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Artikel

27.06.1948 | Die Neue Zeitung

Berlin appelliert an die Welt

Stimmung zuversichtlich, aber Unterstützung notwendig

Berlin - Die Berliner sind - wenn gleich nach der Einführung der Deutschen Mark in den Westsektoren etwas zuversichtlicher - doch der Überzeugung, daß das Schicksal ihrer Stadt von der Unterstützung abhängt, die die westliche Welt in der nächsten Zeit Berlin gewähren wird. Der Magistrat hat dementsprechend am 25. Juni beschlossen, die Vereinten Nationen um eine Stellungnahme zur Situation in Berlin zu bitten. Exponenten der Stadtverwaltung äußerten hierzu, die gegenwärtige Lage in Berlin sei als so ernst anzusehen, daß der Magistrat zu diesem letzten ihm zur Verfügung stehenden Mittel habe greifen müssen. Der Appell an die UN soll am 28. Juni formuliert und, wie DPD berichtet, durch "eine auswärtige Macht" nach Lake Succes weitergeleitet werden. Außerdem erließ die stärkste Partei Berlins, die SPD, einen "Aufruf an die Welt" in dem es heißt: "Eisern und entschlossen steht die Berliner Bevölkerung seit drei Jahren als Abwehrwall gegen den neuen Totalitarismus". Nunmehr könnte der Zeitpunkt kommen, wo der Wille und die Kraft der Berliner nicht mehr ausreichen. "Die Freiheit und das nackte Leben hängen Jet von der aktiven Unterstützung der demokratischen Welt ab."

Maßgebende Berliner Politiker äußerten am Wochenende, daß sich die entscheidenden Auseinandersetzungen über das Schicksal Berlins nunmehr wahrscheinlich auf eine höhere Ebene - zum Beispiel auf einem Notenaustausch zwischen Washington und Moskau - verlagern würden. Die bisherigen Versuche der SED und der sowjetischen Besatzungsmacht, die Bevölkerung durch Schikanen und Drangsalierungen umzustimmen, seien als gescheitert anzusehen. Die nächsten Wochen würden, so meint man in diesem Kreisen, eine endgültige Klärung bringen.

Auf der SPD-Kundgebung im französischen Sektor vor 70 000 Berlinern, auf der der "Aufruf an die Welt" verkündet wurde, wies Berlins gewählter, durch ein sowjetisches Veto aber nicht bestätigter Oberbürgermeister, Professor Ernst Reuter, darauf hin, daß die Durchführung des sowjetischen Befehls, ganz Berlin in die Ostwährungsreform einzubeziehen, andere einseitige Anordnungen dieser Macht nach sich ziehen würde. "Dann gibt es auf der schiefen Ebene kein Halten mehr. Dann gibt es nur noch Befehlen und Gehorchen, und im Hintergrund stehen wieder unsere alten Bekannten" Gefängnisse und KZ's." Was durch die Rollkommandos der Kommunisten, die - wie bereits berichtet - die Sitzung des Berliner Parlaments am 23. Juni störten, nicht habe erreicht werden können werden können, sollte jetzt durch die gegen alle Berliner in Anwendung gebrachte sowjetische Hungerpeitsche erzwungen werden. Die Sperrung der Elektrizitätsversorgung und der Lebensmitteltransporte für die Westsektoren sei der erste Schritt des brutalen Machtwillens der SED und der hinter ihr stehenden Kräfte.

Erich Ollenhauer, der für den erkrankten Vorsitzenden der SPD, Dr. Kurt Schumacher, in Berlin weilte, betonte, daß Berlin Beweise des Vertrauens der demokratischen Welt durch Taten brauche. Es sei ein "hoher Einsatz der Alliierten für diese Stadt notwendig". Nach seiner Rückkehr in die Westzonen meinte Ollenhauer, daß das, was sich gegenwärtig in Berlin abspiele, das entscheidendste und einschneidendste Ereignis seit dem Zusammenbruch sei. Es müsse deutlich gesagt werden, daß diese Ereignisse nicht nur einen Kampf um Berlin, sondern einen Kampf um ganz Deutschland darstellen. Ollenhauer hob die vorbildliche Haltung der Berliner hervor, die entschlossen seien, für ihre demokratischen und freiheitlichen Ideale die größten Opfer zu bringen. Er sei auf Grund seiner Unterredungen mit maßgeblichen britischen und amerikanischen Stellen überzeugt, daß "die Westmächte alles unternehmen werden, um Berlin zu halten".

Nach Auffassung unbeteiligter politischer Beobachter verdient die Haltung der Berliner Stadtverordneten gegenüber dem kommunistischen Mob in der letzten Stadtverordnetensitzung besondere Beachtung. Obwohl die Abgeordneten tätlich angegriffen wurden, hätten sie keinen Augenblick ihre Haltung verloren. Verschiedene Stadtverordnete wurden unter Rufen wie "Volksverräter", "du mußt nochmal ins KZ, du hast nichts hinzugelernt", mißhandelt und an der Abfahrt gehindert. Trotzdem machten die Abgeordneten nicht den Versuch, die auf Befehl ihrer kommunistischen Vorgesetzten passive Polizei zum Vorgehen gegen die Demonstranten zu veranlassen.

Am nächsten Tage schrieb dann das Zentralorgan der SED, "Neues Deutschland", zu den Angriffen des organisierten Pöbels: "Das war Demokratie!"

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Appell, Reuter, UN, Vereinten Nationen, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland
Aktualisiert am: 06.02.2006
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