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Artikel

08.07.1948 | Die Neue Zeitung

Lage in Berlin ist unverändert

Luftbrücke ausgebaut - Sokolowski verhandlungsbereit

Berlin (NZ). - Die allgemeine Situation in Berlin hat sich in den letzten Tagen nicht verändert. Die Luftbrücke ist weiter ausgebaut worden, und man rechnet damit, das Schwergewicht der Transporte in Kürze auf Industriegüter legen zu Können. Trotz schlechter Wetterbedingungen sind in den letzten Tagen täglich über 350 Versorgungsflugzeuge mit Lebensmitteln gelandet, darunter auch zehn Sunderland-Großflugboote, die auf der Havel wasserten.

Eine Entspannung der Berliner Krise wird als Folge der diplomatischen Schritte der Westmächte erwartet. Unabhängig davon ist, wie aus Magistratskreisen verlautet, das Schreiben des Magistrats an die Vereinten Nationen einer auswärtigen Macht zugeleitet worden, die jedoch aus politischen Erwägungen noch nicht genannt werden könnte. Man vermutet, daß Frankreich sich bereit erklärt hat, die Berliner Frage vor den Sicherheitsrat der UN zu bringen.

Marshall Wassilij Sokolowski hat, wie am Abend des 7. Juli bekannt wurde, die grundsätzliche sowjetische Bereitschaft betont, eine Wiederaufnahme des Interzonenhandels zu diskutieren. Aus dem von der amerikanischen Militärregierung veröffentlichten Briefwechsel zwischen Marschall Sokolowski und General Lucius D. Clay geht hervor, daß die Sowjets die amerikanischen Behörden zwar beschuldigen, den Interzonenhandel einseitig abgebrochen zu haben, die sowjetische Handelsverwaltung aber bereit sei, konkrete Vorschläge zur Wiederaufnahme des Interzonenhandels mit den zuständigen Behörden in der amerikanischen Zone zu besprechen.

General Clay erwiderte auf diesen Brief, er hoffe, daß die "technischen Störungen", die zur Unterbrechung des Interzonenverkehrs geführt haben, bald behoben sein würden.

Der Landverkehr zwischen Berlin und den Westzonen liegt indessen nach wie vor still, obwohl nach Ansicht der Bauspezialisten für die Strecke Berlin-Helmstedt, wie die französisch lizenzierte Zeitung "Der Kurier" meldet, keinerlei Bedenken gegen die unverzügliche Wiederaufnahme des Verkehrs mehr bestehen. Die Freigabe der Strecke sei jedoch durch einen sowjetischen Sonderbefehl allein den sowjetischen Technikern, die der Reichsbahndirektion Magdeburg zugeteilt sind, vorbehalten.

In Anbetracht dessen, daß der Kohlenmangel sich in Berlin bereits ernsthaft bemerkbar macht - bis zum Ende der vergangenen Woche hatte sich die Industrieproduktion um die Hälfte vermindert - ist man jetzt, wie bereits angekündigt, dazu übergegangen, auch den Kohlebedarf durch Flugzeuge zu decken. Man will zunächst versuchen, 300 Tonnen in Zentnersäcken auf den Berliner Flugplätzen zu landen. Später sollen größere Mengen - die Westsektoren brauchen täglich etwa 2000 Tonnen - über den Sportplätzen im britischen Sektor abgeworfen werden.

Wie ein Sprecher der amerikanischen Militärregierung bekanntgab, haben die Sowjets bei den US-Behörden in den letzten Monaten über 30 Proteste wegen angeblicher Verletzungen der Flugregeln im Luftkorridor erhoben. In einem Schreiben der sowjetischen Sektion der Berliner Zentrale für Luftsicherheit heißt es, daß die amerikanischen Behörden beschlossen hätten, die Regelung des Flugverkehrs in den Luftkorridoren einseitig und willkürlich zu verletzen. Wie ein maßgebender Vertreter der Westmächte hierzu mitteilt, ist aber nur in zwei Fällen festgestellt worden, daß ein Flugzeug den vorgeschriebenen Kurs wegen der schlechten Wetterlage nicht halten konnte. Das sei jedoch unvermeidlich und könne die Luftsicherheit nicht beeinflussen

Reuter will im Zusammenhang damit erfahren haben, daß der sowjetische Kriegsminister, Marschall Nikolai Bulganin, sich zur Zeit in Berlin aufhält.

Der Autoverkehr innerhalb der Stadt ist durch einen Befehl des Polizeibefehlshabers für den sowjetischen Sektor, Kurt Seidel (SED), weiterhin eingeschränkt worden. Von nun an werden alle Fahrzeuge, die aus dem Ostsektor in einen der Westsektoren fahren wollen, auf ihre Ladungen überprüft werden. Sämtliche Lebensmittel-, Post-, Schrott- und Baumaterialfahrzeuge sollen beschlagnahmt und der zuständigen sowjetischen Kommandantur übergeben werden, was, wie sowjetisch lizenzierte Zeitungen am 7. Juli meldeten, auch bereits geschehen sei. In diesem Zusammenhang hat die amerikanische Militärregierung eine Anordnung erlassen, wonach der Ostsektor von Kraftfahrzeugen, die im US-Sektor registriert sind, nur noch mit einer Sondergenehmigung befahren werden darf.

Die Stimmung der Berliner Bevölkerung hat sich dadurch etwas verschlechtert, daß auf Grund der zweiten Währungsverordnung Löhne und Gehälter nur zu 25 Prozent in D-Mark - der Rest wird in Ostmark beglichen - ausgezahlt werden. Trotz aller Argumente, die seitens der westlichen Militärregierungen für die Beschränkung der Umlaufmenge von Deutscher Mark in Berlin angeführt werden, fordern Presse und Bevölkerung der Westsektoren, daß die Löhne und Gehälter in Deutscher Mark ausbezahlt werden und dieses Geld die beherrschende Währung in den westlichen Sektoren Berlins wird.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Verkehrsmittel, Flugzeug, Luftbrücke, Versorgung, Not, KFZ, Währung, Gehalt, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland
Aktualisiert am: 06.02.2006
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