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Artikel

20.06.1948 | Die Neue Zeitung

Ostzone vom Westen völlig abgeriegelt

Auch dort neue Währung in Aussicht

Berlin (NZ). - Seit dem 19. Juni 00.00 Uhr ist die deutsche Ost-West-Zonengrenze von den Sowjets für den Personenverkehr von Westdeutschland in die Sowjetzone und nach Berlin radikal gesperrt. Der Passagierzugverkehr ist eingestellt, die Einreise per Auto oder zu Fuß verboten. Grenzübertritte von sowjetisch besetztem in westdeutsches Gebiet sind auf der Autostraße Berlin-Helmstedt und zu Fuß an anderen Grenzübergangsstellen noch möglich. Die Dauer dieser einseitigen sowjetischen Grenzschließung ist unbekannt. Diesbezügliche Anfragen bei den Ostzonenbehörden wurden nicht beantwortet. Der Güterverkehr ist durch ausgiebige Kontrollen, die sich sowohl auf die Fracht als auch das begleitende Personal erstrecken, behindert.

Ein Vertreter der britischen Transportbehörden teilte mit, daß als Folge der sowjetischen Maßnahmen die Eisenbahnstrecke bis nach Braunschweig und Hannover bereits am 19. Juni verstopft gewesen sei. Die zuständigen Stellen in Essen seien daher angewiesen worden, vorläufig keine Kohlenzüge mehr nach Berlin in Fahrt zu setzen . In Hannover lägen allein 27 Kohlenzüge fest. Sowohl die Einstellung des Personen- als auch die verschärfte Kontrolle des Güterverkehrs wurden von den Sowjets als "schützende Maßnahme gegen eine Desorganisation des Geldumlaufes im Zusammenhang mit der westdeutschen Währungsreform" bezeichnet.

Aus gut unterrichten Berliner Kreisen verlautet, daß die sowjetische Militärverwaltung in den nächsten Tagen ihre Geldreform in ihrer Zone beginnen wird. Als wahrscheinlicher Termin wird Mittwoch, der 23. Juni, genannt. Die neuen Noten sollen bereits an die Landeszentralbanken der Ostzonenländer verteilt worden sein. Andererseits wird behauptet, daß in der Ostzone keine neue Notenausgabe, sondern lediglich eine Abstempelung des alten Geldes beabsichtigt sei. Es wird jedoch darauf hingewiesen, daß bei einer Abstempelung Fälschungen sehr leicht möglich wären, so daß schon deshalb mit einer Ausgabe von neuen Ostnoten zu rechnen sei. Die Äußerungen aus der Ostzone zur westdeutschen Währungsreform sind durchweg scharf ablehnend. Sie stellen, meist in sehr aggressiven Formulierungen, die gesonderte Reform als einen Schlag gegen die Einheit Deutschlands dar und behaupten, sie sei unsozial, werde schwere wirtschaftliche Nachteile für Westdeutschland mit sich bringen und weitreichende Gegenmaßnahmen der sowjetischen Besatzungsmacht zur Folge haben. In einer Erklärung der Wirtschaftskommission der Ostzone heißt es sogar, die Nutznießer dieser separaten Geldreform würden die großkapitalistischen Feinde des deutschen Volkes sein. Das Präsidium des Volksrates protestierte in seiner Verlautbarung zur westdeutschen Währungsreform "feierlich gegen diese Vergewaltigung der deutschen Nation". Man sei entschlossen, durch eine "nationale Selbsthilfe" dem deutschen Einheitsverlangen Geltung zu verschaffen.

Auch der sowjetische Oberbefehlshaber in Deutschland, Marschall Wassilij Sokolowski, erließ einen Aufruf an die "Bürger und Bürgerinnen, in dem er behauptet, daß eine gesamtdeutsche Währungsreform durchaus möglich gewesen wäre. Die Westmächte werden beschuldigt, im Interesse ihrer Monopole die deutsche Wirtschaft zu unterwerfen und mit dieser Maßnahme die Spaltung Deutschlands zu vollenden. Die Voraussetzung für den freien Personen- und Güterverkehr zwischen den Besetzungszonen Deutschlands sei nunmehr zerrissen. Die neuen Geldscheine seien für den Umlauf in der sowjetischen Besetzungszone "und im Gebiet von Groß-Berlin, das sich in der sowjetischen Besetzungszone befindet und wirtschaftlich einen Teil dieser Zone darstellt", nicht zugelassen. Die Annahme der neuen Scheine werde als eine Schädigung der Ostzonenwirtschaft betrachtet. Gegen die Schuldigen würden entsprechende Strafmaßnahmen angewandt werden. "Diesen Bestimmungen wird Gesetzeskraft verliehen."

Demgegenüber stellte der britische Militärgouverneur, General Sir Brian Robertson, in einem Brief an Marschall Sokolowski fest, daß eine Währungsreform in den Westzonen infolge der wirtschaftlichen Stagnation unbedingt notwendig sei, er aber immer noch fest davon überzeugt sei, daß nur eine Währungsreform auf gesamtdeutscher Basis zufriedenstellen könne.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Politik, Blockade, Besatzung, Güterverkehr, Personenverkehr, Verkehrsmittel, Eisenbahn, Währung, Ostzone, Militär, Grenzübergang, Zonengrenze, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland, Grenze, Kohlenzug
Aktualisiert am: 06.02.2006
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