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Artikel

20.06.1948 | Berliner Zeitung

Made in USA

Die "Deutsche Mark" ist made in USA. Das "hübsche Geld", wie es der amerikanische Sachverständige Jack Bennett nannte, wurde bis zum letzten Fünfmarkschein in amerikanischen Druckereien hergestellt und in amerikanischen Dampfern nach Deutschland verladen. Deutsche durften den Hütern der Demokratie westlicher Ordnung nur ihre beratende Stimme leihen. Wie sie es taten, erzählt uns die "Welt", das Organ der britischen Besatzungsmacht.

Am 20. April, vor genau acht Wochen also, verließ ein Omnibus mit unbekanntem Ziel Bad Homburg. Die Insassen wurden von bewaffneter Militärpolizei überwacht. Das Gefährt hielt vor der Kaserne des Fliegerhorstes Rotwesten in Kassel. An den "schlichten Verhandlungstischen des Kasernengebäudes" wurden die Einzelheiten der Währungsreform ausgekocht. Acht Wochen gab es amerikanische Truppenverpflegung. "Die Rauchwaren verteilte Lt. Stoker persönlich." - "Die Umgebung ist nicht ermunternd. Das Gelände, durch zweifachen Stacheldraht und patrouillierende M.-P.s gesichert, wird in der Nacht taghell angestrahlt"... Vier Wochen Schreibverbot. Die Frauen zu Hause bleiben in völliger Unkenntnis, was mit ihren Männern geschehen ist. So beschreibt der Chef der Finanzverwaltung Hamburg, Senator Dr. Dudek, die Tage der Währungshaft in Kassel.

Während die "Konklave" in der Kasseler Kaserne tagt, sprechen die großen und kleinen Vertreter der westlichen Besatzungsmächte mit treuherzigem Augenaufschlag viel und gern von der Hoffnung, die Viermächteverhandlungen über eine gesamtdeutsche Währungsreform könnten doch noch zu einer Einigung führen. Tatsächlich nehmen auch Amerikaner, Engländer und Franzosen weiter an dem Vierergespräch in Berlin regen Anteil. Warum? Einzig und allein, um sich ein Alibi zu verschaffen bis zu der Stunde, in der auch das geringste Detail des Währungsverbrechens festgelegt ist.

Man ist reichlich verlegen, eine Rechtfertigung für diesen flagranten Bruch aller Viermächteabkommen über Deutschland zu produzieren. Dr. Pünder stottert etwas von der "Notwendigkeit" einer seperaten Währungsreform, da sich die Wirtschaft in Westdeutschland nur noch ächzend voran bewege und sich in einer beginnenden "Todesstarre" befindet. Das ist allerdings die traurige Wahrheit; aber wurde diese, nicht beginnende, sondern weit fortgeschrittene Agonie der deutschen Wirtschaft nicht mit allen Mitteln betrieben? Die Organisation des Mangels und des Hungers sollte dafür die Voraussetzungen schaffen, den westdeutschen Boden zur Aufnahme des Marhall-Düngers bereitzumachen. Mit der Währungsreform soll Deutschland unentrinnbar an die Marshallkette gelegt werden.

Damit wird klar, daß jeder Aspekt der bizonesischen Geldreform dem Interesse des amerikanischen Kapitals angepaßt ist. Die deutschen Verpflichtungen aus der Marshall-"Hilfe" wachsen. Wenn der Umrechnungskurs tatsächlich 1 : 10 sein sollte und, wie schon angekündigt wurde, das Wertverhältnis 1 "Deutsche" Mark = 30 cents bleibt, so steigt der Wert der Marshalleinfuhr um das Zehnfache. Mit der Deflation und der daraus resultierenden Kreditverknappung wird künstlich der Hunger nach Dollarkrediten gezüchtet. Frei kann jetzt das amerikanische Kapital die westdeutsche Industrie für ein Butterbrot aufkaufen.

Sinkende Löhne sind die unvermeidlichen Folgen deflationistischen Währungsdiktats. Dem kann sich nicht einmal Eric Reger im "Tagesspiegel" verschließen. Er möchte deshalb den Gewerkschaften in der Doppelzone die Rolle zuweisen, die traditionell die American Federation of Labour übernommen hat: den Unwillen der Arbeiterschaft gegen Unternehmerwillkür und Brutalität aufzufangen. "Von ihnen (den Gewerkschaften) wird in den kommenden Wochen und Monaten ein hohes Maß an Führungskunst verlangt werden. Sie werden mit der Beantwortung der Frage, ob sie imstande sind, unpopulären Erkenntnissen Geltung zu verschaffen, oder nur bereit, den Reflexbewegungen ihrer Mitglieder gefällig zu folgen, geradezu die Gültigkeit ihres Anspruchs auf aktive Teilnahme an den schwierigen Entscheidungen erweisen müssen."

Während die Unternehmer im Westen auf ihren vollgefüllten wertbeständigen Lagern sitzen, sind die kleinen Leute ihre sauer genug verdienten Ersparnisse losgeworden. Sie wissen nicht, was die Zukunft bringt, denn das Umtauschverhältnis von Reichsmark zur Clay-Mark bleibt die große Unbekannte in der Gleichung. Mit abgefeimter Schläue haben die amerikanischen Meister den Akt der Währungsreform von dem des Lastenausgleichs - zwei untrennbare Vorgänge auseinandergerissen, mit der pikanten Pointe, daß die amerikanischen Währungsmanipulationen den Lastenausgleich ihren deutschen Satrapen überlassen. Und ohne Zweifel können sie das auch.

Die westdeutsche Währungsreform vollendet die Spaltung Deutschlands, heißt es in der Erklärung Marschall Sokolowskijs. Zwei Deutschlands wurden künstlich geschaffen, das eine: Randgebiet der europäischen Marshall-Plantage, eine Dependance der amerikanischen Monopole - das andere ein Land, in dem die Fundamente demokratischer Lebens- und Wirtschaftsform gelegt sind, das Kernstück eines neuen unabhängigen und aufstrebenden Deutschlands. Zwischen beiden liegt die deutsche Hauptstadt Berlin, das sich, wie Sokolowskij ausdrücklich bestätigte, "in der sowjetischen Besatzungszone befindet und wirtschaftlich einen Teil der sowjetischen Besatzungszone darstellt". Das haben im Übereifer, die Spaltung Deutschlands möglichst schnell zu vollenden, die Westmächte de facto anerkannt, indem sie die Westsektoren Berlins ausdrücklich von den monetären Maßnahmen in der Doppelzone ausnahmen. Berlin und die Sowjetzone sind damit auch währungstechnisch zur Einheit verbunden. Strikte Maßnahmen wurden getroffen, um den Einstrom illegaler Markbestände nach Berlin und der Ostzone zu sperren. Die Gefahr einer ernsten Erschütterung des Wirtschaftslebens im Osten ist damit zunächst abgewendet. Mehr noch, die Initiative in Berlin liegt heute bei den Kräften, die unbeirrt für die wirtschaftliche und politische Einheit Deutschlands arbeiten. Die Sprengtrupps der Viermächte-Verständigung haben sich durch den westdeutschen Währungsputsch in Berlin in eine traurige Lage hineinmanövriert, die ihr Verbleiben im Herzen Deutschlands unmöglich macht.

Quellenangaben

Quelle: Berliner Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Währung, Währungsreform, Geldumtausch, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland
Aktualisiert am: 06.02.2006
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