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Artikel

27.06.1948 | Die Neue Zeitung

Eine Woche neues Geld

Westdeutschland vom Tag "X" bis zum Tag "X und 6"

Millionen von Menschen, alle Bewohner eines großen Landes, die über Nacht, wenigstens für Stunden, gleich arm oder gleich reich sind - das ist ein Stoff, der viel zu phantastisch ist, als daß sich die Romanliteratur bisher an ihn herangewagt hätte. Vielleicht eignet er sich auch besser für den raschen und unbestechlichen Blick des Reporters. Die "Neue Zeitung" hat ihre Korrespondenten in ganz Westdeutschland von Konstanz bis Kiel, von Berchtesgaden bis Aachen gebeten, zu berichten, was in ihrer Heimatstadt vorgeht. Hunderte machten sich auf den Weg. Sie sahen der Hausfrau in den Kochtopf, dem Kaufmann unter den Ladentisch, dem Industriellen in die Geschäftsbücher und der Bank hinter die Schalter. Sie trollten sich über die Märkte und drängten sich durch die Drehtüren der Warenhäuser, sie liefen vom Verkehrsverein zum Standesamt und von der Universität in das Schwarzhändlercafe. So ist eine große Momentaufnahme entstanden, ein Wochenschaustreifen höchstens, der frei von Rückblicken und Prophezeiungen ein bestimmtes Objekt zeigt: Westdeutschland in der Woche nach dem Tag X.

Obst, Gemüse und Torten suchen Käufer

Ob amerikanische, ob britische oder französische Zone - die Wirkung war mehr oder minder überall gleich klar ersichtlich: leidenschaftliche Liebe zu Neumark. Ein jeder, Käufer und auch Verkäufer, wollte sie besitzen - je mehr und rascher, desto lieber. So entstand auch hier ein seit Jahren nicht erlebter Zustand: überraschend starkes Angebot bei tragbaren Preisen, aber Kundenzurückhaltung, oft bis zur Kaufunlust. Von den einzelnen Gegenden entsenden uns unsere Korrespondenten folgende Blitzmeldungen:

Frankfurt: Wohlmundende Torten, aber weil noch zu kostspielig, nur von "Sehleuten" in Schaufenstern bewundert. Ähnlich ergeht's dem frischen Obst, das in Mengen angeboten wird. Gemüse, gleichfalls überreichlich, erfreut sich größter Beliebtheit. Rosinen und Trockenobst, bisher auf Marken verschmäht, sind für 75 Pfennig frei erhältlich und erwünscht. Erfreuliches Wunder: Bauern liefern 25 Prozent mehr Milch ab.

Darmstadt: Karotten, pro Bündel 28 Pfennig, gehen wie warme Semmeln. Salatberge. Immer neue Mengen rollen an. Obst? Nein. Zu teuer. Wanderer und Autler kehren seit langem wieder von Hamsterrazzien mit frischester Butter heim. Preis 5 Mark. Kleine Nachschrift: Molkerei Zell im nahen Odenwald lieferte 2500 Liter mehr Milch ab.

Wiesbaden: Schlangenbefreit betritt, wer sich vom Kopfgeld zu trennen wagt, jeder jeden Laden, deutet aufs Weißkraut, bezahlt 25 Pfennig, sucht sich die schönsten Kirschen aus (28 Pfennig), entschließt sich sogar zu Tomaten, obwohl sie 2,20 Mark kosten, und überläßt die Pfirsiche wegen der 7,70 Mark kinderreicheren Familien.

Heidelberg: Hier drängen sie einem das Pfund Pfirsiche für eine - ich wiederhole eine - Mark auf. Bauern zaubern bereits Frühbirnen. Grüner Salat, auch seit Jahren nicht mehr gesehen, ist für 30 Neupfennig zu haben. Und Blumenkohl gibt's wieder. Kopf 1 Mark. Und Lauch. Und grüne Gewürz- und Senfgurken. Und Johannisbeeren 25, Stachelbeeren 40 Pfennig. Wem 15 Pfennig für eine Zitrone zu hoch erscheint, bekommt eine schon angefaulte als Propagandageschenk in die Hand gedrückt.

Kassel: Bauern boten das Ei für 1,10 Mark, die Butter für 30 Mark an. Käuferstreik. So senkten sie sie auf 20 Pfennig und 1,50 Mark. Man soll's kaum glauben: sie hatten Schwierigkeiten. Erbsschoten 35, Karotten 63, Blumenkohl und Kirschen 80, sind in Übermengen da. Freudige Kunde des Milch- und Fettwirtschaftsverbandes: "Milchablieferung bereits um 15 Prozent gestiegen."

Stuttgart: Montag: Bauern bringen Gemüse in nie geahnten Haufen. Gekauft wird wenig. Zu teuer. Dienstag: Noch mehr Ware. Preise lassen nach. Mittwoch: Noch viel mehr Ware. Preise sinken noch mehr. Es wird gekauft. Donnerstag, Freitag: Die Preise rasseln weiter tiefer. Ein Bund Karotten: 15 Pfennig. "In Mannheim zahlt man nur 6 Pfennig", meldet einer. "Ja, da liefert die Pfalz!" ist die Erklärung. Sie nutzt nichts. Der Preis sinkt abermals auf 13 Pfennig. Württemberger erwarten jeden Tag 600 versprochene Tonnen aus Italien und Zwiebeln und Aprikosen und Pfirsiche dazu. Unberührt trauert das Trockenobst dahin.

Nürnberg: Gemüsepreise fallen. Bauern verschenken Eier - allerdings für 10 Pfennig, weil sie, wie sie versichern, das Neugeld dringend brauchen. Städter, welch eine veränderte Welt, kaufen nicht, halten ihr Kopfgeld wie einen Talisman in der Tasche

Ulm: Auf Marken gibt's alles. Und ohne Warten. Gemüse in reicher Auswahl. Oft sogar schon geputzt. Es ist eine Freude, zu kaufen.

München: Gemüse und Obst in bisher nicht erinnerbarem Ausmaß. Verkauf: nicht wie erhofft stark. Der Städter benutzt sein Kopfgeld für Straßenbahnen, Schuhreparaturen und Unvorhergesehenes. Auch Feinteigwaren und Semmeln, die man reichlich sieht, werden nicht allzu freudig gekauft. Kleinhändler bezogen teilweise sogar mit dem Kopfgeld ihrer Familien Waren beim Großhändler. Bei ihren Gärtnern hatten sie Kredit. Schlächter haben ihre Lagerbestände ausverkauft, um Bargeld zu besitzen. Bauern verkaufen das Vieh freudig auf Treu und Glauben.

Bayreuth: Eine wesentliche Verbesserung ist hier nicht zu spüren. Gärtnereien verkaufen zwar Kohlrabi für 25, in der Vor-Reform-Woche für 50 Pfennig. Kirschen rutschen von 70 auf 40. Die Preisprüfungsstelle hat in der ersten Wochenhälfte viele Geschäfte, die nach wie vor überholte Preise für Gemüse forderten, angezeigt. Am Wochenende brauchte sie nicht mehr einzuschreiten: Kaufunlust hatte die Preise bis zur Einwandfreiheit reguliert.

Französische Zone: Gemüse ist ausreichend da: Blumenkohl 70, Weißkraut 40, Salat 20, Kohlrabi 100 Pfennig. Sonst noch Him-, Heidel- und Stachelbeeren. Käufer kaufen nur im Laden, meiden den Bauern auf der Straße, weil sie ihm sein bisheriges Verhalten noch nicht vergessen können. Ein Vertreter des Ernährungs-Zentralausschusses verkündet: " Die Hauptnahrungsmittel bleiben in unserer Zone weiterhin streng bewirtschaftet."

Britische Zone: Einst (lies: bis vor einer Woche) erbettelten sich Schwarzhändler in den Höfen der großen Obst- und Gemüsegebiete ihre "Beute". Heute (lies: seit dem Reformsonntag) bringen die Bauern die Ware in Mengen in die Stadt. Und obwohl die Lebensmittelbewirtschaftung offiziell noch nicht gelockert ist, sind Obst und Gemüse frei. Blumenkohl, einst auf Marken 2,50 Mark, ist heute frei ab 75 Pfennig. Auch freier Fischverkauf nach Willkür der Geschäfte. Andere bisher kartenbedingte Eßwaren vermag man gleichfalls frei und nicht zu teuer zu erwerben. Nur Fleisch ist nach wie vor nicht auf dem Markt.

Hereinspaziert" sagt der Einzelhandel

"Herzlich willkommen" steht unsichtbar über den Eingangstüren der Ladengeschäfte und sichtbar in den Mienen der Verkäufer. Nach Überwindung des ersten Schrecks am Montag hat beinahe überall das Geschäft wieder eingesetzt, teilweise über alle Erwartungen gut. Aber das kommt wohl daher, daß die Erwartungen sehr gering waren. Am lebhaftesten gefragt sind Engpaßartikel, wie Strümpfe, Stoffe, Nägel, Babyausstattungen, Nähgarn, Emailwaren, Rasierklingen, Gebrauchsgeschirr, Schuhbänder und Gummilitzen. Lebhaftes, allerdings teilweise erst platonisches Interesse finden auch Radioapparate, Kühlschränke, Bügeleisen (die von 25 Mark am Montag bis zu 14 Mark am Donnerstag gefallen sind) und Fahrräder. Völlig "tot" sind im Augenblick kunstgewerbliche Artikel (die 30-RM-Kacheln bleiben auch für 1,80 DM liegen), Parfümerien, Pelze und Schmuck. Uhren dagegen (zwischen 30 und 90 Mark) gehen wie warme Semmeln.

In den Warenhäusern wimmelt es von Menschen, aber 80 v.H. der Besucher sind "Orientalen" - Leute, die sich orientieren wollen. Man stürzt sich auf Gelegenheiten. Personenwaagen zum Beispiel, die 10-Pfennigstücke noch zum vollen Wert einlösen, sind ständig umlagert. Im Augenblick ist in einigen Häusern beinahe mehr Personal mit dem Auspacken beschäftigt als mit dem Verkaufen. Schon am Montag setzten die Lieferungen von seiten des Großhandels und der Industrie ein; auch in Fachkreisen ist man über den Umfang der Hortungen etwas verblüfft. Ein großes süddeutsches Kaufhaus erklärte am Donnerstag, daß 60 v.H. der zum Verkauf stehenden Gegenstände noch keine Tage im Haus seien.

Die Einzelhandelsverbände klagen darüber, daß aus Frankfurt noch keine verbindlichen Einzelheiten über die Freigabe bisher bewirtschafteter Artikel vorliegen. Vor allem weiß man nicht, ob "beide Wege", das heißt, der zum Käufer und der zum Fabrikanten frei sind. Auch hält man die Voraussetzungen für ein Abzahlungsgeschäft noch nicht gegen, da Großhandel und Industrie vorerst kaum Kredite gewähren.

Noch komplizierter ist die Lage in der französischen Zone. Offiziell sind bis jetzt nur Haushaltsgegenstände aus Eisen, Holz und Keramik freigegeben. Einige Geschäfte verkaufen Regenmäntel für Damen (von 30 bis 50 DM) und Regenschirme (von 20 bis 30 DM) frei. Punktpflichtige Textilwaren sind in großen Mengen vorhanden, werden aber nicht gekauft, da die Leute noch vereinzelt mit Freigaben rechnen. Geschäftsleute berichten, daß sie Nachnahmesendungen nicht abholen können, weil sie noch kein Geld eingenommen haben.

Und hier ist eine aus ganz Deutschland zusammengestellte aber keineswegs vollständige Liste neu erhältlicher Herrlichkeiten mit den durchschnittlichen Preisen: Gummiüberschuhe 6.90 DM, dreiteilige Herde 70 DM, Gaskocher 50 DM, Vierröhrenrundfunkgeräte 475 DM, Volksempfänger 120 DM, Taschenlampenbatterien 0.40 DM, Nähmaschinen 250 DM, Fahrräder 80 DM, Bügeleisen 14 DM, Damenstrümpfe 4 DM, Eimer 8.50 DM, Zinkwannen 26 DM, Fahrradschläuche 2 DM, Lederhandtaschen ab 10 DM, Lederkoffer ab 8 DM, Herrenanzüge 90 DM, Lederreisenecessaires 38 DM, Wollpullover 16 DM, Tennisschläger 60 DM, Stieltöpfe 4 DM, Schnürsenkel 0.30 DM, Handschuhe 6 DM, Krawatten ab 2.50 DM, Einweckgläser 1 DM, Junghansarmbanduhren (15 Steine) 80 DM, Wecker und Schreibtischuhren 18 DM, Gummihosenträger 4 DM, Meißner Porzellanservice 500 DM, Opel-Olympia 5900 DM. Die ersten drei gegen Barzahlung verkauften Wagen gingen in Wiesbaden an ein Kaufhaus, die Stadtwerke und die Finanzverwaltung.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland, Ökonomie, Währung, Währungsreform, Recht, Gesetz
Aktualisiert am: 06.02.2006
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