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01.07.1948 | Die Neue Zeitung

Unblutiger "Luftkrieg"

Frankfurt (NZ). - Seit Montag, dem 28. Juni, fliegen täglich und nächtlich 35 Fluglastmaschinen vom Flughafen Rhein-Main und 75 Apparate vom Hafen Wiesbaden-Erbenheim mit Lebensmitteln und anderem wichtigen Nachschub nach Tempelhof. Sie versorgen die Angehörigen der westlichen Besatzungsmächte und zweieinhalb Millionen Berliner in den Westsektoren mit Nahrung. Diese Operation verhindert die Auswirkung der sowjetischen Blockade, die durch die Sperrung der Land- und Wasserverbindungen zwischen den Westzonen und Berlin die Ernährung von Millionen von Menschen gefährdete. Die Leitung übernahm seit Dienstag, dem 29. Juni, Brigadegeneral Joseph Smith, der kommandierende General in Wiesbaden . Eine der ersten Maschinen, die aus Wiesbaden nach Berlin startete, lenkte der kommandierende General der US-Luftwaffe in Europa, Generalleutnant Curtis E. Lemay.

Die Versorgung Berlins stellt eines der größten Unternehmen zur Luft dar, das von einer Armee seit den berühmten Unterstützungsflügen nach China während des Krieges und seit der Luftversorgung der bei der Rundstett-Offensive eingeschlossenen und später entsetzten amerikanischen Heeresgruppe bei Bastogne durchgeführt wurde. Sie ist eine der gigantischsten Armeeoperationen, die die Geschichte der Luftfahrt kennt. Keine Mühe wird gescheut, keine Kosten werden unterlassen, in 24stündigem pausenlosen Wirken führt die amerikanische und britische Luftwaffe und Armee gemeinsam mit der zuständigen deutschen Behörde diesen unblutigen Kampf gegen den sowjetischen Terror; polnische DP's helfen und deutsche Arbeiter weit über die Grenzen ihrer Tarife.

Während bisher nur zweimotorige Frachtflugzeuge vom Typ C 47 zur Verfügung standen, setzt die amerikanische Regierung seit Mittwoch, dem 30. Juni, die ersten Geschwader vom Typ C 54 (Skymaster) ein. Es sind riesige Frachtflugzeuge, die von den Überseestützpunkten in Hawaii, den karibischen Inseln und Alaska für diese Großaktion freigegeben wurden. Diese "Himmelsmeister" können im Gegensatz zu den bisher verwandten Maschinen bis zu zehn Tonnen Fracht laden. Diese Ladefähigkeit wird ein sprunghaftes Ansteigen der Transportleistungen erbringen. Auch die bisherige Zahl der American - Overseas - Airline - Flüge im zivilen Luftverkehr von Berlin nach Frankfurt wird von sechs auf neun pro Woche erhöht.

Das erste Postflugzeug aus Berlin traf am Mittwoch, dem 30. Juni, mit 271 Säcken Briefpost aus den Westsektoren und mit Gütern, meist optischen und medizinischen Geräten, auf dem Frankfurter Flughafen ein. Ab Donnerstag, dem 1. Juli, werden regelmäßig zwei Maschinen mit fünf Tonnen Post erwartet.

Hier sind die Berichte unserer Korrespondenten von den verschiedenen Flughäfen, die an dieser Großaktion beteiligt sind:

24-Stunden-Dienst in Frankfurt

Mittwochvormittag. Auf dem Rhein-Main-Flughafen wird die rote Flagge mit vier weißen Sternen sichtbar. Es ist das Signal, daß ein Flugzeug mit einem General landet. Aus dem viermotorigen Sonderapparat steigen General Lucius D. Clay, der ERP-Sonderbotschafter Averell Harriman, William Draper und General Albert C. Wedemeyer aus. Sie wollen sich über den Fortgang der Luftversorgungsaktion an Ort und Stelle unterrichten. "Ich bleibe nicht gern von Berlin weg", antwortet der Militärgouverneur lächelnd fragenden Pressevertretern. "Es macht so viel Spaß in Berlin zu sein. Ich werde wahrscheinlich heute abend schon wieder zurückfliegen." Und abermals geht die rote Flagge in die Höhe. Dieses Mal ist es der britische Militärgouverneur, General Sir Brian Robertson.

Bis zum Mittwoch, dem 30. Juni, wurden in mehr als 400 Flügen Zehntausende von Zentnern hochwertiger Lebensmittel, amerikanische Importe und deutsche Erzeugnisse, nach Berlin geschafft. 1500 Liter Benzin werden für jeden Flug, FrankfurtBerlinFrankfurt verbraucht. "Es kostet 120 Dollar, um eine C 47 eine Stunde lang in der Luft zu halten", erklärt einer der Piloten. "Wir haben zur Zeit auf dem Rhein-Main-Flughafen 30 Maschinen stationiert. Wir erwarten weitere Apparate aus Fürstenfeldbruck, Kaufbeuren, München und Wiesbaden."

Wir unterhalten uns mit Fliegerleutnant Ward Thompson. Er ist 22 Jahre alt, stammt aus Illinois und ist einer der eifrigsten Lebensmittelbringer in der ganzen Aktion. Wie ein alter Lastfachmann nimmt er die Frachtpapiere entgegen, wie ein alter Pilot prüft er den Wetterbescheid und lächelt über angedrohten Sturm und Regen. Seit Dienstag, dem 22. Juni, war er vierzehnmal in Berlin. "Ich kenne die Strecke seit zweieinhalb Jahren, und wenn es darauf ankommt, fliege ich sie mit einer Binde vor den Augen." Kaum ist er im Freien, da muß er schon wieder den Fallschirm umschnallen und in die Maschine klettern.

Seit ungefähr einer Woche fanden zwischen dem Frankfurter Verwaltungsrat, der Verwaltung für Wirtschaft, der Verwaltung für Ernährung und Landwirtschaft und der Verwaltung für Finanzen Besprechungen zur Versorgung der Berliner Westsektoren statt. Sie wurden vorläufig am Mittwoch, dem 30. Juni, beendet. Die Frage über die Finanzierung dieser Lieferungen konnte nicht geklärt werden. Die hessischen Banken haben zunächst Gelder vorgestreckt. Es wird vermutet, daß später eine Teilung der Posten zwischen dem vereinigten Wirtschaftsgebiet und der Militärregierung das so schwere Problem zufriedenstellend lösen wird.

Die für Berlin vom Verwaltungsrat bestimmten Waren liegen auf jeden Fall bereit und werden, auch wenn sie nicht alle sofort verschickt werden können, auf keinen Fall anderweitig verwertet. Die Verwaltung für Wirtschaft wird zusammen mit ihrem Berliner Vertreter den dringendsten Bedarf an Rohstoffen und Versorgungsgütern feststellen, um möglichst alle wichtigen Bedürfnisse gleichmäßig befriedigen zu können.

Die Verwaltung für Ernährung und Landwirtschaft wird täglich je 800 Tonnen Lebensmittel von Frankfurt und Wiesbaden nach Berlin verschicken. Der Abtransport der meist aus deutschen Beständen stammenden Lebensmittel wird von den deutschen Stellen durchgeführt. Die Wagen werden von der amerikanischen Militärregierung zur Verfügung gestellt. Vor allem sollen Mehl und Milch geliefert werden, die in Süddeutschland lagern. Aus Hannover wird man mit Unterstützung der britischen Luftwaffe Fleisch, Fett und Fische aus den laufend eintreffenden Importen zur Verteilung bringen. Am Donnerstag, dem 1. Juli, werden 295 Tonnen Trockenkartoffeln als erste Lieferung für die dritte Dekade im Juli nach Berlin geschickt. die in Berlin vorhandenen Bestände reichen bis zum 20. Juli aus. Statt Ersatzkaffee wird Tee geliefert. Trockenmilch und kleinere Mengen Kondensmilch werden die fehlende Frischmilch ersetzen. Auch die Fischlieferungen werden nicht eingeschränkt. Es kommt jedoch nur verarbeitete Ware wie Salzheringe und Fischkonserven zum Versand.

Täglich werden auch hundert Tonnen Fleisch an die Berliner geschickt, um auf diese Weise einen Grundstock für die dritte Julidekade zu bilden. Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Versorgung aus den Berliner Beständen gesichert. Zur Zeit werden tausend Tonnen Fleischkonserven von Bremen auf den hannoveranischen Flughafen gebracht. Sie waren aber ursprünglich für das Ruhrgebiet bestimmt. Dort wird aber nunmehr Frischfleisch abgegeben werden. Für Juli sind an Fischlieferungen 1058 Tonnen vorgesehen, an Fettlieferungen 1130, hiervon 600 Tonnen Butter und 100 Tonnen Schmalz, der Rest in Margarine. Während bisher die zur Margarineherstellung erforderlichen Grundfette nach Berlin kamen, wird nunmehr wegen Transportschwierigkeiten die fertige Margarine verschickt. Die Trockenmilchmengen, die an Stelle von Frischmilch ausgegeben werden, können aus dem Schulspeisungsprogramm freigestellt werden. Hierzu hat die Militärregierung noch nicht ihre Genehmigung erteilt.

Wiesbaden - "Vorort von Berlin"

Auf den Rollfeldern warten bereits beladene zweimotorige Frachtflugzeuge auf das Zeichen zum Abflug nach Berlin. Amerikanische Lastwagen mit kanadischem Weizenmehl werden von polnischen DP´s entladen. In zehn Minuten sind 5000 Pfund in dem riesigen Metallbauch des Flugzeugs verschwunden. Die Piloten trinken noch rasch im Erfrischungsraum ein Coca Cola. Sie holen ihre Frachtpapiere, packen ihre Fallschirme und eilen zur Maschine. Seit Tagen und Nächten tun sie es fast pausenlos. Zwei Stunden Flug. Eine halbe Stunde Ruhe. Und dann wieder dieselbe Strecke zurück. Und wieder Ruhe. Und wieder zurück. "Es ist ja nur ein Katzensprung", erklärt mir lächelnd einer der Amerikaner. "Es lohnt sich ja kaum zu tanken. Wiesbaden ist ein Vorort von Berlin geworden." Schon knallt die Tür zu, heulen die Motoren, rollt der Vogel zur Startbahn, steigt in die Lüfte. Und schon steht wieder eine neue Maschine da, trinkt der Pilot sein Wasser, knarrt es, geht es friedlich gegen Berlin. Auf dem Bahngleis hält ein Versorgungsgüterzug mit wertvollem Frachtgut für Berlin. Über das Rollfeld flitzen knallgelbe Jeeps mit der Aufschrift: "Follow me!" (Folge mir!) auf ihrem Rücken. Sie weisen jedes ankommende Flugzeug zu seinem Haltplatz.

In der Woche vom Montag, dem 21. Juni, bis Montag, dem 28. Juni, sind von hier 200 Flüge mit 750 Tonnen Lebensmitteln ausgeführt worden. Experten erklären, daß es der Ladung von 75 Güterwagen entspräche. An einem der letzten Tage wurden über 100 Flüge nach Berlin mit 250 Tonnen Lebensmitteln und 90 Passagieren ausgeführt. Mit Spannung erwartet man die Ankunft der gigantischen "Himmelsmeister". Sodann, so ist man in amerikanischen Lufttransportkreisen überzeugt, werden diese Zahlen um ein Vielfaches erhöht werden können.

Hier erwartet man zur Zeit 23 Eisenbahnwaggons mit amerikanischem Mehl aus Bremen. Es sind alle Vorkehrungen getroffen, um die Nahrung auf das Gelände des Flughafens zu geleiten. In je Zwölf-Stunden-Schichten arbeiten die Instandsetzungstruppen Tag und Nacht, um die Maschinen startklar zu halten.

Berlin - Flugzeuge häufiger als U-Bahn

Flugzeuge - häufiger als die Untergrundbahn", so heißt die Überschrift der Berliner Ausgabe der "Neuen Zeitung". Ja, es stimmt. Man braucht heute in Tempelhof nicht mehr so lange auf ein Flugzeug aus Rhein-Main zu warten, als auf dem nahen Tempelhofer Untergrundbahnhof für einen Zug in den russischen Sektor. Die Wartehalle des Flughafens Tempelhof hat ihr Aussehen verändert. Die eleganten Fluggäste sind verschwunden. In den Klubsesseln sitzt die Besatzung der Transportmaschinen in Fliegerkombinationen und Khakisommerdreß.

Unbeirrt vom Regen und tiefhängenden Wolken starteten täglich bis zu 120 Maschinen, nachdem sie ihre so sehnsüchtig erwartete Ware in bereitstehende Lastautos geleert hatten. Die Frachten sind sorgfältig verpackt, so daß kaum Umladeverluste auftreten. Immer neue Autos drängen herbei. Dazwischen schieben sich Tankwagen, Ambulanzen, Lastenheber, Funk- und Feuerwagen.

Seit Montag, dem 28. Juni, landen täglich und nächtlich in Abständen von acht Minuten amerikanische und britische Lastflugzeuge auf dem US-Flughafen in Tempelhof und dem britischen Landungsplatz in Gatow. Mehr als 300 Tonnen Mehl sind in den letzten drei Tagen ausgeladen worden. Beamte der Ernährungsabteilung der amerikanischen Militärregierung in Berlin erklärten, daß der Lebensmittelnachschub für die Zivilbevölkerung auf Mehl, Trockenkartoffeln, Fleisch, Fisch und Trockenmilch beschränkt bleiben könne. Der Vorrat reiche für 18 Tage aus. Zucker und Fette sind für 60 Tage vorhanden. Der größte Bedarf bestehe an Mehl. Täglich brauchen die drei Westsektoren 640 Tonnen. Für den Monat Juli wurden insgesamt 30 000 Tonnen Lebensmittel für die Westsektoren angefordert. Dieses Problem wird ohne wesentliche Schwierigkeiten auf dem Luftwege gelöst werden können.

Mit dieser Aktion glauben Fachleute, daß bis zur Wiederaufnahme des normalen Güterverkehrs, den man als Ergebnis einer gemeinsamen Intervention der Westmächte bald erwartet, die Versorgung gesichert werden kann. Die größte Schwierigkeit bereitet die Kohlenversorgung der lebenswichtigen Betriebe wie zum Beispiel der Bäckereien und der Lebensmittelfabriken, der Elektrizitäts-, Gas- und Wasserwerke. Die Stromzuteilungen sind für die Westsektoren inzwischen um 50 Prozent gekürzt worden. Vom 30. Juni ab erhalten die Haushalte zwischen 6 und 23 Uhr zwei Stunden Strom.

In der ersten Woche legten die amerikanischen Piloten insgesamt 114 500 amerikanische Meilen zurück, und waren 800 Stunden in der Luft. In Berlin wird ein neues vereinfachtes Entladesystem mit Erfolg erprobt. Es verkürzt die Aufenthaltszeit einer jeden Maschine um zehn Minuten. Seit der Trennung der amerikanischen Armee und der amerikanischen Luftwaffe ist diese Operation die erste gemeinsame Aktion der beiden Teile des amerikanischen Heeres. Im Lagerhaus Tempelhof warten bereits eine große Anzahl von Gütern auf den Abtransport durch die Luft. Mehrere hundert Anträge auf Luftfrachtbeförderung sind eingereicht und größtenteils bereits genehmigt.

Auch Briten verstärken Lufttransport

General E. O. Herbert, Kommandant des britischen Sektors in Berlin, hat am 30. Juni eine Erklärung abgegeben, in der es unter anderem heißt: Die Versorgung Berlins durch britische Flugzeuge macht gute Fortschritte; der Verkehr wird sich noch weiter steigern. Die Erfordernisse der drei westlichen Sektoren werden von britischen, amerikanischen und französischen Dienststellen gemeinsam behandelt. Der britische und amerikanische Luftverkehr sind koordiniert worden. Am heutigen Tag sind etwa hundert Einheiten der britischen Transportflotte in Berlin eingetroffen. Diese Zahl wird sich in den nächsten Tagen noch erhöhen, und man versucht, sie bis zum Wochenende zu verdoppeln.

Man erwartet, daß in den nächsten zwei oder drei Tagen der gesamte Luftverkehr nur der Versorgung der Berliner Bevölkerung dienen wird. Um den vorhandenen Laderaum möglichst gut ausnützen zu können, kann es sich als notwendig erweisen, gewisse schwere Lebensmittel, wie zum Beispiel Kartoffeln, durch mehr konzentrierte Lebensmittel vom gleichen Nährwert zu ersetzen. Dadurch können Rationsänderungen notwendig werden.

Von britischer Seite wurde betont, daß die Flugzeuge etwa vorhandene Ladungen von Berlin nach dem Westen mitnehmen werden. Die Flugzeuge werden jedoch nicht so lange in Berlin zurückgehalten, bis Ladungen für den Rückflug vorhanden sind.

Der amerikanische Kommandant, Oberst Frank L. Howley, erklärte zu der Luftverkehrsaktion, daß sie den Westmächten einige Arbeit und die Ausgabe einer großen Summe von Geld gekostet habe. Es sei aber die Überzeugung der amerikanischen Militärregierung, daß die Verhütung von Hunger und Leiden in Berlin den Vorrang über alle finanziellen Überlegungen habe. Er könne die Kommunisten versichern, daß die amerikanisch-britisch-französische Luftflotte so lange vergrößert werde, bis die Vorräte der Westsektoren gesichert seien.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: Seite 1+2
Schlagwörter: Verkehr, Politik, Teilung, Sektoren, Blockade, Verkehrsmittel, Flugzeug, Luftbrücke, Versorgung, Lebensmittel, Hessen, Frankfurt, Logistik, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland
Aktualisiert am: 06.02.2006
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