Schifffahrt
Automobile
Pressearchiv
Ziehen und Schieben
Lastwagen
Zurück | Drucken

Artikel

11.07.1948 | Die Neue Zeitung

Westmächte erwarten Antwort auf Berlin-Noten

Leben in Berlin noch mehr erschwert

Berlin (NZ). - Die sowjetische Blockade Berlins hat in den letzten Tagen zu neuen, weitgehenden Einschränkungen geführt, die die Lebensbedingungen der Bevölkerung bedeutend verschlechtert haben. Nach einer erneuten Kürzung der Stromkontingente für Industrie, Verkehr und Haushalte mußte von den Militärregierungen der drei Westmächte am 9. Juli eine 50prozentige Senkung der Gaszuteilungen angeordnet werden. Die Kohlenlieferungen auf dem Luftwege, der nach wie vor die einzige Verbindung Berlins mit den Westzonen ist, sind noch unzureichend. Nachdem bisher noch vereinzelt Frachtkähne aus der britische Zone nach Berlin gelangten, teilte der Chef der sowjetischen Transportabteilung, General Kwaschnin, nunmehr mit, daß "infolge Reparaturarbeiten an einer Schleuse in der Gegend von Rathenow leider keine Möglichkeit besteht, den in Wittenberg liegenden Frachtkähnen aus der britischen Zone die Durchfahrt nach Berlin zu gestatten".

Außerdem erließen die Sowjets neue Bestimmungen für den Straßenverkehr zwischen Berlin und dem Westen. Danach müssen alliierte Fahrzeuge neben den bisher erforderlichen Dokumenten sowjetische Sonderausweise haben, die jeweils für eine Fahrt ausgestellt werden. Auch sollen sowjetische Grenzwachen alle Fahrzeuge auf "verbotene Waren" durchsuchen. Der stellvertretende amerikanische Militärgouverneur, Generalmajor George P. Hays, erklärte am 10. Juli zu dieser sowjetischen Anordnung: "Wir haben nicht die Absicht, uns neuen Einschränkungen zu beugen. Wir haben das Recht auf freien Zugang, und wir werden es auch durchsetzen."

Bisher war es den westlichen Alliierten noch möglich, die einzige ihnen zur Verfügung stehende Autostraße in einer Richtung, nämlich von Berlin nach Helmstedt, aber nicht zurück, zu benutzen. Es wird erwartet, daß die Westmächte bis zu einer endgültigen Regelung nun auch diesen ohnehin sehr schwachen einseitigen Verkehr einstellen werden.

Um die Luftbrücke im Zusammenhang damit nicht noch mehr zu belasten, hat der amerikanische Militärgouverneur, General Lucius D. Clay, ab 10. Juli jeglichen Urlaub für amerikanische Armeeangehörige und Angestellte der Militärregierung gesperrt. Der in den Flugzeugen verfügbare Raum soll in Zukunft ausschließlich für Lebensmitteltransporte und für solche Personen reserviert bleiben, die in amtlichem Auftrag reisen. Auch die britische Militärregierung hat sämtlichen Urlaub für ihr Personal "wegen der gegenwärtigen Lage in Berlin" gesperrt.

Zur völligen Blockierung des Wasserverkehrs äußerten unbeteiligte Beobachter, ein sowjetischer Protest gegen den Transport von Kohle auf dem Wasserwege komme dem wahren Grund dieser Sperrung näher als die Behauptung, daß ausgerechnet jetzt eine Schleuse repariert werden müsse. Die Sowjets protestierten nämlich am 10. Juli bei der britischen Kontrollkommission dagegen, daß Lastkähne aus der sowjetischen Zone mit Kohle für Berlin beladen wurden, anstatt mit Manganerz, für dessen Transport sie ursprünglich von den Sowjets bestimmt worden seien. Die britische Handlungsweise mache es den Sowjets unmöglich, den Interzonenverkehr weiterzuführen.

Diese Erklärung ist wie AP meldet, nach Mitteilung britischer Behörden unbegründet, da der Interzonenverkehr sowieso schon seit dem 24. Juni wegen angeblicher technischer Schwierigkeiten in der sowjetischen Zone unterbrochen ist. Es müsse darauf hingewiesen werden, daß das englisch-sowjetische Abkommen über die interzonale Schiffahrt nur die umgehende Rücksendung der Lastkähne in die Herkunftszone vorsehe. Die Zone, aus welcher die Lastkähne kommen, habe kein Bestimmungsrecht über die Fracht, die die Schiffe bei ihrer Rückkehr laden.

Das Leben in Berlin hat sich durch die neuen Entwicklungen sehr erschwert. Die Haushalte erhalten nur noch zwei Stunden Strom täglich. Der Stromverbrauch der Industrie wurde weiter eingeschränkt, wobei lediglich sichergestellt wurde, daß die wichtigsten Betriebe, insbesondere die der Nahrungsmittelherstellung, weiterarbeiten können. Auch die Stromlieferungen für die Besatzungsmächte, Stadtbehörden, Krankenhäuser und Kliniken mußten reduziert werden. Die Straßenbeleuchtung wurde um 75 Prozent verringert, das Kontingent für den Verkehr so beschnitten, daß die Straßen- und die Untergrundbahn nur noch bis 18.00 Uhr verkehren. Außerdem wurden weitere Straßenbahnlinien und U-Bahn- Strecken stillgelegt. Ein kleiner Ausgleich soll durch den Einsatz von Omnibussen geschaffen werden, für die Reifen und Benzin aus den Westzonen geliefert werden sollen.

Ärzte können nicht operieren

Im britischen Sektor mußte in allen Krankenhäusern die Ausführung aller nicht unbedingt notwendigen Operationen verboten werden. Diese Maßnahme erfolgte, nachdem auch die Versorgung mit Narkoseäther aus der sowjetischen Zone eingestellt worden ist. Eine Versorgung auf dem Luftwege ist nahezu unmöglich, da Äther - leicht brennbar - nur in Spezialgefäßen von Flugzeugen transportiert werden kann. Auch in den beiden anderen Westsektoren können in Anbetracht der Stromeinschränkungen Operationen nur noch bei unmittelbarer Lebensgefahr ausgeführt werden.

Der amerikanische Kommandant der belagerten Stadt, Oberst Frank L. Howley, wies die Berliner darauf hin, daß die drastischen Kürzungen der Stromversorgung hätten angeordnet werden müssen, um die augenblicklichen Lebensmittelrationen aufrechtzuerhalten. Der Lufttransport könne "infolge der wenigen zur Verfügung stehenden Flugplätze und infolge der geringen Breite des Luftkorridors nicht allen Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht werden". Die Beschränkungen, eine Folge der sowjetischen Blockade, seien ernst und würden den Berlinern Unbequemlichkeiten, wirtschaftliche Schwierigkeiten und persönliche Entbehrungen bringen. Von jeher seien aber Freiheit und Demokratie nur durch Kampf und Leid erkauft worden. "Ich glaube", so sagte Howley weiter, "daß die Rolle, die die Geschichte den Berlinern zugedacht hat, vor der Welt beweist, daß die wahre deutsche Demokratie in Berlin geboren wird und daß es Berlin verdient, ein wiedererstandenes Deutschland zur Demokratie und Freiheit zu führen."

Entgegen anderslautenden Meldungen konnten die Lebensmittelkarten - von einigen örtlichen Verzögerungen abgesehen - bisher pünktlich beliefert werden. Da jedoch die Gemüselieferungen ausbleiben und die Vorräte, insbesondere Kartoffeln, in den Haushalten zumeist aufgebraucht sind, wirkt sich die Blockade Berlins trotz der ausgebauten Luftversorgung auch auf den Küchenzettel aus. Viele Berliner, die gewohnt waren, sich auf dem Schwarzen Markt zusätzlich Lebensmittel zu beschaffen, können diesen Ausweg nicht mehr wählen, da der Schwarze Markt lediglich die von der sowjetischen Rasno-Exportgesellschaft vertriebenen Zigaretten gegen Deutsche Mark (Stück 25 bis 30 Pfennig) anbietet. Doch auch für diese Zigaretten, mit denen die Sowjets ein günstiges Geschäft mit der Westwährung machen wollen, haben die Berliner kein Geld mehr. Ein Verkauf von nicht lebensnotwendigen Gegenständen ist gleichfalls nicht möglich, da hierfür infolge der allgemeinen Geldknappheit kein Interesse besteht.

Die drei westlichen Kommandanten hatten in ihrem Einsparungsmaßnahmen anordnenden Befehl auch die Einstellung des S-Bahn-Verkehrs in den Westsektoren verfügt. Dadurch sollten allein 30 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in den drei Westsektoren eingespart werden. Da aber hierdurch nicht nur der S-Bahn-Verkehr im Westen, sondern vor allem auch die Verbindung zwischen dem Sitz der sowjetischen Militärverwaltung im Osten Berlins (Karlshorst) und den sowjetischen Dienststellen im Westen (Potsdam), sowie wahrscheinlich auch der S-Bahn-Verkehr im Ostsektor stillgelegt worden wäre, wird auf Anordnung der Sowjets die gesperrte Stromzufuhr aus den Westsektoren durch Lieferungen aus der Ostzone ersetzt.

Das Kraftwerk Harbke in der britischen Zone hat sich inzwischen bereit erklärt, täglich eine Strommenge von 6000 Kilowatt nach Berlin zu liefern. Der Magistrat hat daraufhin die SMA gebeten, die Zuleitung dieser Menge durch die Ostzone nach Berlin zu gestatten. Eine Antwort ist bisher von sowjetischer Seite noch nicht eingegangen.

Ein Teil der Kohlenvorräte aus den Gaswerken wurde bereits den in den Westsektoren gelegenen Elektrizitätswerken zugeleitet. Die Verarbeitung dieser Kohle stößt jedoch meist aus erhebliche Schwierigkeiten, da die Kohle der Gaswerke von den Arbeitern mit der Hand zerkleinert werden muß. Einige Elektrizitätswerke sind außerdem veraltet und haben jahrelang stillgelegen; aus anderen wurden die modernen Einrichtungen im Mai und Juni 1945 von den Sowjets demontiert. Nach dem jetzigen Notprogramm wird der Kohlenvorrat für etwa 23 Tage reichen. Man hofft, daß bis dahin die Versorgung mit Kohle auf dem Luftwege erweitert wird.

Ein eigenartiger Kommentar

Berlin (NZ). - Die als halboffizielles sowjetisches Organ angesehene Berliner Zeitung "Nachtexpreß" bringt in ihrer Ausgabe vom 10. Juli einen aufsehenerregenden Kommentar zu dem Protestschritt der Westmächte in Moskau gegen die sowjetische Hungerblockade Berlins. Das Blatt schreibt

"Die Noten betonen, daß Berlin eine Vier-Mächte-Stadt ist und nicht zur sowjetisch besetzten Zone Deutschlands gehört. Sie betonen ferner, daß sich die Westmächte nicht aus Berlin verdrängen lassen. Bei den Noten handelt es sich um hochoffizielle diplomatische Kundgebungen. Es muß aber gefragt werden: Wer hat eine amtliche Erklärung der Sowjetunion gelesen, daß die Westmächte Berlin verlassen sollen? Zeitungskommentare können niemals die Grundlage für eine amtliche Stellungnahme bilden."

Das Blatt schreibt dann weiter: "Die Noten schlagen die Tür nicht zu. Es handelt sich jetzt nur darum, daß man die ,Gesetze der Vernunft' Oberhand gewinnen läßt, von denen die britische Note spricht. Eine Einschränkung der Besprechungen auf Berlin wäre widersinnig und würde nur Provisorien schaffen, während die ganze Welt sehnsüchtig eine Generalbereinigung erwartet."

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Alliierte, Protest, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland, Verkehrsmittel, Flugzeug, Luftbrücke, Versorgung, Logistik, Güter, Transport, Wasser, Straße, Schiff, Lebensmittel, Strom, U-Bahn, Gesundheit, Krankenhaus
Aktualisiert am: 06.02.2006
Zurück | Drucken