Dreirad
1906 - Anton Daul: Die moderne Maschine
1906 - Anton Daul: Das Fahrradbauen als eine Wissenschaft
1906 - Anton Daul: Der wohltätige Einfluß des Fahrradbaues auf andere Mechanismen
1906 - Anton Daul: Die ersten Verbesserungen an dem jetzigen Fahrrade
  1906 - Anton Daul: Der pneumatische Radkranz
1906 - Anton Daul: Ein Hand- und Fußrad
1906 - Anton Daul: Ein Fußfahrrad
1906 - Anton Daul: Fahrradantriebe vor Erfindung der Kettentransmission
 
  zitiert nach: Anton Daul: Illustrierte Geschichte der Erfindung des Fahrrades und der Entwicklung des Motorfahrradwesens. Dresden: Verlag von R. Creutz 1906, S. 1-16
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aktualisiert: 06.02.2006
 
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