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Artikel

28.06.1948 | Münchener Merkur

Die sowjetische Blockade

Diplomatische Aktivität der Westmächte

London (DENA/Reuter). Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautet, werden Großbritannien, die Vereinigten Staaten und Frankreich eine gemeinsame Note über die sowjetische "Blockade" der westlichen Sektoren Berlins nach Moskau senden. Die Entwicklung der Berliner Lage hat eine rege diplomatische Tätigkeit ausgelöst. Das britische Kabinett trat in zwei Sondersitzungen zusammen.

Der englische Außenminister Bevin hat seinen Urlaub abgebrochen und ist nach der britischen Hauptstadt zurückgekehrt. Das Außenministerium steht in ständiger Verbindung mit der französischen und amerikanischen Botschaft. Der britische Botschafter in Moskau wird nach AP in den nächsten Tagen nach London zu Besprechungen mit dem Außenministerium abreisen. Am vergangenen Freitag trat das britische Kabinett innerhalb von 12 Stunden in zwei Sondersitzungen zusammen. Auch der stellvertretende britische Militärgouverneur für Deutschland, Generalmajor Brownjohn, war nach London geflogen, um seiner Regierung über die augenblickliche Berliner Lage Bericht zu erstatten.

In einer Unterhauserklärung wies Außenminister Bevin auf die "ernste Situation" hin, die die sowjetische Transportsperre und die Unterbindung der Kraftstromversorgung in Westberlin geschaffen haben. Als der Labourabgeordnete Blackburn fragte, ob Großbritannien dauernd in Berlin zu bleiben beabsichtige, sagte Bevin: "Ich ziehe es vor, bei der besonderen Lage der Dinge dieser Äußerung nichts hinzuzufügen. Ich werde auch keine nähere Erklärung zu meiner letzten Rede abgeben." Der Außenminister hatte auf einer Parteikonferenz erklärt, die Besatzungstruppen würden in der deutschen Hauptstadt bleiben ohne Rücksicht auf irgendwelche Provokationen. "Die Erklärung, daß wir in Berlin zu bleiben beabsichtigen, hat auch heute noch ihre volle Gültigkeit", heißt es nach AP in einer offiziellen Antwort des englischen Außenministeriums auf einen "völlig unwahren" Artikel der "Täglichen Rundschau", des Organs der sowjetischen Militärverwaltung.

In einer Massenversammlung der Konservativen Partei sagte Winston Churchill, die Krise in Berlin werfe Fragen auf, die ebenso schwerwiegend seien wie jene, um die es vor zehn Jahren in München gegangen sei. Mit allem Nachdruck forderte Churchill, daß Großbritannien den Diktatoren gegenüber eine feste Haltung einnehmen müsse.

Unter anderem erklärte Churchill weiter: "Wir sind natürlich alle in Sorge über die Vorgänge in Berlin. Wir sollten aber gelernt haben, daß man keine Sicherheit dadurch erlangt, wenn man Diktatoren nachgibt, seien es Nationalsozialisten oder Kommunisten."

Ein amtlicher Vertreter des britischen Außenamtes äußerte, die Briten erwarteten, daß eine Art von "Waffenstillstand" die "Ost-West-Schlacht um Berlin" zeitweilig beenden werde. Weder Rußland noch die Westmächte wünschten, daß sich die Berliner Lage noch weiter festfahre. Man halte es daher für wahrscheinlich, daß ein Kompromiß erreicht werden könne und werde. Es sei jedoch keine Neigung vorhanden, den Ernst der Lage zu verkleinern.

Der französische Außenminister Bidault wies vor dem außenpolitischen Ausschuß der Kammer auf Frankreichs Bereitschaft hin, mit Rußland auf dem Verhandlungswege eine Lösung der Berliner Krise anzustreben.

Ministerpräsident Schuman berief eine Sondersitzung des Kabinetts für heute früh ein, die sich mit Deutschland und dem Marshall-Plan befassen soll. Wie gestern nach DENA/Reuter in Paris verlautete, prüfen französische Regierungsstellen die Möglichkeiten, Lebensmittel auf dem Luftwege in den französischen Sektor Berlins zu bringen, wenn die vier Besatzungsmächte zu keinem Übereinkommen gelangen sollten. Die französische Regierung möchte nichts unternehmen, was die gegenwärtige Situation verschärfen könnte. Sie will jedoch zugleich auch in ihrer gemeinsamen Stellung mit Großbritannien und den USA keine Schwäche zeigen.

(MM) Die vorsichtige und nuancierte Stellungnahme der Engländer und Franzosen zur Lage in Berlin weicht einigermaßen von der schroffen Erklärung General Clay's ab, nur ein Krieg könnte die Amerikaner aus Berlin vertreiben. Die Feststellung Bildaults, Frankreich sei zu einer Lösung der Berliner Krise durch Verhandlungen mit der Sowjetunion bereit, hat daher zu lebhaften Kommentaren Anlaß gegeben, die sich sogar bis zur Vermutung verstiegen, daß Frankreich sich auf die Seite Rußlands schlägt. Solche Spekulationen scheinen uns indessen abwegig. Die Haltung von London und Paris wird vielmehr durch zwei Erwägungen bestimmt: Erstens das Bemühen, das Gespräch mit dem Osten im Fluß zu halten; zweitens die Erkenntnis, daß die Behauptung der Berliner Position gegen den russischen Widerstand Anstrengungen erfordern könnte, die vielleicht über Leistungsfähigkeit der beiden europäischen Großmächte hinausgehen würden. Das bedeutet, daß man in Paris und London nur dann an ein festes Auftreten in der Berliner Frage denken kann, wenn man die Gewißheit hat, daß die Amerikaner die materiellen Opfer, die eine solche Politik fordert, größtenteils tragen werden. Bevor diese Zusicherung vorliegt, ist man vorsichtig. Gleichzeitig benutzt man aber auch offenbar die Gelegenheit, indirekt an den bekannten französischen Wunsch nach einer formellen USA-Garantie für die Sicherheit Frankreich zu erinnern.

Man kann glauben, daß es Engländern und Franzosen mit ihrer Verhandlungsbereitschaft durchaus ernst ist. Aber es wäre töricht, anzunehmen, daß Verhandlungsbereitschaft in diesem Falle auch schon Kapitulationsbereitschaft bedeute.

Quellenangaben

Quelle: Münchener Merkur, Autor: Seite 1
Schlagwörter: Verkehr, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Alliierte, Protest, Luftbrücke, Versorgung, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland
Aktualisiert am: 06.02.2006
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