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Artikel

28.06.1948 | Münchener Merkur

In der "belagerten Festung"

Gelassene Ruhe trotz Währungschaos - Der kalte Krieg ist heiß geworden

Drahtbericht unseres Sonderkorrespondenten

Im Sommer 1937 fand in Berlin einmal eine gründlich vorbereitete Verdunklungsübung statt. In den mondhellen Abendstunden sah man eine verwunderte, ruhelose Menge durch die Straßen schlendern, und die seltsame Wirkung der plötzlich erblindeten Häuserfronten und erloschenen Straßenlaternen erproben. Im Automatenrestaurant "Quick" bewunderte man die kunstvolle Lichtschleuse, und dann setzte man sich, von Kellnern unbeachtet, ein paar Minuten auf die Kaffeehausterrasse an der Kranzler-Ecke.

Verdreifachte Sensation

Mancher fühlte sich an den letzten Abenden an diese Sommertage von einst erinnert, wenn er die kurze Strecke vom Kurfürstendamm zum Bahnhof Zoo ging. Wieder waren unzählige Menschen unterwegs, und die späte Dämmerung durchbrach keine einzige elektrische Flamme dank der Abschaltungen, zu der die Einstellung der Zonenfernstromlieferung zwang. Die Häusersilhouetten am Rande der Straßenkanons allerdings sind heute wilder ausgezackt als damals, weder "Quick" noch "Kranzler" gibt es zu bewundern, und die Sorgen, die im fahlen Licht von den Gesichtern abzulesen sind, übertreffen bei weitem die undeutliche Vorahnung, das leichte Unbehagen, das die Spaziergänger von 1937 in der Magengrube fühlten. Und doch hört man viele Witze machen und Menschen lachen, die hier wie an vielen anderen verkehrsreichen Ecken Berlins wie zu einem Korso oder zu studentischen Stehkonventen zusammengekommen sind. Wenn man sich durch ein kreisrundes Menschenknäuel hindurchschiebt, stößt man in der Mitte häufig nicht auf das erwartete Schwarzmarktgeschäft, in dem Währung gegen Währung, D-Mark gegen Zigaretten, Brot zu astronomischen Altmarkpreisen verhandelt wird, sondern auf ein Vacuum, das zwei oder drei erregte Männer oder Frauen mit Streitgesprächen ausfüllen. "Na finden Sie es vielleicht richtig, den Säuglingen die Milch zu sperren und sie an SED-Bonzen zu verfüttern?" Man ereifert sich, statt Geschäfte zu treiben. Die meisten hat wohl irgendeine Unruhe und nicht Gewinnsucht auf die Straße getrieben. Ihnen helfen die Lautsprecherwagen des RIAS, des Rundfunksenders im amerikanischen Sektor Berlins, die an freien Stellen auf den Bürgersteigen stehen und die Nachrichten verbreiten, die man infolge der Stromsperre zu Hause nicht hören kann. Sie werden dicht umlagert, und unmittelbar gegen ihre Kotflügel brandet die Welle der öffentlichen Meinung.

Für Westdeutschland war die Währungsreform eine Sensation ersten Ranges, für Berlin ist sie zu einer dreifach erregenden Sache geworden: Zu dem Gemisch aus Erwartung und Sorge, was man für die neue Währung wohl kaufen kann und wie schwer man sie verdienen wird, tritt nicht nur die kitzelnde Spannung, wie sich Ost- und Westwährung zueinander verhalten werden, sondern vor allem der Druck der sowjetischen Blockade, der über der Stadt hängt. Diese Abschnürung ist eigentlich keine Drohung mehr, sondern eine Realität. Ändert sich an der durch Marschall Sokolowskis Entscheidung geschaffenen Lage nichts mehr, so ist in kürzester Frist die Versorgung der drei Westsektoren in Frage gestellt. Es gibt dann außer dem Kriegsfall, an den niemand glauben will, nur noch die Möglichkeit, daß die westlichen Alliierten nachgeben, woran erst recht niemand glaubt. Daß die zwei Millionen Westberliner mit Gelassenheit, ja vielfach mit einem Anflug von beschwingtem Optimismus, ihren Alltagspflichten nachgehen, beruht auf ihrem festen Vertrauen, daß die Welt - worunter sie die Hemisphäre des Westens und der Freiheit verstehen - sie nicht im Stich lassen wird. Mit einer gewissen naiven Freude wärmen sie sich an dem Scheinwerferlicht der großen Politik, das grell auf sie herunterstrahlt. "Berlin im Mittelpunkt der internationalen Spannung" - "Europa wird in Berlin gerettet!": Aus solchen schon oft gehörten und diesmal eindringlicher denn je vorgebrachten Schlagzeilen sucht man Mut zu schöpfen und findet ihn auch, da der Berliner allmählich gewohnt ist, in weiten politischen Perspektiven zu denken und sein Schicksal im Zusammenhang eines größeren Spieles zu sehen.

Die feste Haltung der Bevölkerung und des Magistrats gegenüber den mannigfachen Einschüchterungsversuchen - von den inszenierten Tumulten in der Stadtverordnetenversammlung bis zu dem von der SED angekündigten Generalstreik - ist geradezu einzigartig. Der durchschlagende Erfolg der Westwährung gegenüber der Ostwährung, die von den "fliegenden Devisenhändlern" mit 10:1 und schlechter notiert wird, beruht einzig und allein auf dem Vertrauen in die Zukunft, auf dem Glauben, daß die Dreimillionenstadt nicht von der Gesundung Westdeutschlands ausgeschlossen wird. Es ist der erstaunlichste Beweis für die bergeversetzende Glaubenskraft, den die abwechslungsreiche Geschichte des Papiergeldes bisher geliefert hat.

Zwei Währungen in West-Berlin

Noch sind die Berliner Währungsverhältnisse wahrhaftig chaotisch trotz der bewunderungswürdigen Ruhe der einzelnen Individuen. Obwohl die beiden Währungen sich bereits weit voneinander entfernt haben, gelten in den Westsektoren beide für lebenswichtige Waren und Dienstleistungen. Die Westmächte wollten mit dieser Regelung auf die Schwierigkeiten all derer Rücksicht nehmen, die Ostwährung verdienen und infolge ihres Wohnortes somit gezwungen wären, in Westwährung ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Selbstverständlich werden aber alle Bewohner der Westsektoren davon Gebrauch machen, indem sie sich zusätzlich zu den siebzig Mark Kopfgeld, das sich die meisten auf die freundliche Aufforderung der sowjetischen Behörden aus dem Ostsektor geholt haben, weitere Ostmark beschaffen, um damit Lebensmittelhändler usw. zu bezahlen. Vermutlich wird bei einem weiteren Absinken der Ostwährung die Bestimmung geändert werden müssen, etwa dahin, daß jedem Ostwährung verdienenden Schöneberger oder Spandauer aus einem besonderen Ausgleichsfond eine Mindestsumme in D-Mark im Verhältnis 1:1 eingetauscht wird.

Noch befindet man sich überhaupt in einem Provisorium, was sich am besten aus der Zurückhaltung des Lebensmittelschwarzmarktes erkennen läßt. Bisher wird nur wenig angeboten, und die Preise schwanken noch unkoordiniert hin und her. Wenn die Währungsreform im Westen Deutschlands den Schiebern den Garaus macht, so wird sie in Berlin neue Regimenter für diesen Beruf rekrutieren. Die Besitzer von Ostwährung werden vermutlich niemals das Gefühl vermehrter Kaufkraft auf dem Markt bisher unbewirtschafteter Güter kennenlernen, während man für Westgeld schon dies und das billig haben kann, namentlich an Textilien, Kosmetik, elektrischen Artikeln und dergleichen.

Sektorengrenzen werden spürbar

Die aufopferungsvollen Gemüsefrauen, die aus der Ostzone nach Berlin sickern, wollen von "Klebemark" nichts hören und sind lüstern auf die verbotene Frucht der D-Mark trotz der Gefahr, daß sie bei einer Razzia in der Bahn oder in ihrem Heimat-Vorort Geld und Freiheit einbüßen. Auch in den Ostsektoren kann einem so etwas passieren: Zum erstenmal, seit sie bestehen, empfindet der Berliner die Sektorengrenzen so wie der Westzonenbewohner, der nach Berlin hindenkt und es mit allen je gehörten und gelesenen Räuber- und Entführergeschichten ausschmückt. Das schmale Bündel von D-Mark-Scheinen, das man in der Tasche trägt, wäre ja, wenn man angehalten wird, der Beweis einer strafbaren Handlung. Und man wird jetzt öfter angehalten. Nach der eindrucksvollen SP-Kundgebung am Bahnhof Gesundbrunnen - gerade französischer Sektor! - wurden von der russischen Militärpolizei zwei Jeeps mit deutschen Pressephotographen - meist amerikanischer Agenturen - auf der Friedrichstraße hoppgenommen und für dreißig Stunden festgehalten. Man hat ihnen allerdings kein Haar gekrümmt, ihnen fett und reichlich zu essen gegeben und ihre teure Photoausstattung zurückerstattet (bis auf die Blitzlichteinrichtung einer Speed Graphic und das Ventil am Tank der Jeeps). Amerikanische Wagen meiden jetzt den Ostsektor, und der Journalist aus USA, der in der Staatsoper "Don Giovanni" hören will, parkt seinen Dodge vor dem Brandenburger Tor und geht das letzte Stück zu Fuß. Mit unverhohlenem Vergnügen erfuhren die Berliner aber gestern, Sonntag früh um 1.30 Uhr, daß sie endlich Strom hatten, um den Rias einzustellen, und daß Marschall Sokolowski in Wannsee in seiner Limousine wegen Überschreitung der Geschwindigkeit von der MP festgehalten und erst auf ein freundliches Wort von General Clay freigelassen wurde.

So hat selbst das Dunkel der ernstesten Tage seine aufgesetzten Lichter. Jeder größeren Krise wohnt zugleich ein seltsames und unbegründetes Element von Festtrubel und Ferienstimmung inne. Die Bewohner Berlins machen davon mäßigen Gebrauch, sie sind galgenhumorig, aber fest. Sie lachen über die balkenbiegenden Lügen der Ostpresse, die der Leichtgläubigkeit ihrer Leser noch nie soviel zugemutet hat. Sie behauptet zum Beispiel, in den Westsektoren hole man sich seine sechzig D-Mark gar nicht ab, weil sie einem wertlos erschienen. In der gleichen Zeitung steht dann die nicht minder grobe Unwahrheit zu lesen, Ost-Mark gegen West-Mark würde im Verhältnis 2:1 am Schwarzmarkt gehandelt - es wären dann also immer noch sechzig D-Mark dreißig Mark der Ostwährung wert, während Altgeld im Osten ja auch nur 10:1 gewechselt wird. Die westlich lizenzierten Zeitungen haben es nicht schwer, so plumpe Propagandatricks zu bekämpfen, die jedes Gespräch auf der Straße schon richtigstellen kann. Trotzdem verdient ihre Rolle in diesem siedendheiß gewordenen "kalten Krieg" hervorgehoben zu werden, ebenso wie die Tätigkeit des RIAS, der in diesen Tagen das Hauptinformationsmittel der Berliner war und dessen Berichterstattung über die stürmische Stadtverordnetenversammlung einmal zu den Marksteinen in der Geschichte des Rundfunks gehören wird.

Quellenangaben

Quelle: Münchener Merkur, Autor: Seite 1
Schlagwörter: Verkehr, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Alliierte, Verkehrsmittel, Rosinenbomber, Eisenbahn, Flugzeug, Luftbrücke, Versorgung, Lebensmittel, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland, Alltag, Bevölkerung, Zeitung, Grenze
Aktualisiert am: 06.02.2006
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