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Otto Lilienthal |Fluggeschichte | Suchen
 
  Warum wir die Erkenntnisse über die Tragfähigkeit gewölbter Flügelflächen so spät veröffentlichten
  Otto Lilienthal in
"Zeitschrift für Luftschiffahrt" Nr. 11 von 1893

 


"Als ich vor vier Jahren die von mir in Gemeinschaft mit meinem Bruder veranstalteten langjährigen Versuche über die Tragfähigkeit gewölbter Flügel beendete und die gewonnenen Resultate in meinem Werke "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst" der Öffentlichkeit übergab, war damit eine bis dahin neue und alle Erscheinungen des Vogelfluges in gewissem Grade erklärende Theorie des Fliegens ebenfalls zum Abschlusse gelangt. Die Neuheit der Einführung des Rechenmaterials über gewölbte Trageflächen und die überraschenden Erscheinungen bei unseren Experimenten gaben die Veranlassung, nicht früher damit in die Öffentlichkeit zu treten, als bis durch zahlreich wiederholte Versuche für uns jeder Zweifel und jede Täuschung ausgeschlossen erschien.
Man hat mir nun in Heft 6 des vorigen Jahrganges dieser Zeitschrift vorgeworfen, es wäre Unrecht von mir gewesen, mit diesen Entdeckungen so lange hinter dem Berge zu halten. Gleich nach der ersten Auffindung der neuen Luftwiderstandsgesetze vor länger als 20 Jahren hätte ich damit an die Öffentlichkeit treten müssen. Während ich dem Luftballon eine Verzögerung in der Entwicklung des Flugproblems um viele Jahrzehnte anhängig machte, hätte ich möglicherweise selbst die Lösung der Luftschiffahrtsfrage durch mein Schweigen um weitere zwei Jahrzehnte hinausgeschoben ...
Die weite Hinausschiebung der Veröffentlichung unserer flugtechnischen Entdeckungen war nichts weiter als die natürliche Folge der begleitenden Umstände. Als wir bereits jede Stunde unserer freien Zeit der Flugfrage widmeten und schon den Gesetzen auf der Spur waren, welche das Problem von seinem Alb befreien sollten, hielt man in Deutschland meistens noch jeden Menschen, welcher sich mit dieser brodlosen Kunst beschäftigte, für einen Narren. Das war schon Grund genug, um nicht unnöthiges Aufsehen mit solchen Arbeiten zu machen. Der vornehmste Vertreter des mathematischen Lehrstuhles an der Berliner Gewerbeakademie in den sechziger Jahren hörte von einem meiner Commilitonen, daß ich – man hatte mir schon damals einen entsprechenden Scherznamen beigelegt, – mich mit flugtechnischen Arbeiten beschäftigte. Der Professor ließ mir sagen, es könne ja nicht schaden, wenn ich mir mit solchen Berechnungen die Zeit vertriebe, ich möchte aber um Himmelswillen kein Geld für solche Sachen ausgeben. Der Professor wußte nämlich nicht, daß das Letztere sich ganz von selbst verbot ...
Hierzu kam, daß wir als junge, vollkommen unbemittelte Leute uns so zu sagen am Frühstück pfennigweise die Mittel absparen mußten, um unsere Experimente durchführen zu können, während wir zeitweise durch den Kampf ums Dasein sogar gänzlich an unseren flugtechnischen Arbeiten verhindert wurden. Wir wären überhaupt garnicht in der Lage gewesen, eine gute Herausgabe unserer Errungenschaften bewirken zu können. Hat es mir doch noch zuguterletzt größere Schwierigkeiten bereitet, einen Verleger für meine Veröffentlichungen zu suchen."
zit. aus: Schmitt,G./Seifert, K-D.: Otto Lilienthal - 100 Jahre Menschenflug. Ausgewählte Beiträge. Bonn 1995, 12
SW: Verkehr, Verkehrsmittel, Flugzeug, Forschung, Bionik, Experiment, Naturwissenschaften, Flugphysik, Physik, Biologie, Vogelflug, Aeronautik, Mensch, Forscher, Flugpionier, Otto Lilienthal, Geschichte, Fluggeschichte, Flugversuche, Technik, Konstruktion, Statik, Berlin, Lichterfelde, Verkehrswerkstatt, Deutschland

 


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aktualisiert: 29.10.2003

 

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