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Artikel

24.06.1948 | Die Neue Zeitung

Ein Brot kostet 400 Reichsmark

Verwirrte Demonstranten - Gestohlene Kontrollmarken

Berlin (NZ). - Kurz nach Bekanntgabe der Anordnung der Besatzungsmächte über die Einführung der beiden Währungen wurden die Geschäfte mit Ausnahme der Lebensmittelläden und Apotheken geschlossen. Die Kaufwut erreichte in allen Sektoren ihren Höhepunkt, Zigaretten kosteten in den Vormittagsstunden 10 bis 20 Reichsmark, Brot 250 bis 400 Reichsmark. Am Schlesischen Bahnhof wurde eine Frau, die Brot für 420 Reichsmark verkaufen wollte, von Passanten verprügelt.

Im sowjetischen Sektor ist eine Reihe von Gaststätten geschlossen worden. In ihren Räumen sind Beauftragte der deutschen Wirtschaftskommission der deutschen Ostzone damit beschäftigt, Geldscheine mit den neuen Klebemarken zu versehen, durch die das bisher im Umlauf befindliche Geld in der sowjetischen Zone und im sowjetischen Sektor Berlins gekennzeichnet wird.

In einigen Betrieben verschwanden bereits gestern Abend die ersten Marken. Auch auf dem Schwarzen Markt werden sie bereits, sogar in Hunderterbogen, gehandelt. Hundert Zehnermarken, die zur Kennzeichnung der Zehn-Mark-Scheine vorgesehen sind, sollen zehntausend Mark kosten. Die Verwaltung der deutschen Eisenbahnen in der Ostzone gab bekannt, daß Fahrkarten vom 24. Juni ab nur noch gegen die neue Ostzonenwährung verkauft würden. Auf dem Bahnhof Zoo wurde durch Lautsprecher bekanntgegeben, daß der Vorverkauf von Fernfahrkarten eingestellt worden sei.

Der erste - offensichtlich organisierte - Zwischenfall trat ein, als die Abgeordneten des Berliner Parlament, die am 23. Juni die in Berlin entstandene Lage diskutieren wollten, durch 200 auf sowjetischen Lastwagen herangebrachte Demonstranten am Betreten des Sitzungssaales gehindert wurden. Die Polizei griff - offenbar auf Grund sowjetischer Anordnungen - nicht ein. Im Berliner Parlament, das im sowjetischen Sektor tagt, haben die nichtkommunistischen Parteien eine klare Majorität.

Die Demonstranten riefen laut UP, daß die Sitzung beginnen könne, sie aber zuhören würden und dann zur Aktion übergingen, wenn man irgend etwas tun würde, was ihnen nicht gefalle. SED-Sprecher unterstützten mit Hilfe von Lautsprecherwagen die Demonstration. Der Stadtverordneten-Vorsteher, Dr. Otto Suhr (SPD), wurde in den Rufen der Demonstranten als "Verräter" bezeichnet. Als er eine Zigarette rauchte, brüllten sie: "Der verrät sein Vaterland für eine Ami." Dann sangen sie die "Internationale". Mit mehr als 90minütiger Verspätung konnte die Sitzung schließlich begonnen werden. SED-Abgeordnete hatten die Demonstranten zum Abzug veranlassen können. Die amtierende Oberbürgermeisterin. Louise Schröder verlas eine Magistratserklärung, in der festgestellt wurde, daß die Befehle der einzelnen Kommandanten nur in ihren eigenen Sektoren Gültigkeit hätten. Die Fraktionen der SPD, CDU und LDP stellten hierzu den Antrag, die Magistratserklärung zu billigen und die Alliierten zu bitten, die volle Selbstverwaltung Berlins herzustellen und sich ausschließlich auf das Kontrollrecht zu beschränken.

Im übrigen war das Straßenbild ruhig und von geschlossenen Geschäften gekennzeichnet. Die meisten Läden hatten, obwohl im sowjetischen Sektor keine Schließung verfügt worden war, wegen "Warenbeschaffung", "Inventur" oder "Krankheit" geschlossen. Friseure benutzten Strommangel als Vorwand, ihre Läden stillzulegen. Die Zeitungsstände, die 13 Tageszeitungen verkaufen, sind umlagert, die Abendzeitungen wurden teilweise bereits um 14.30 Uhr verkauft. Die Händler legten größten Wert darauf, in Kleingeld bezahlt zu werden, da in der Verlautbarung über die Ostzonenwährungsreform "Scheidemünzen" von der Abwertung ausgenommen und in der Westzonen-Währungsreform immerhin noch im Verhältnis 10:1 gültig sind. Sehr erwachsene Zeitungsjungen erwarben am Alexanderplatz fünf oder zehn Zeitungen für einen Geldschein und verkauften sie im Handumdrehen gegen Kleingeld.

Das neue Zahlungsverfahren auf den Verkehrsmitteln ist noch ungeklärt. Die Straßen machen einen leeren Eindruck, nur vor den Radiogeschäften, die die Verlautbarungen des Rundfunks im amerikanischen Sektor und von Radio Berlin in regelmäßigen Abständen übertragen, bilden sich diskutierende Gruppen.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Lebenshaltung, Ökonomie, Währung, Währungsreform, Preis, Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland, Preis, Alltag
Aktualisiert am: 06.02.2006
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