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Artikel

27.06.1948 | Die Neue Zeitung

Kampf um Berlin verschärft sich

Sowjets sperren Lebensmittel- und Stromversorgung

Berlin (NZ). - Die Lage in Berlin hat sich weiterhin sich verschärft. Die drei Westsektoren werden aus der Ostzone nicht mehr mit Lebensmitteln, Braunkohle und Strom versorgt, die Güterzufuhr aus dem Westen ist unterbunden. Berliner, die im sowjetischen Sektor mit Deutscher Mark angetroffen werden, können nach einer Anweisung der SMA bestraft werden. Am 26. Juni hat der britische Militärgouverneur für Deutschland, General Sir Brian Robertson, von den Sowjets gefordert, daß der normale Verkehr von und nach Berlin unverzüglich wieder hergestellt wird. General Lucius D. Clay hat diesen Schritt gebilligt, nachdem er schon vorher erklärt hatte, daß die Amerikaner nur durch Krieg aus Berlin vertrieben werden könnten.

In Beantwortung der sowjetischen Übergriffe haben die westlichen Alliierten die Einstellung aller Kohlen- und Stahllieferungen aus der Bizone in die sowjetische Zone verfügt. Lebensmittel aus der britischen Zone dürfen an die Bevölkerung im russischen Sektor nicht mehr ausgegeben werden. Nachdem die Sowjets die Unterbrechung des Verkehrs zwischen Berlin und den Westzonen mit "technischen Schwierigkeiten" und "dringenden Reparaturarbeiten" motivierten, ist auf der anderen Seite von den Briten bekanntgegeben worden, daß der Grund für die Einstellung der Ruhrlieferung eine "empfindliche Knappheit an Transportmitteln" sei. Eine leichte Entspannung soll dadurch eingetreten sein, daß, wie ein Vertreter der britischen Transportbehörden am 26. Juni bekanntgab, nach zuverlässigen Informationen 13 Frachtkähne mit Lebensmitteln die Grenze passiert hätten und auf dem Wege nach Berlin seien. Ein Frachtkahn mit 300 Tonnen Getreide und Mehl für die Berliner Zivilbevölkerung sei bereits eingetroffen. Das in diesem Zusammenhang gleichfalls gemeldete Eintreffen von zwei Kartoffelnzügen ist jedoch nicht mit einer Lockerung der Transportblockade in Verbindung zu bringen, da die Züge nach offiziellen Mitteilungen schon lange Zeit vor Beginn der Grenzsperre die Zonengrenze passiert hatten. Auch der Postverkehr von und nach Berlin ist nach wie vor unterbrochen.

Die amerikanischen Behörden haben in ihrem Bemühen, die Luftverkehr weiter zu verstärken, einen Güterdienst eingerichtet, der der Berliner Industrie Gelegenheit gibt, die Verbindung mit den Westzonen-Firmen aufrechtzuerhalten. Allerdings muß der Versand sich auf besonders wichtige und hochwertige Waren beschränken. Der sowjetischen "Milchsperre" wurde durch neue Lieferungen von Trocken- und Büchsenmilch entgegentreten. Für die Versorgung der Kranken und Kinder sind außerdem die in Berlin lagernden amerikanischen Trockenmilchbestände freigegeben worden. Die Wasserversorgung, die durch die sowjetischen Stromeinschränkungen ebenfalls gefährdet war, ist, wie General Clay bekanntgab, gesichert.

Oberst Frank L. Howley, der amerikanische Kommandant von Berlin, hat die Bevölkerung in einem Aufruf gebeten, ihre Zuversicht zu behalten. Die Einführung der Deutschen Mark sei der Auftakt zu einer besseren Wirtschaft, die mehr Nahrung und ein besseres Leben mit sich bringe. Die Amerikaner würden nicht zulassen, daß Berlin hungere.

Ferner teilten Oberst Howley und der französische Kommandant, General George J. Ganeval, dem sowjetischen Stadtkommandanten am 25. Juni brieflich mit, daß in den drei Westsektoren die Währungsreform als notwendige Folge auf die einseitigen sowjetischen Maßnahmen in Kraft gesetzt worden sei. Indem man in den Westsektoren auch die östliche Währung zugelassen habe, sei eine Schädigung der Berliner Bevölkerung vermieden worden. Der Magistrat könnte seine Tätigkeit mit einem Minimum an Schwierigkeiten fortsetzen. Man bedauere es außerordentlich, daß die westliche Währung nicht auch auf den Ostsektor ausgedehnt worden sei.

Wie hierzu bekannt wird, hat der Magistrat am 25. Juni eine Entschließung verabschiedet, in der er die Besatzungsmächte bittet, die Deutsche Mark auch im Ostsektor zuzulassen. Die SMA hat jedoch, ohne diese Bitte zu berücksichtigen, angeordnet, daß Angestellte der Eisenbahn mit sofortiger Entlassung bestraft werden, wenn sie Deutsche Mark als Bezahlung annehmen, oder wenn sie irgendwelche Reichsmarkbeträge in DM umtauschen sollten.

Die Kriminalpolizei hat am 25. Juni Personen festgenommen, die die "Spezialkupons", die in der Ostzone auf alten Reichsmarkscheine geklebt wurden, auf dem Schwarzen Markt verkauften. Sie teilten außerdem mit, daß der Kurs der Ostmark ständig falle und für eine DM bereits 29 Ostmark, die der Berliner Volksmund "Tapetengeld" nennt, gezahlt werden.

Als sowjetische Schikanen kleinerer Art werden schließlich noch Beschlagnahmen von Extraausgaben der westlich lizenzierten Zeitungen und vorübergehende Verhaftungen von Journalisten gemeldet. Die Tätigkeit der SED beschränkte sich neben einem ausgedehnten Propagandafeldzug vor allem darauf, gefälschte Resolutionen an die Berliner Stadtverordnetenversammlung weiterzuleiten

Für die "erfolgreiche Durchführung der Aufgaben der sowjetischen Regierung sind der sowjetische Oberbefehlshaber, Marschall Wasilij Sokolowski, und zehn sowjetische Generale in Deutschland mit der höchsten sowjetischen Auszeichnung, dem Leninorden, ausgezeichnet worden. 87 andere hohe Offiziere erhielten den "Orden des Roten Arbeitsbanners", über 100 den "Roten Stern" und mehr als 750 andere hohe Auszeichnungen. Sokolowski hat außerdem einen Aufruf an die Berliner erlassen, in dem den drei westlichen Oberbefehlshabern "Heuchelei" vorgeworfen wird. Ihre Forderung, die Berliner Währungsfragen der Kontrolle der Alliierten Kommandantur zu unterstellen - eine Bedingung, unter der sie die Ostmark in Berlin zulassen wollten -, lehnt Sokolowski ab, da nach seine Ansicht die Kommandantur zu existieren aufgehört habe. In anderen Erklärungen stellte die SMA fest, daß sich jeder, der Deutsche Mark besitze, strafbar mache.

Ungeachtet der sowjetischen Drohungen haben es zahlreiche Berliner sogar fertig gebracht, ihr Geld sowohl im Ostsektor, wo ein Stammabschnitt der Lebensmittelkarte abgegeben werden muß, als auch in den Westsektoren, wo der Personalausweis abgestempelt wird, umzutauschen.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland, Versorgung, Logistik, Güter, Transport, Lebensmittel, Kohle, Energie, Alliierte
Aktualisiert am: 06.02.2006
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