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Artikel

01.07.1948 | Neue Zeitung

Berliner behalten die Ruhe

Bevölkerung vertraut auf die Festigkeit der Westmächte

Besucher, die aus dem Westen nach Berlin kommen, fassen sich in der Regel nach einigen Stunden an den Kopf und staunen: "Bei euch ist aber was los! Wie haltet ihr nur das Tempo aus?" Für die Berliner besagt dieser Ausruf viel über das gelassene Leben des Westens, aber wenig über seine eigene Lage. Seit Mai 1945 ist es eben immer hoch hergegangen, mit vier Besatzungsmächten, 15 Tageszeitungen, unzähligen Wochenschriften, täglichen politischen Kundgebungen, fünf Rundfunksendern, Theatern, zahllosen Nachtlokalen, hohem Besuch aus aller Welt und drei Millionen strebsamen Menschen mit zähen Nerven. Manchmal denkt man, das Tempo könnte sich gar nicht mehr steigern, aber irgendwie werden doch die Auseinandersetzungen schärfer und die Menschen eifriger.

Sämtliche Schwierigkeiten, die durch die ständigen sowjetischen Eingriffe alle Phasen des Lebensprozesses berühren, sind irgendwie überbrückt worden. So berührt es den Berliner heute nicht mehr sonderlich, wenn auf einmal alle fünf oder sechs Minuten ein zwei- oder viermotoriges Flugzeug über seine Wohnung brummt, um ihm die Lebensmittel zu bringen, die wegen der sowjetischen Grenzsperre nicht wie bisher auf Kähnen, Lastwagen oder Zügen aus dem Westen herangerollt sind. Na gut, dann kommen sie eben durch die Luft.

Berlin hat nie die Zeit gehabt, sich einer Vergötzung der Magenfrage hinzugeben. Zu Beginn der sowjetischen Besetzung stand die nackte Existenz auf dem Spiel, nicht nur die Höhe der Rationen. Als dann die Westmächte eintrafen, entstand der gewaltige Umschwung, der nicht nur das Leben sicherte, sondern auch das politische Interesse in einem Umfange weckte, daß andere Fragen, wenn auch noch so wichtig, an Bedeutung verloren. So steht auch heute an erster Stelle die Frage, wie die Auseinandersetzung zwischen Ost und West ausgehen wird. Die sowjetische Blockade, die anglo-amerikanische Luftbrücke sind nur die materiellen Formen eines geistigen und politischen Kampfes, in dem jeder Berliner leidenschaftlich Partei ergreift.

"Gegen die Kommunisten"

Es ist nur eine Spekulation, ob nun 90 oder 95 v. H. der Berliner für das demokratische Lager und gegen das kommunistischen votiert haben. Der Journalist, der seine Metteur fragt: "Wollen wir jetzt Umbruch machen", erhält die Antwort : "Ja, gegen die Kommunisten". Wenn auf der S-Bahn ein etwas angeheiterter Einwohner des Ostsektors die Schnapszuteilung lobt, schreien ihn die Frauen im Abteil nieder: "Schnaps, sagen Sie? Sie sollen uns lieber die Kartoffeln geben oder Rosinen wie die Amerikaner. Damit kann man was anfangen".

In den letzten Tagen haben die Kommunisten ihre "Stoßtruppredner" unter die Menschenansammlungen geschickt, die sich auf den Straßen über die Währung unterhielten. Im Ostsektor wurden sie mit Kichern, Schmunzeln und Brummen verdrängt, im Westen mit treffsicheren Argumenten lächerlich gemacht und vertrieben. So stark ist die Einstellung, daß die SED ihre Pläne, "Massendemonstrationen" in den Westsektoren zu veranstalten, Bezirksämter und Verwaltungsstellen zu überrumpeln und durch einen solchen Coup die Macht zu ergreifen, die sie in keiner Wahl erringen könnte, einfach absagen mußte.

Nicht nur, weil die Bevölkerung im Nu die Gelegenheit wahrgenommen hätte, Gewalt mit Gewalt zu begegnen, sondern auch weil sich einfach nicht genug Demonstranten gefunden hätten. Am 23. Juni konnte noch ein lärmender Mob von 600 Menschen auf Lastwagen der Sowjetarmee und der Wirtschaftskommission der Ostzone zur Störung der Stadtparlamentssitzung herangebracht werden - bei der Sondersitzung der Stadtverordnetenversammlung am 29. Juni verlief alles ordentlich. Anläßlich der offensichtlichen Popularität der Deutschen Mark und der Verachtung, die dem östlichen "Tapetengeld" entgegengebracht wird, aber auch als Ausdruck seiner Einschränkung der politischen Lage hat der Berliner ein grobes Wort geprägt: "Der Russe ist angesch.....1:0."

Kupons in der Hosentasche

Tatsächlich erlebt die Ostwährung in einer Stadt, in der sie mit einer gesunden Währung konkurrieren muß, ein Fiasko sondergleichen, psychologisch sowohl wie finanztechnisch. Alte Scheine, viele davon mit dem Hakenkreuz, sind von tausenden Verwaltungsangestellten, Schulkindern und wer weiß wem noch mit kleinen, leicht fälschbaren, oft sogar zerrissenen Kupons beklebt worden. Wieviel Kupons dabei gestohlen worden sind, weiß niemand. Beamte der Ostzonenwirtschaft schätzen 200 000, ohne den Geldwert dieser Kupons zu kennen.

Im Ostsektor stehen Sowjetsoldaten und verkauften Zigaretten, nehmen die alten Reichsmarkscheine entgegen, holen aus einer Tasche Kupons, kleben sie auf und stecken "neues Geld" in die andere Tasche. Oder die Kupons werden bogenweise schwarz gehandelt.

So wie den Sowjets die einseitige Bestimmung der Berliner Währung mißlungen ist, so ist auch ihr Versuch, die Bevölkerung auszuhungern, fehlgeschlagen. Es ist dank der Luftbrücke keine Störung der Lebensmittelverteilung in den Westsektoren eingetreten, die ohnehin für 30 Tage Vorräte hatten. Diese Woche gibt es sogar Sonderzuteilungen an Pflaumen und C- Rationsbüchsen. Einige Tage war die Milchversorgung in Frage gestellt, als die Sowjets sie für die Westsektoren einstellen wollten. Die Schlagzeilen der Westpresse "Krieg gegen Säuglinge" stellten aber den normalen Zustand schnell wieder her - allerdings unter einem ziemlichen Propagandagetöse über die Großzügigkeit der sowjetischen Behörden. Die Amerikaner hatten sich auf die "Großzügigkeit" jedoch nicht verlassen und Trocken- sowie Kondensmilch auf dem Luftwege herangebracht.

Nur Kohle kommt nicht auf dem Luftwege, und deshalb haben wieder Stromsperren eingesetzt. Bei den derzeitigen Sparmaßnahmen soll die Kohle für vier Wochen ausreichen. Die Straßenbahnen fahren in größeren Zeitabständen, die glücklichen Betriebe lassen ihre Generatoren laufen, die Einwohner lassen ihre Kerzen brennen oder gehen früher schlafen. Kinos führen, je nach der Zeit der Stromsperren, Filme vor. Aber es ist ein kühler Sommer mit langen hellen Abendstunden, und der Mangel an Elektrizität ist zuerst nicht so tragisch.

Wo gespart wird, sparen westliche Besatzungsmächte und deutsche Bevölkerung. Amerikanische Privatwagen erhalten noch 20 Liter Benzin in der Woche, also so viel, wie zu Hause im Kriege. Die amerikanischen und britischen Militärgouverneure haben für ihre Angestellten und Soldaten besondere Festlichkeiten untersagt. Eine Rationierung der Lebensmittel des amerikanischen Personals wird für den Monat Juli erwartet.

Das Leben sieht also bis jetzt kaum nach Belagerung aus. Im Gegenteil. Neben den Aufgaben des täglichen Lebens bietet es noch neue Reize. So nehmen es wenigsten viele Menschen, die in diesen Tagen auf ihre Reise nach dem Westen verzichten müssen, mit dieser Sperre nicht so ernst wie die Leute, die vor der Sperre Berlin verließen und nun nicht wieder zurück können. Für den dringendsten deutschen Verkehr sind jedoch Flugplätze vorhanden. Aber dieser Zustand ist natürlich nur als vorübergehend gedacht. Es ist die Zuversicht in die Festigkeit der Westmächte, die drei Jahre lang das Leben in Berlin erträglich gemacht haben, das die ruhige Grundstimmung untermauert. Die Lösung der Krise und die Wiederherstellung der normalen Verbindung Berlins mit dem Westen ist aber die prinzipielle Forderung, die der Westen dem Kreml bald abzwingen muß. Er kann auf keine andere Weise seine Versprechen an die drei Millionen Berliner einlösen, die sich heute - wie immer - als ein die Dinge kühl betrachtender unbeirrbarer Menschenschlag erweisen.

Quellenangaben

Quelle: Neue Zeitung, Autor: Enno R. Hobbing
Schlagwörter: Verkehr, Politik, Teilung, Sektoren, Blockade, Verkehrsmittel, Flugzeug, Luftbrücke, Versorgung, Lebensmittel, Hessen, Frankfurt, Logistik, Alltag, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland
Aktualisiert am: 06.02.2006
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