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01.07.1948 | Neue Zeitung

Nur noch Luftbrücke nach Berlin offen

Auch Wasserwege wurden gesperrt

Berlin (NZ). - Seit dem 30. Juni ist Berlin nur noch durch die Luftbrücke mit dem Westen verbunden. Der bisher noch zeitweilig funktionierende Wasserstraßenverkehr ist auf sowjetischen Befehl gesperrt worden. Der Interzonen-Personenverkehr ist entgegen anderslautenden Meldungen nicht wieder aufgenommen worden. Einzelnen Reisenden wurde der Grenzübertritt bei Lübeck und auch an anderen Grenzübergangsorten von den Sowjets gestattet. Die Bestimmungen sind unklar und örtlich verschieden. Eine offizielle allgemein gültige Regelung ist bisher noch nicht erfolgt. Die Versorgung Berlins mit Lebensmitteln ist gesichert. Nach offiziellen amerikanischen Erklärungen werden ab Freitag 1300 bis 2000 Tonnen Nahrungsmittel täglich nach Berlin auf dem Luftwege transportiert. Bis zur Wiederaufnahme des normalen Güterverkehrs, den man als Ergebnis einer gemeinsamen Intervention der Westmächte in kurzer Zeit erwartet, glaubt man auf diese Weise Berlin versorgen zu können. (Siehe auch unsere Reportage über den Luftverkehr an anderer Stelle des Blattes.) Die Meldungen, daß sowjetische Sperrballons im Luftkorridor hochgelassen wurden, sind inzwischen dahingehend berichtigt worden, daß es sich lediglich um einen alten Ballon handele, der bereits seit längerer Zeit auf der Flugstrecke nach Berlin stehe. Eine Meldung der United Press, daß sowjetische Jagdflugzeuge in der Flugschneise operieren würden, ist bis jetzt offiziell noch nicht bestätigt worden.

Die sowjetischen Drangsalierungen in Berlin sind nicht gelockert worden. Die Stromversorgung kann bei Beibehaltung der jetzigen mehrstündigen Stromsperren vier Wochen aufrechterhalten bleiben. Die Wasserversorgung ist trotz des Ausfalls von 31 Wasserwerken - insgesamt hat Berlin 76 - möglich.

Wie bereits in der letzten Ausgabe der "Neuen Zeitung" angekündigt, hat der Berliner Magistrat an die Vereinten Nationen appelliert, das heraufziehende Unglück in letzter Stunde abzuwehren. Die Intervention müsse innerhalb des nächsten Monats wirksam werden, wenn es nicht für jede Hilfe zu spät sein soll. Die Notlage von Groß-Berlin stehe mit den Meinungsverschiedenheiten zwischen den Besatzungsmächten, die Mitglieder der Vereinten Nationen sind, in Zusammenhang und stelle infolgedessen bei dem Umfang und bei der verhängnisvollen Schärfe der heraufziehenden Krise eine Gefahr für den Weltfrieden dar. Von den vier Berliner Parteien hat sich lediglich die SED diesem Brief nicht angeschlossen, der von Dänemark an die UN weitergeleitet werden soll.

Auch der britische Oberbefehlshaber, General Sir Brian Robertson, hat in einer Ansprache vor dem Zwei-Zonen-Beirat in Anwesenheit einer Berliner SPD-Delegation bestätigt, daß die Lage in Berlin ernst sei, "ernst nicht nur für die Bevölkerung der Berliner Westsektoren, sondern für die ganze Welt. Ich sage ernst im vollen Bewußtsein der Tragweite des Wortes."

Konferenz mit Militärs aus USA

Die gespannte Situation in Berlin war, wie unser Berliner Korrespondent erfährt, Anlaß zu einer Reihe von Besprechungen, die im Verlauf des 29. Juni von dem zur Zeit in Berlin weilenden, stellvertretenden amerikanischen Kriegsminister, William H. Draper, dem Chef der Abteilung für Planung und Operationen bei der US-Armee, Albert C. Wedemeyer, dem Sonderbeauftragten Präsident Harry S. Trumans für das ERP, W. Averell Harrimann und General Lucius D. Clay geführt wurden. An den Zusammenkünften nahmen auch der Stabschef der amerikanischen Streitkräfte in Europa, General C. K. Gailey, und andere höhere amerikanische Offiziere teil. Über das Ergebnis dieser Besprechungen ist nichts bekannt. Lediglich Harriman, erklärte unmittelbar nach seiner Ankunft, daß bei diesen Zusammenkünften auch die Anwendung des ERP auf Deutschland diskutiert werden sollte.

Der sowjetische Oberbefehlshaber, Marschall Wassilij Sokolowski, hat in seinem Antwortschreiben auf den ihm bereits am 26. Juni übermittelten Protest des britischen Militärgouverneurs als Grund für die sowjetischen Sperrmaßnahmen erneut "technische Beschädigungen" angeführt. Die Beschränkungen im Kraftwagen- und Personenverkehr müßten zum Schutz der Währung der sowjetischen Besetzungszone aufrechterhalten bleiben. Sie hätten allerdings nur vorübergehenden Charakter. Sokolowski "würdigt dann voll und ganz die Maßnahmen, die von den britischen und amerikanischen Behörden so energisch zur Aufrechterhaltung der Verbindung mit den westlichen Zonen auf dem Luftwege unternommen werden." Er hofft dabei, daß die Flugsicherheitsvorschriften voll und ganz eingehalten werden. Sokolowski hofft weiter, daß es den Sowjets gelingen wird, "den Eisenbahnverkehr voll und ganz wieder herzustellen, der in den heutigen bedrängten Verhältnissen unbedingt notwendig erscheint".

"Wir erwarten Taten"

Der amerikanische Kommandant von Berlin, Oberst Frank L. Howley, erklärte am 30. Juni zu dem Schreiben Sokolowskis: "Wenn die Russen die Blockade aufgeben wollen, gut. Aber wir erwarten Taten, nicht Worte." Zu der sowjetischen Ankündigung, die Milchversorgung Berlins wieder auf alle vier Sektoren auszudehnen, bemerkte Oberst Howley: "Ich betrachte dies nicht als einen Akt der Großmut von seiten der russischen oder der deutschen Kommunisten. Das Leben der 6000 Kleinstkinder in unserem Sektor war durch die plötzliche Sperrung der Milchzufuhr gefährdet. Viele wären gestorben, wenn wir nicht Vorsichtsmaßnahmen getroffen und Trockenvollmilch und Büchsenmilch verteilt hätten. Wir werden diese Notmaßnahme fortsetzen, da wir nicht Gefahr laufen wollen, noch einmal einer solchen willkürlichen Aktion ausgesetzt zu werden."

Nach Meldungen aus Frankfurt benötigt die Stadt Berlin in der jetzigen Situation einen monatlichen Zuschuß von 55 Millionen Deutsche Mark, von denen 30 Millionen für Gebrauchsgüter und Rohstoffe und 25 Millionen für Nahrungsmittel benötigt werden. 12 Millionen Mark dieses Betrages werden durch den Import von Industrieerzeugnissen aus Berlin finanziert. Der Rest von 43 Millionen Deutschen Mark muß durch das vereinigte Wirtschaftsgebiet, beziehungsweise durch die Militärregierungen finanziert werden.

Wie weiter bekannt wird, haben westdeutsche Parteien und Parlamente Sympatieadressen an die Westsektoren-Bevölkerung Berlins gerichtet und ihre Verbundenheit mit dem gerechten Kampf der Bevölkerung betont. Die SPD beschloß, den Chefredakteur der Rheinischen Zeitung, Willi Eichler, und das Vorstandsmitglied Fritz Heine nach London zu entsenden, um Verhandlungen mit Vertretern der Labour Party über die Notwendigkeit einer umfassenden und schnellen Hilfe für Berlin anzubahnen. Außerdem weist die SPD darauf hin, daß in Berlin die Entscheidung über die deutsche und die europäische Demokratie falle. "Befreit die Berliner aus Furcht und Not, rettet das freiheitliche Berlin!"

Quellenangaben

Quelle: Neue Zeitung, Autor: Seite 1
Schlagwörter: Verkehr, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Verkehrsmittel, Schiff, Wasserweg, Kanal, Flugzeug, Luftbrücke, Versorgung, Lebensmittel, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland
Aktualisiert am: 06.02.2006
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