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Artikel

08.07.1948 | Die Neue Zeitung

Berlin unter dröhnendem Himmel

Was einem Besucher aus den Westzonen auffällt

Frankfurt (NZ). - Auf Mehlsäcken sitze ich. Den Fallschirm umgeschnallt. Schon knattert mein Vogel über die russische Zone. Nach knapp 100 Minuten: Tempelhof. Berliner Luft. "100 Mark für eine Stange Zigaretten -", flüstert ein Herr, als ich den Hafen verlasse. "110 -", steigert er, weil ich nicht reagiere. "Gute Mark, Mister, Ami-Mark - und obendrein noch echt - hier -", und knistert mir fünf nagelneue D-Zwanziger je mit einem großen B-Stempel im Kreis unter meine verwunderte Nase. "Ja, ich weiß, klärt er mich auf", Sie kommen zu uns aus einer anderen Welt. Aus einer fortgeschrittenen - leider von uns sehr weit fortgeschrittenen. Wir leben hier noch immer unter der Herrschaft der Zigarette. Auch die Währungsreform hat uns noch nicht von ihr befreit - also 120? Oder Kaffee? Ich zahle 160, nein? ,,175 - nun, Mister?" Nein, ich habe nichts zu verkaufen. "Bestimmt nichts Ich kaufe alles. Ich habe auch Kuckucks-Mark, wissen Sie, die Russen-Mark mit dem Kuckuck drauf, der schönen Papiermarke, die ständig abfällt, weil sie nicht mal anständigen Leim für uns Geleimte haben." - "Nein!" - "Aber drüben in der Westzone haben Sie doch alles - Fahrradreifen, Lippenstifte, Gemüse, Obst..." - "Und hier?" - "Nichts, Mister. Woher? Der Russe hat selber nichts. Nur Zeitungen und Broschüren. Wer noch ein Unternehmen hat, braucht Kredite von ihm. Das heißt praktisch Sozialisierung. Da ist man froh, wenn man nicht verhungert. Und bei uns hier im Westsektor ist man noch vorläufig vorsichtig abwartend." - "Warum? Fürchtet man noch immer, daß die Westmächte abziehen?" - "Nein, nicht mehr. Seit einer Woche sind sogar die Pg's still." - "Pg's?" - "Ja, die "P-rognosen-G-elehrten", die bisher das Gras wachsen hörten und ständig mit Stalin telephonierten. Heute ist jeder in Berlin überzeugt, daß man uns nicht nach Asien verschiebt - da - hören Sie - ein Rosinenbrummer - das erste Flugzeug brachte uns nämlich Rosinen - es surrt schon wieder - unser Glaube kommt diesmal durchs Ohr," - "Aber warum ist man, wie Sie sagten, im Westsektor vorsichtig abwartend?" - "Das hängt mit SM zusammen." - "SM? Seine Majestät?" - "Ja, SM - Seine Majestät, die Sowjet-Mark - im Gegensatz zur Ami-Mark, der DM. Die SM gilt auch im Westsektor. Aber natürlich will sie kein Mensch freiwillig anerkennen. Jeder drängt zur Ami-Mark. Im Ostsektor jedoch darf sie niemand haben. Bei wem sie gefunden wird, dem wird sie weggenommen. Zuerst zahlte man 28 SM für eine DM, aber nun, da die Russen-Mark auch bei uns im Westsektor gilt, haben wir uns geeinigt: 2 Russen-Mark für 1 DM. Das Beste übrigens ist, wenn Sie mal mit der Straßenbahn fahren - in Richtung Rußland - zum Potsdamer Platz."

Schaffners Himmel

Ich folge seinem Rat. Schon beim Fahrgeldzahlen beginnt's. Der Groschen, der alte Groschen, ist nicht gefallen. Er ist gestiegen, gilt wieder als Groschen. Aber nur für lebenswichtige Waren. Zum Beispiel nicht für Zeitungen. Sonst muß man mit Russen-Mark zahlen, weil die Direktion der Straßenbahn fern im Osten liegt. "Und wenn ich im Westsektor wohne?" erkundigte ich mich bei meinem Fahrnachbar. Wie in einem nicht kontakten Radioapparat geht's los. Von allen Seiten. Also: erstens konnte sich jeder Westsektorist an einem der letzten Montage für 60 Mark Russengeld in Karlshorst, dem Kreml von Berlin, einwechseln. Zweitens zahlen fast alle Unternehmen in den Westsektoren etwa ein Viertel mit der so seltenen DM und drei Viertel in der Sowjetwährung. Sie nehmen ja auch in SM ein. So kommt es, daß jeder Berliner auch Russengeld besitzt. Und drittens, weiht man mich ein, nimmt der Schaffner nur allzugern das Ami-Geld zum Wechseln.

War der Beruf eines Straßenbahnschaffners noch vor zwei Wochen ein sicherer Weg zum Selbstmord, so ist heute seine Tätigkeit der unverirrbare Aufstieg zu märchenhaften Vermögensansammlungen - vorausgesetzt: er bedient auf einer der internationalen Linien - also vom Westen zum Osten. Worin liegt das Geheimnis seines Massenverdienens? Er kassiert so viel wie möglich Ami-Geld während seiner Fahrt durch den Westsektor. Kurz vor der Einreise ins Sowjetische steckt er die "Devisen" einem vor der Grenze wartenden Freunde zu und rechnet "drüben im Russischen" mit der dort allein seligmachenden Russenmark ab. Das heißt: er liefert (angesichts des Kurses 1 DM = 2 SM) nur die Hälfte der im Westsektor eingenommenen DM ab.

Nun, keine Andrang, bitte - auch seine Stunden des Glückes scheinen gezählt zu sein. Alles deutet darauf hin, daß auch Berlins Verkehr bald in zwei Teile zerfällt. Schon heute haben die Russen in ihrem Sektor einen stärkeren Untergrundbahnbetrieb eingelegt und zwingen die Berliner, an der Grenze des Potsdamer Platzes - genau wie im großen: "Wegen Gleisreparaturen" - in seltener verkehrende Züge nach dem Westen umzusteigen. Und schon heute haben die Amerikaner Autobuslinien für Deutsche, aber nur für ihren Sektor, eingeführt.

Die Grenze

Am Potsdamer Platz steige ich aus. Die Schaufenster sind leer wie in den alten Hortungstagen, und wenn eine Ware aufleuchtet, so dämpft das Schild "Nur für Ausstellungszwecke" des Optimisten Freude. Plötzlich kommt Bewegung auf. Menschen rennen über den Damm, verschwinden in Hausfluren, insoweit welche da sind, springen, anscheinend lebensüberdrüssig, auf fahrende Straßenbahnen. Fahrzeuge verdoppeln ihr Tempo. Kinder plärren. Zwanzig Schutzleute wachsen jäh aus dem Boden, umringen Passanten, greifen in ihre Anzüge, durchsuchen Hand-, Markt- und Brieftaschen, schleppen einen jeden, den sie betastet haben, in bereitstehende Wagen. "Das sind die russischen DM-Razzien", erfahre ich von einem Eingeweihten. "Die sind seit Tagen pünktlich alle zwei Stunden. Zwei kommunistische Inspektoren leiten sie höchstpersönlich. Jeder Mensch weiß es längst, und ich verstehe nicht, wie es möglich ist, daß sie noch immer Opfer finden."

Schwindende Furcht

Ich spreche mit Eisenbahnern, mit Kaufleuten, mit Schriftstellern, mit Ärzten und Wissenschaftlern, mit West-Berlinern und auch mit den Bewohnern des Ostsektors, mit Zugezogenen, mit Auslandsdeutschen, mit Ausländern. Noch nie zuvor war die Ansicht so übereinstimmend in allen Schichten vertreten: der Russe hat sich, zumindest bis auf weiteres, selbst bei seinen bisherigen Mitläufern jede Sympathie verscherzt. Kommunisten versuchen klarzumachen: es hat nichts mit Sozialismus zu tun. Es ist purer russischer Chauvinismus.

Auch die Furcht vor den Sowjets, die in Berliner Häusern oft die Angst vor der Gestapo überragte, wirkt nicht mehr in altgewohnter Form. Die Drohungen der kommunistischen Presse über das Schicksal der Nicht-Prosowjets nach dem seit Monaten alltäglich prophezeiten Abzug der Westmächte aus Berlin verfehlen ihre Wirkung. Die Luftaktion, die ein jeder am Tage und bei Nacht mit seinen Ohren genau kontrollieren kann, hat das Vertrauen auf die westliche Hilfe in zunehmendem Umfang gestärkt. Die Parade der ständig ein- und ausfliegenden Flugzeuge, das Funktionieren der Lebensmittelverteilung, erbrachte selbst Zweiflern nicht nur die Beweise, daß die Westmächte stark sein wollen, sondern es auch vermögen.

Nun, ich sprach auch mit anderen, mit nicht so Zuversichtlichen. Zum Beispiel mit einem alten Berliner Droschkenkutscher. "Wissense", gestand er mir - und der Greis mußte schreien, weil gerade wieder ein neuer Mehlschlepper aus den Wolken donnerte -, "wissense, ick bin nämlich kein Esser, ick bin ein Schläfer, und wer kann denn da schlafen, bei die Lautstärke von all die Vögels und noch die ganze Nacht durch. Nee, ick bin dagegen!

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: Egon Jameson
Schlagwörter: Verkehr, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Verkehrsmittel, Flugzeug, Luftbrücke, Versorgung, Not, KFZ, Währung, Gehalt, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland, Kommentar
Aktualisiert am: 06.02.2006
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