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Artikel

06.07.1948 | Südkurier

Die Welt blickt nach Berlin

Vor einem Protest der Westmächte in Moskau? - Zweite Währungsverordnung für die Westsektoren

Berlin. Im Vordergrund des Berliner Interesses steht die Zusammenkunft der vier Militärgouverneure bei Marschall Sokolowski, die am Samstagnachmittag in Babelsberg stattfand. In maßgebenden Berliner Kreisen wurde diese Zusammenkunft als letzter Versuch gewertet, die Berliner Krise durch Übereinkunft der vier Militärgouverneure baldigst zu beenden. Die Weigerung Marschall Sokolowskis, irgendwelche Zusicherung über die Wiederaufnahme des normalen Verkehrs zwischen Berlin und den Westzonen zu machen, dürfte dazu führen, daß die Westmächte unmittelbar ihre Protestnote nach Moskau richten werden. Die "Operation Berlin" hat sich nach dem unbefriedigenden Ergebnis der Besprechungen am Sonntag weiter verschärft. Heute werden auch einige Sunderland-Flugboote an der Versorgung Berlins teilnehmen. "Flugzeuge können jedoch nicht der Dauerweg bleiben, der Berlin mit der Welt verbindet", erklärte Jakob Kaiser auf einer der drei CDU-Großkundgebungen, die am Samstag in Berlin unter dem Motto "Berlins Bewährung - Deutschlands Schicksal" stattfanden. "Berlin muß aus seiner Insellage heraus. Der Verbindungsraum zwischen Berlin und den Westen muß geschaffen werden. Er muß breit, geräumig und vor allem sicher sein."

Gestern trat in den Berliner Westsektoren die zweite Währungsverordnung in Kraft. Sie paßt sich in den Begriffsbestimmungen und Formulierungen weitgehendst den Voraussetzungen für die Westzone an, jedoch wird die bisherige Kopfquote von 60 D-Mark nicht von den abgelieferten Bargeldbeträgen oder Konten abgerechnet, da Berlin durch die Sperrung sämtlicher Bank- und Sparguthaben im Mai 1945 schon eine Währungsreform im kleinen durchgemacht hatte. Die Gehälter müssen bis zu 25 Prozent in D-Mark ausbezahlt werden. Das wird zu Folge haben, daß die D-Mark sehr bald aus den Kassen der Geschäfte verschwindet und für besondere Einkäufe zurückbehalten wird. Der etwas geringere Wert der Ostmark gegenüber der D-Mark auf dem Schwarzen Markt hat dazu geführt, daß der Andrang an den Fahrkartenschaltern in Berlin schon wieder so stark geworden ist, daß mit einer baldigen Wiedereinführungen des Reisegenehmigungsverfahrens zu rechnen ist.

Die Unterredung der Militärgouverneure

Berlin. Auf eigenes Ansuchen begaben sich am Samstagnachmittag die Generale Robertson, Noiret und Clay in das Hauptquartier Marschall Sokolowskis.

Nach einer sowjetischen Darstellung hat Marschall Sokolowski den drei westlichen Militärgouverneuren gegenüber betont, daß die Frage der Eisenbahnstrecke Helmstedt-Berlin nur eine Einzelfrage darstelle. Die Eisenbahnstrecke sei im Laufe der letzten drei Jahre in verstärktem Maße ausgenützt worden und bedürfe weiterer Reparatur. Die sowjetischen Behörden hätten früher die Möglichkeit gehabt, außer dieser Linie auch andere Wege für den Gütertransport in die sowjetische Zone und nach Berlin zu benützen. Jetzt seien diese Möglichkeiten genommen, da insbesondere im Jahre 1948 die Besatzungsbehörden der Westzonen systematisch Maßnahmen getroffen hätten, die auf die Desorganisierung der Wirtschaft in der sowjetischen Zone gerichtet seien.

Sokolowski habe dann darauf hingewiesen, daß die Teilnehmer an der separaten Londoner Beratung, auf welcher die Aufspaltung Deutschlands beschlossen worden sei, auch an die Folgen dieser Beschlüsse und an die Berliner Frage hätten denken müssen.

Sokolowski betont abschließend, daß es die sowjetischen Besatzungsbehörden nach Einführung der separaten Währungsreform in den Westzonen und angesichts anderer Maßnahmen "für ihre heilige Pflicht hielten, die Interessen der 20 Millionen Deutschen und der Wirtschaft der sowjetischen Zone zu beschirmen."

Bevin zur Lage in Berlin

London. Der britische Außenminister Bevin erklärte in Wymondham: "Wir können die kürzlich zur Aushungerung von 21/2 Millionen Berlinern ergriffenen Maßnahmen, nicht annehmen. Maßnahmen die bestimmt sind, die Westalliierten in ihrer Politik Deutschland gegenüber zu beeinflussen und die einen Versuch darstellen, die Westmächte aus Berlin zu vertreiben.

Wir waren immer bereit, über das Berliner Problem zu verhandeln und wenn die Russen ebenfalls dazu bereit sind, dann zweifle ich durchaus nicht an einer günstigen Lösung. Wir geben ein glänzendes Beispiel von Organisation. Alltäglich befördern wir Hunderte und Hunderte von Tonnen Verpflegung auf dem Luftwege nach Berlin. Die so auf dem Luftweg beförderte Warenmenge wird ständig zunehmen und die Aushungerungsmethode wird nicht glücken. Hoffentlich behält jeder Mann ruhig Blut und Entschlossenheit. Zuguterletzt werden wir unser Ziel erreichen und das ist: die endgültige Regelung des deutschen Problems."

Hilferuf der Berliner Frauen

Berlin. In einem "Aufruf an die Frauen der Welt" entsenden die Frauen der SPD, CDU, LDP, der Gewerkschaften, der Evangelischen Frauenarbeit und der Notgemeinschaft Berlin einen Hilferuf: "Die Berliner Frauen protestieren gegen Methoden, die den Grundsätzen des Christentums widersprechen und die einfachsten Menschenrechte verletzen und bitten die Frauen der Welt um ihre Hilfe."

Lebensmittel für Berlin

Den Haag. Die niederländische Regierung hat der britischen Regierung mitgeteilt, sie sei bereit für die Westsektoren Berlins konzentrierte Nahrungsmittel, wie Schokolade, Zucker, Butter, Käse und Eier zur Verfügung zu stellen.

Köln. Der Exekutivausschuß der Kölner Stadtverordneten-Versammlung beschloß am Montag die Einwohnerschaft von Köln aufzufordern, im Juli freiwillig auf die Lebensmittelration eines Tages zu verzichten, um der schwer geprüften Berliner Bevölkerung zu helfen.

Tübingen. Der Landesvorsitzende der SPD Südwürttemberg, Carlo Schmid, gab auf einer Großveranstaltung seiner Partei bekannt, daß sein Parteivorstand eine freiwillige Lebensmittelspende der gesamten Bevölkerung der Westzonen für Berlin vorgeschlagen habe. Das britische Oberkommando habe zugesichert, die auf diese Weise zusammenkommenden Lebensmittel nach Berlin zu befördern.

Quellenangaben

Quelle: Südkurier, Autor: A. G. - Korrespondent
Schlagwörter: Verkehr, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Alliierte, Protest, Währung, Währungsreform, Geld, Umtausch, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland
Aktualisiert am: 06.02.2006
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