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Artikel

24.06.1948 | Die Neue Zeitung

Berlin erhält zwei Währungen

Westmächte beantworten eigenmächtigen Sowjetschritt

Berlin (NZ). - Die Westmächte haben am 23. Juni angekündigt, daß die "Deutsche Mark" als die für die westlichen Sektoren Berlins gültige Währung eingeführt wird. Damit ist der Befehl Nr. 111 des sowjetischen Oberbefehlshabers in Deutschland, Marschall Wassilij Sokolowski beantwortet worden, der die Einbeziehung Groß-Berlins in die Ostzonenwährungsreform vorsah. Anordnungen der sowjetischen Militärverwaltung für Deutschland oder der sowjetischen Kommandantur von Berlin wurden in den drei Westsektoren für ungültig erklärt. Ein Sprecher des britischen Außenamtes meinte, daß die Lage in Berlin "offenkundig ernst" aber nicht die bisher kritischste Situation sei.

Vertreter der amerikanischen und britischen Militärregierung wiesen, laut AP, darauf hin, daß die drei westlichen Alliierten die Einführung der Westwährung in Berlin angeordnet hätten, weil sie den Russen die uneingeschränkte Vollmacht über wirtschaftlichen Gedeih und Verderb der mehr als zwei Millionen Deutschen in den Westsektoren nicht zubilligen würden. Die Sprecher sagten weiter, die Maßnahme sei den Westmächten durch den sowjetischen Vorstoß in der Nacht zum 23. Juni aufgezwungen worden, als die Sowjets verfügten, Berlin wirtschaftlich der sowjetischen Besetzungszone anzugliedern und für Berlin die neue Ostwährung auszugeben.

Keine völlige Teilung

Mr. Jack Bennett und Sir Eric Coates, Finanzsachverständige der amerikanischen beziehungsweise britischen Militärregierung, erklärten zu der Einführung der zwei Währungen, daß eine scharfe Trennung in West- und Ostsektoren kaum entstehen werde, da man eine Stadt, deren einzelne Teile durch ökonomische Bedingungen eng miteinander verflochten sind, nicht durch eine Barriere in zwei separate Teile zerlegen könne. Die Doppelwährung könne durchaus funktionieren, falls die Russen zur Mitarbeit bereit seien. Wahrscheinlich werde kein offizieller Kurs für den Umtausch der beiden neuen Währungen festgelegt werden; man werde das vielmehr der Entwicklung überlassen. Die Einwohner Berlins würden die freie Wahl zwischen den beiden Währungen haben. Man werde sie nicht daran hindern, den russischen Sektor zur Ausübung ihres Berufes zu betreten, wenn sie das vorziehen sollten.

Den Sachverständigen wurde die Frage gestellt,, was beispielsweise geschehen werde, wenn ein Berliner eine Straßen- oder Untergrundbahn im russischen Sektor besteige, in sowjetischem Geld bezahle und nach dem Westen Berlins fahre: Die Antwort lautete, dies sei "schwierig, aber technisch möglich". Man erwarte, daß im Verkehrswesen beide Währungen angenommen werden würden. "Es hängt davon ab, was jede Seite zulassen wird. Wenn der Osten auf vernünftige Weise mitarbeitet, werden die Schwierigkeiten der Berliner Bevölkerung gelindert werden. Behindern die Russen die Berliner Wirtschaft, schädigen sie gleichzeitig auch die Wirtschaft ihrer Besetzungszone."

Der Befehl der drei westlichen Besatzungsmächte über die Einführung der Deutschen Mark in den Westsektoren Berlins hat folgenden Wortlaut:

1. Die Kommandanten der französischen, britischen und amerikanischen Sektoren sind benachrichtigt worden, daß die sowjetische Militärverwaltung Befehle für eine Umwandlung der Währung in Großberlin erlassen hat.

2. Diese sowjetischen Befehle widersprechend dem Vier-Mächte-Abkommen über die Viermächte-Verwaltung von Groß-Berlin. In den französischen, britischen und amerikanischen Sektoren sind diese Befehle null und nichtig und finden keine Anwendung auf die Einwohner der französischen, britischen und amerikanischen Sektoren von Berlin.

3. Hiermit werden folgende Notmaßnahmen angeordnet, die bis zur Verkündung weiterer Befehle in Kraft bleiben: A) Alle Banken sind zu schließen, ihr Angestellten müssen jedoch notfalls vorkommende Arbeiten zur Stelle sein. B) Sämtliche Geschäfte sind zu schließen, mit Ausnahme von sämtlichen Lebensmittelgeschäften und sämtlichen Apotheken. Diese Lebensmittelgeschäfte und Apotheken müssen während der gesetzlichen Verkaufszeit geöffnet bleiben und ihre Waren zu den gesetzlich festgesetzten Preisen gegen Zahlung von Reichsmark verkaufen. C) Sämtliche Schuldenzahlungen sind vorläufig einzustellen.

4. Wer den Vorschriften der vorstehenden Paragraphen zuwiderhandelt, setzt sich strafrechtlicher Verfolgung aus.

5. Erforderliche Vorkehrungen werden getroffen, um in den britischen, französischen und amerikanischen Sektoren von Groß-Berlin die neuen Währungen, die in den betreffenden Besetzungszonen Deutschlands gültig sind, einzuführen.

6. Dieser Befehl tritt am 23. Juni in Kraft.

Nachdem am 22. Juni die Beratungen der Finanzsachverständigen aller vier Besatzungsmächte über eine gemeinsame Regelung der Währungsfrage für Berlin ergebnislos abgebrochen worden waren, erhielt die amtierende Oberbürgermeisterin, Louise Schroeder, am Morgen des 23. Juni ein Schreiben des Stabschefs der SMA, Generalleutnants G. S. Lukjantschenko, in dem sie "zur strickten Durchführung" des sowjetischen Befehls Nr. 111 über die Währungsreform in der Ostzone angewiesen wurde. Die in dem Befehl enthaltenen Vorschriften sollten "im ganzen Gebiet von Groß-Berlin unverzüglich in Kraft gesetzt werden".

Westmächte geben nicht nach

Im Verlauf der Vier-Mächte-Finanzberatungen am 22. Juni hatten die Vertreter der Westmächte im Hinblick auf das Vier-Mächte-Statut Berlins erneut darauf hingewiesen, daß ein einseitiges Vorgehen von sowjetischer Seite die Einführung der Westwährung in den drei westlichen Sektoren nach sich ziehen werde. Der sowjetische Vertreter und Chef der Finanzverwaltung der SMA, P. Maletin, kündigte gegen eine derartige Maßnahme "wirtschaftliche und administrative Sanktionen" an, die "den Übergang zu einer einzigen Währung in Berlin - der Währung der sowjetischen Besetzungszone - erzwingen werden".

Nach Abschluß dieser Verhandlungen traten General Lucius D. Clay, Generalleutnant Sir Brian Robertson und der stellvertretende französische Oberbefehlshaber, General Roger Noiret, zu einer Besprechung zusammen. Am 23. Juni wurde dann die Einführung der Westzonen-Währung in den Westsektoren Berlins bekanntgegeben, da, wie die Finanzabteilung der amerikanischen Militärregierung erklärte, die westlichen Mächte sich dem sowjetischen "Willkürakt der Verletzung des Vier-Mächte-Charakters nicht beugen". Frau Schroeder wurde dementsprechend von den drei westlichen Kommandanten mitgeteilt, daß die sowjetische Währungsreform in den Westsektoren nicht durchgeführt werden dürfe, und daß statt dessen dort Maßnahmen für die Einführung der Deutschen Mark getroffen werden würden.

Marschall Sokolowski wurde von General Clay darauf aufmerksam gemacht, daß die Westwährung in den Westsektoren Berlins habe eingeführt werden müssen, da auf Grund der Haltung der sowjetischen Sachverständigen in der Konferenz am 22. Juni eine "vernünftige Lösung" nicht habe gefunden werden können.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Lebensmittel, Personen, Flughafen, Eisenbahn, Alliierte, Viermächte, Besatzung, Militär, Zonengrenze, Grenze, Verkehrsmittel, Flugzeug, Luftbrücke, Versorgung, Logistik, Güter, Transport, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland
Aktualisiert am: 06.02.2006
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