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Artikel

26.06.1948 | Berliner Zeitung

Völkerwanderung nach dem Berliner Osten

Menschenschlangen im Sowjetsektor / Schwaches Umtauschgeschäft in West-Berlin

Berlin stand am Freitag im Zeichen einer wahren Völkerwanderung aus den westlichen Sektoren in den sowjetisch besetzten Stadtteil des Berliner Ostens. Das Ziel der Massenbewegung, die sich über U-Bahn, S-Bahn und Straßenbahn in Richtung Berlin O vollzog, waren die Geldumtauschstellen, in denen man für alte Reichsmark die neue Währung bekam. Schon in den frühen Vormittagsstunden bildeten sich vor allem an den verkehrsgünstig gelegenen Umtauschstellen erhebliche Menschenschlangen, überwiegend Einwohner der westlichen Sektoren Berlins. Die Riesenwanderung nach Osten hatte zur Folge, daß die westlichen Stadtbezirke der Reichshauptstadt am Freitag geradezu evakuiert erschienen.

Leere in Berlin W Besondere Maßnahmen zum Umtausch alten deutschen Geldes in die sog. Clay-Mark, wie z. B. die Dienstverpflichtung zahlreicher Magistratsangestellter in die Umtauschstellen, erwiesen sich im amerikanischen Sektor Berlins als überflüssig. Der erwartete Andrang blieb aus. Zeitweise war er derart gering, daß bereits erwogen wurde, das Personal zu reduzieren. Im Bezirk Zehlendorf zählte man in der Umtauschstelle im "Arndt-Gymnasium" in der Königin-Luisen-Straße innerhalb einer Stunde nur 100 Personen.

Französischer Sektor verödet Die Straßen des französischen Sektors waren nahezu verödet, und selbst vor den wenigen Geldumtauschstellen waren die Menschenmengen nicht so groß, wie die Separatisten erwartet hatten. Die Angehörigen der französischen Besatzung waren fast völlig aus dem Straßenbild verschwunden, das am Freitag von verstärkten Aufgeboten deutscher Polizei beherrscht wurde. Deutsche Polizei war es auch, die vor einer Umtauschstelle in der Residenzstraße handgreiflich gegen die erregte Menge vorging, die, von unkontrollierten Gerüchten nervös gemacht, teilweise schon mehr als 12 Stunden wartete. Der Aufruf Marschall Sokolowskijs, im französischen Sektor durch Flugblätter verbreitet, wurde den Verteilern nahezu aus den Händen gerissen, während der von dem französischem Kommandanten unterzeichnete Befehl an vielen Stellen zerfetzt von den Mauern hing. Am Ringbahnhof Gesundbrunnen wurden bereits wenige Stunden, nachdem die Ausgabe der Westwährung eingesetzt hatte, zwei Clay-Mark für eine Mark mit aufgeklebtem Spezialkupon angeboten.

Berlin W bewertet Kleingeld 1 : 1 Die Lebensmittelgeschäfte und Bäckereien in den westlichen Sektoren Berlins, die während der Umtauschzeit als einzige Geschäfte in den Westsektoren geöffnet sind, nahmen bereits gestern Scheidemünzen zum vollen Nennwert in Zahlung, wie es im Befehl Nr. 111 der sowjetischen Militärverwaltung vorgesehen ist. Die Anordnung der westlichen Sektorenkommandanten, diese Scheidemünzen nur mit einem Zehntel ihres Nennwertes in Zahlung zu nehmen, wurde ignoriert.

Was wird aus den VAB-Geldern Während durch den Befehl 111 das Vermögen der Versicherungsanstalt Berlin begünstigt im Verhältnis zwei zu eins abgewertet wird und damit die weitere soziale Arbeit und die Leistungen dieses Institutes gesichert sind, herrscht bei den in den Westsektoren gelegenen VAB-Verwaltungstsellen noch völlige Unklarheit darüber, ob und in welchem Umfange die Gelder dort aufgewertet werden.

Clay-Mark-Besitz ist strafbar Die Tatsache, daß im Ostsektor Berlins der Umtausch der alten Währung gegen Geldscheine mit aufgeklebtem Spezialkupon gegen Abgabe des Stamm-Abschnittes der06.-Lebensmittelkarte, in den Westsektoren Berlins aber gegen Abstempelung der Kennkarte erfolgt, machen sich einige zunutze, um in den Westsektoren Clay-Mark und im Ost-Sektor ein zweites Mal Geldscheine der Ostwährung einzutauschen, wozu eine provokatorische Presse aufgefordert hat. Es wird noch einmal darauf aufmerksam gemacht, daß sich nach dem Befehl Marschall Sokolowskijs jeder strafbar macht, der Westmark annimmt. Der doppelte Umtausch wird später auf Grund der ausgefüllten Formulare festgestellt werden. Die durch den Befehl 111 angeordnete Währung für die sowjetische Besatzungszone und für Groß-Berlin hat allein Gültigkeit.

Bilanz der ersten Tage Wie das Berliner Stadtkontor mitteilt, haben in den annähernd 1300 Umtauschstellen im sowjetischen Sektor am Donnerstag nahezu eine halbe Million Berliner ihr Geld umgetauscht. Ziffern über die Höhe der zum Umtausch gelangenden Geldsummen konnten bei Abschluß dieses Berichts noch nicht genannt werden. Das scheint erklärlich, wenn man bedenkt, daß an den 80 Schaltern der Rennbahn Karlshorst schätzungsweise allein über 40 000 Erklärungen, vorwiegend von Einwohnern der Westsektoren, abgegeben wurden. Die Zahl derer, die mehrere tausend Mark zum Umtausch einreichten, war verhältnismäßig gering. Die meisten Berliner brachten nur einige hundert Mark zum Umtausch.

Geldumtausch auf Reisen Die Frage, wie Reisende, die sich gegenwärtig von ihrem Wohnort entfernt in Berlin oder in der Ostzone aufhalten, ihr Geld umtauschen können, wird von zuständiger Seite wie folgt beantwortet: Entscheiden ist, wo sich der Stammabschnitt der06.-Lebensmittelkarte befindet. Hat ihn der Reisende bei sich, kann er an seinem augenblicklichen Aufenthaltsort sein Geld einwechseln. Liegt der Abschnitt zu Hause, dann kann ein Familienmitglied oder ein sonst Beauftragter mit Hilfe des Stammabschnittes für ihn diese "Finanzoperation" durchführen. Bei Kindern, die zur Zeit verschickt sind, können die Eltern sich vom Ernährungsamt eine Bescheinigung ausstellen lassen, die das bestätigt und daraufhin für ihre Kinder die 70-Mark-Quote einwechseln. Soweit Personen sich in Gemeinschaftsverpflegung der Krankenhäuser usw. befinden, gilt eine List des betreffenden Wirtschaftsleiters als Unterlage für die Einwechslung.

Schwarzer Markt lahmgelegt Der Schwarze Markt, der sich in den Berliner Bezirken hier und da breitmachte, ist noch immer völlig lahmgelegt. Die Schieber sitzen offensichtlich auf ihren Waren, wissen aber noch nicht, woran sie sind und sondieren die Lage. Aufsehen erregte lediglich ein Mann auf dem Alexanderplatz, der in den Nachmittagsstunden des Freitags 20 deutsche Zigaretten für sieben Mark alter Währung abgab. Geldscheine mit aufgeklebtem Spezialkupon und auch Clay-Mark wies er ab. Er suchte alte Geldscheine. Ein Außenseiter, über den manche den Kopf schüttelten, denn sie hatten ihr Geld längst eingetauscht.

Am Bahnhof Zoo wurden verschiedentlich Clay-Mark gegen das in der sowjetischen Zone und den östlichen Bezirken Berlins vollgültige Hartgeld angeboten. Für eine Mark Hartgeld zahlten sie zwei Clay-Mark. Trotz aller Bemühungen westlich lizensierter Zeitungen und Politiker, die Clay-Mark als besonders wertvoll anzupreisen, zeigte sich auf dem Schwarzen Markt im Berliner Westen eine rege Nachfrage nach den neuen Reichsbanknoten. Die überklebten Banknoten wurden zu einem höheren Kurs als die Clay-Mark gehandelt. Wahrscheinlich ist das darauf zurückzuführen, daß diese Scheine in Ganz Berlin und in der Ostzone als Zahlungsmittel Gültugkeit haben, während die Clay-Mark bald ganz aus dem Verkehr verschwinden wird.

Quellenangaben

Quelle: Berliner Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Politik, Blockade, Sektor, Teilung, Währung, Währungsreform, Geldumtausch, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland
Aktualisiert am: 06.02.2006
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