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Artikel

01.07.1948 | Neue Zeitung

D-Mark in Berlin lebhaft gefragt

Angebot an "schwarzen" Ostmark- Kupons verdächtig hoch

Berlin (NZ). - Die erste Ostmark war noch nicht gegen Reichsmark eingetauscht, als bereits die Klebekupons im Schwarzhandel erstanden werden konnten. Es wurde dann nicht nur die Kopfquote von 70 Reichsmark in neues Geld umgewandelt, sondern gleichzeitig auch der gesamte Betrag bis zu 5000 Reichsmark. Ostmark war also von Anfang an reichlich vorhanden. Daneben war aber der Eindruck entstanden, daß neben den legal umgetauschten Mengen noch größere Beträge in Umlauf gebracht wurden, die nicht aus den Umtauschstellen stammten. Die allgemeine Vorstellung war also, daß zuviel Ostmark da seien. Sie wurde verstärkt durch gelegentliche Beobachtungen, daß zum Beispiel offenbar in einigen Umtauschstellen gerade eingeliefertes Geld durch Bekleben in Ostmark verwandelt wurde.

Die erste Reaktion der Berliner Bevölkerung war daher, die Ostmark abzustoßen. Ihr Kurs im Schwarzhandel fiel ständig, das steigerte die Nervosität, und es trat jene Übertreibung ein die von plötzlichen Börsenbewegungen bekannt ist, die hier aber besonders ausgeprägt sein mußte, weil der größte Teil, der Beteiligten das Börsenspiel nicht kennt; die kühle Überlegung ging verloren, man ließ sich von Stimmungen hinreißen. Das gesunde und berechtigte Mißtrauen gegen den Wert der Ostmark fand so einen Ausdruck, der zwar der Richtung, aber nicht dem Ausmaß nach eine Spiegelung des wahren Wertverhältnisses zwischen Deutscher Mark und Ostmark war. Inzwischen ist der Kurs der Ostmark wieder kräftig gestiegen, zeitweise galt sie sogar mit der Deutschen Mark gleich. Es wäre aber nicht gerechtfertigt, in dem Verhältnis eins zu eins nun etwa das Endgültige und Richtige zu sehen. Es ist bezeichnend, daß der Schwarzhandel sich weigert, Waren gegen Ostmark zum gleichen Preise abzugeben wie gegen Westmark. Das Mißtrauen besteht also nach wie vor, und es ist begründet.

Das Maß der Kurssteigerung ist genau so unberechtigt wie das des vorhergehenden Kursfalles. Der Kurs mußte steigen, weil sich inzwischen die meisten darüber klargeworden waren, daß die Ostmark durch Gesetz für viele Zahlungen der Deutschen Mark gleichwertig ist. Mieten, Lebensmittel und manches andere können in Ostmark bezahlt werden; dort wo die Ostzonen-Verwaltung herrscht, wie an den Bahnhöfen, hat die Ostmark sogar das Monopol. Für manche Zwecke braucht man also Ostmark, und für andere ist es zweckmäßig, sie zu haben, wenn man sie billig erwerben kann. Es setzte daher eine recht starke Nachfrage nach ihr ein, und als der Kurs zu steigen begann, sprang er in die Höhe, ohne dort einen Halt zu finden, wo er dem wahren Wert nach liegen müßte.

Ein Kurs von eins zu eins kann sich nicht halten. Für Berlin ist das bedauerlich, denn sehr vieles wäre einfacher, wenn beide Währungen einander ohne Schwierigkeiten ersetzen könnten. Aber der Geldschnitt war im Osten längst nicht so radikal wie im Westen. Zu den vielfachen, gerade die großen Beträge berücksichtigenden Bevorzugungen, die bereits in der Anordnung der deutschen Wirtschaftskommission genannt sind, kommen noch die verschwiegenen. Die Herren der SED-Zentrale, und nicht nur sie, tauschen gleichfalls eins zu eins. Sachverständige aus der Ostzonenverwaltung und in Westberlin haben Berechnungen angestellt, um wieviel sich die Geldmenge durch die Reform in Ostdeutschland vermindern würde.

Die Ergebnisse dieser Berechnungen stimmen natürlich nicht genauestens miteinander überein, da viele Faktoren berücksichtigt werden müssen und manches unbekannt ist. Übereinstimmend aber ist das Ergebnis, daß der Schnitt nur wenig Geld entfernt; nur etwa ein Viertel des Geldes verschwindet, und es gibt Schätzungen, die noch viel geringer sind. Das Ostgeld muß also schon gleich nach der Reform schlechter sein als die Deutsche Mark, die viel seltener ist. Auch unabhängig von der Unvollkommenheit der Geldbeseitigung müßte es deswegen geringwertiger sein, weil im Osten aus der Produktion niemals auch nur annähernd so viel Waren für die deutschen Käufer zur Verfügung stehen, als den Einkommen entspricht, so daß sehr schnell wieder ein neuer beachtlicher Kaufkraftüberhang entstehen wird.

Außerdem aber muß es große Bedenken erregen, daß die Klebekupons im Schwarzhandel angeboten werden. Ein Nachdruck, also echte Fälschungen, ist unwahrscheinlich, weil die technischen Voraussetzungen dafür mehr Zeit erfordert hätten. Es sind also echte Marken. Sie werden zum Teil gestohlen oder durch Manipulationen einzelner, die mit ihnen zu tun hatten, in den Verkehr gebracht worden sein. Das Angebot ist aber zu reichlich und zu gleichmäßig, als daß dies die einzige Erklärung sein könnte. Man erinnert sich an das plötzliche Angebot von Zigaretten. Die gleichen Leute, die den Vertrieb dieser Tabakwaren in der Hand hatten, handeln jetzt mit Kupons. Die Vermutung liegt nahe, daß auch die Quellen die gleichen sind. Es sind aber mehr als eine solche Überlegung, die den dringenden Verdacht nahelegt, daß es nicht einzelne Angehörige der sowjetischen Besatzungsmacht, sondern sowjetische Stellen sind, welche die Kupons in den Handel bringen. Die Beobachtungen, welche die SED-Zentrale machen konnte, haben dort jedenfalls zu der allgemeinen Überzeugung geführt, daß es so ist.

Man könnte daran zweifeln, daß eine solche Infamie möglich sei, weil sie ja doch bedeuten würde, daß die sowjetische Besatzungsmacht gegen ihre eigene Währung arbeite. Ausbeutung der Not durch Wucher und Schacher sind ihr nicht unbekannt, nicht nur die Geschäfte mit Zigaretten und Gold bezeugen dies. Im Falle der Währung gibt es aber doch ein wichtigeres Motiv als das, auch die geringste Möglichkeit des Verdienstes nicht ungenutzt verlorengehen zu lassen.

Der Besitz Deutscher Mark ist wichtig. Man braucht Deutsche Mark, um die KPD im Westen zu finanzieren. Hat man Deutsche Mark, so kann man nicht nur im Westen Berlins kaufen, was gegen Ostmark nicht erhältlich ist, sondern auch, was man dringend begehrt, in Westdeutschland erwerben. Man kann seine Saugnäpfe also auch in Westdeutschland ansetzen. Man hat in der Deutschen Mark ein Geld, das man aufbewahren kann, denn jeder weiß, daß es stets wertvoller sein und bleiben wird als die Ostmark. Schon kommen die Vertreter ostdeutscher Firmen nach Berlin, um sich trotz aller Verbote die Möglichkeit zu verschaffen, Deutsche Mark zu erwerben. Es ist nach allen Erfahrungen nicht verwunderlich, daß sowjetische Stellen gleichfalls versuchen, möglichst viel von dem wertvollen Geld zu erwerben, auch wenn sie die Geltung der Ostmark dadurch mindern, und diejenigen, die jetzt Reichsmark gegen die Ostmark gaben, damit schmählich betrügen. Es braucht daher auch niemanden zu erstaunen, wenn in Berlin vielleicht mehr Ostmark als Westmark sichtbar sein sollten. Es ist eine längst bekannte Erfahrung, daß gutes Geld durch schlechteres verdrängt wird. Die Deutsche Mark ist besser und vielseitiger verwendbar, und deshalb wird man jeden Preis für sie zahlen.

Quellenangaben

Quelle: Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Politik, Währung, Währungspolitik, Schwarzmarkt, Blockade, Teilung, Sektor, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland
Aktualisiert am: 06.02.2006
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