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Artikel

06.07.1948 | Süddeutsche Zeitung

Berlin hinter der Luftbrücke

Berlin - Unsere Maschine stand 20 Minuten mit laufenden Motoren in der Startbahn des Frankfurter Rhein-Main-Flughafens, bis sie an der Reihe war, und über Berlin mußten wir länger als eine halbe Stunde in der Luft anstehen, bis wir landen durften. Die Luft bestand aus Wind, Löchern und Wolken, und es war alles in allem der scheußlichste Flug meines Lebens.

Am Bahnhof Gleisdreieck wollte ich mir den "Kurier" kaufen, und weil das 15 Pfennige kostet, legte ich einen Reichsmarkschein und ein 50- Pfennigstück auf den Verkaufstisch. Das Fräulein reichte mir den "Kurier", meine Mark und 35 Pfennige in Hartgeld zurück. Ein alter Herr, sichtlich beeindruckt von meinem Erstaunen, gab mir, bis sein Zug kam, den ersten Kurzunterricht in Berliner Währungsfragen und ich bediente ihn dafür mit einigen Tatsachen aus der reformierten Doppelzone. Hierbei hörte mir ein junger Mann zu, der daraufhin nicht, wie er vorgehabt hatte, nach Stadtmitte fuhr, sondern mit mir einstieg in die andere Richtung und mich bis zum Breitenbachplatz wie eine Zitrone ausquetschte. Obwohl ich streng bei der Wahrheit blieb, konnte ich nicht verhindern, daß ein Mann sich plötzlich zu mir umwendete und sagte: "Det erzählen Se man nich, wenn se zum Alex fahren. Dort werden Sie verhaftet als Provokateur!" In Berlin hat die Währungsreform nämlich nicht gezündet, und das hat viele Gründe, auf die ich in einem späteren Bericht zu sprechen kommen werde.

Zunächst sei erzählt, wie die Berliner zu ihrem Kopfgeld gekommen sind, genauer gesagt zu den Kopfgeldern. Zuerst haben die Westmächte in ihren Sektoren die Geldein- und -umwechslung in Gang gebracht, so wie in der Doppelzone. Zur Kontrolle stempelten sie den Personalausweis desjenigen, der sein Geld bekommen hatte, mit einem B. Nun kamen die Russen mit der Tapetenmark und erklärten, nur derjenige habe ein Anrecht auf Auszahlung des Kopfgeldes in Höhe von 70 Mark, der kein B auf dem Personalausweis zeige. Bei diesem Stand der Dinge gab es einige wenige Berliner, die vernünftig handelten. Sie gingen erst in den Ostsektor und ließen sich die 70 Ost- oder Tapetenmark geben, wobei keinerlei Eintragung in ihren Papieren vorgenommen wurde, und dann gingen sie in den Westen zurück, um die D-Mark-Quote und den B- Stempelaufdruck in Empfang zu nehmen. Die Berliner staunen nachträglich selbst, daß sie es nicht alle so gemacht haben. Aber hier wirkte die gute deutsche Disziplin. Die Berliner sagten sich, daß ein doppelter Empfang der Kopfquote illegal sein müsse, und sie kamen nicht gleich auf den Gedanken, daß sie dieses einzige Mal Nutzen aus dem Streit der Großen ziehen könnten.

Es geschah nämlich nun folgendes: Die Amerikaner gaben bekannt, daß binnen 48 Stunden jeder Bewohner der Westsektoren das B sich im Personalausweis einstempeln lassen müsse, auch dann, wenn er kein Geld erhalten habe. Damit war dies Unterscheidungsmerkmal hinfällig. Die Westler erkannten nun, was gespielt wurde und strömten in den Osten, so daß die Eingesessenen, die an ihren lokalen Tapetenmarkverteilungsstellen ihr Geld holen sollten, nicht zum Zuge kamen, weil nicht nur sie, sondern ganz Berlin vor ihren Schaltern stand. Die Russen sahen sich das zwei Tage lang an und verfügten dann über Sender Berlin: Die Westbewohner dürfen nur in den sechs besonderen Verteilungsstellen des Ost-Sektors die Ostmarkquote abholen, doch seien diese Stellen auf Massenverkehr eingerichtet. Die Amerikaner sagten über RIAS das gleiche. Den Westberlinern erschien es verdächtig, daß die feindlichen Sender so einig waren, aber nichtsdestoweniger machten sie sich auf nach Pankow und nach Karlshorst, wo die Rennbahn in eine Riesengeldumwechslungsstelle verwandelt sein sollte. So war es auch am Eröffnungstage. Ein großes Aufgebot von Polizisten sorgte für Ordnung vor 60 Schaltern. Es ging rasch und reibungslos und das sprach sich natürlich in der ganzen Stadt herum. Am nächsten Tag machten sich etwa 200 000 Westberliner in unvorstellbar überfüllten Transportmitteln nach Karlshorst auf. Dort waren nun nicht mehr 60, sondern sechs Schalter geöffnet und nicht 200 Polizisten, sondern deren noch ganze vier vorhanden. Die Folge war, daß die ungeheure Menschenmenge sich alsbald zusammenballte und derart ineinanderschob, daß zuerst ein Chaos und dann eine Panik entstand. Die gesamte Umzäunung des Rennplatzes wurde umgedrückt und Menschen wurden zu Boden getrampelt. Als man die ersten Toten aus dem Gewühl zog, erschien die Polizei mit Feuerwehrautos und spritzte so lange Wasser in die Menge, bis diese, naß wie gebadete Katzen, verstört und ohne Geld nach Hause zog in die westlichen Gefilde. In diesen ersten Tagen wurde die Tapetenmark im Verhältnis 25 bis 30:1 gegen Deutsche Mark gehandelt, und viele verzichteten infolgedessen unter solchen Umständen darauf, in den Besitz der Ostquote zu kommen. Sie bereuen es heute, denn jetzt wird die Deutsche Mark auf den Berliner Währungsmärkten mit 1,5 bis 1,8 gegen eine Tapetenmark gehandelt.

Quellenangaben

Quelle: Süddeutsche Zeitung, Autor: Erich Kuby
Schlagwörter: Verkehr, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Währung, Währungsreform, Geld, Tausch, Alltag Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland
Aktualisiert am: 06.02.2006
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