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Artikel

24.07.1948 | Die Neue Zeitung

Ernährungslage im Osten schlecht

Berliner lehnen Sowjetangebot weiter ab - Konserven gehen in die UdSSR

Berlin (NZ). - Im Zusammenhang mit dem sowjetischen Angebot, ganz Berlin zu versorgen, wird bekannt, daß der Berliner Ostsektor nur bis zum 27. Juli mit Brotgetreide und bis Anfang August mit Fleisch versorgt ist. Kartoffeln können jeweils nur für den täglichen Bedarf angeliefert werden. Auch haben sich wegen der im Ostsektor herrschenden Brotknappheit in diesen Tagen wieder lange Schlangen vor den Bäckerläden gebildet.

Wie der französisch lizenzierte "Kurier" berichtete, fahren bei Küstrin und Frankfurt an der Oder umfangreiche Lebensmitteltransporte - darunter Fleischkonserven aus dem Berliner Zentralviehhof - über die Grenze nach Osten. Aus Berlin seien innerhalb von zehn Tagen 4200 Tonnen Fleisch- und Wurstkonserven, 7000 Tonnen Zucker und Marmelade und 11000 Tonnen sonstige Konserven abtransportiert worden. Außerdem verließen beim Grenzübergang Scheune täglich 250 Waggons mit Produkten der Sowjet-Aktiengesllschaften und der "volkseigenen" Betriebe die Ostzone. Sie werden, wie der "Kurier" weiter meldete, nach Stettin weitergeleitet und von dort auf dem Wasserweg nach Königsberg (Kaliningrad) oder nach Leningrad weiterbefördert.

Die Berliner Bevölkerung hat das sowjetische Angebot, die Stadt zu verpflegen, dementsprechend allgemein ablehnend aufgenommen. Die vorherrschende Meinung wird in den Worten zusammengefaßt: "Wir brauchen ja nur in die Sowjetzone nach Kleinmachnow oder Potsdam zu gehen, um zu sehen, daß die dort nur Salz in ausreichenden Mengen haben, sonst nichts. " es wird darauf hingewiesen, daß die Ernährungslage in der Ostzone erst vor wenigen Monaten durch die angebliche "Invasion" von 200 000 Flüchtlingen aus dem Westen, amtlichen sowjetischen Berichten zufolge, "aufs schwerste gefährdet" gewesen sei, so daß sich die Sowjets "genötigt sahen", die Grenze hermetisch abzusperren. Man fragt sich, wie dann die 2,4 Millionen Westberliner zusätzlich verpflegt werden sollen.

Die deutsche Wirtschaftskommission für die Ostzone teilte demgegenüber offiziell mit, daß alle Berliner vom 1. August ab ihre Lebensmittelkarten im Ostsektor anmelden und dort auch ihre Einkäufe vornehmen können. Neben den jetzt schon bestehenden 6400 Bäckereien und Lebensmittelgeschäften des Sowjetsektors sollen dort noch weitere 2800 Geschäfte eröffnet werden. Die Bewohner der Westsektoren erhalten bei ihrer Anmeldung in einem dieser Geschäfte eine Zusatzkarte für die erhöhte Lebensmittelration, die in einer der letzten Kommandantursitzungen mit Wirkung vom 1. Juli für ganz Berlin beschlossen worden war.

Die drei westlichen Militärregierungen haben hierzu mitgeteilt, diese Rationserhöhung werde in den Westsektoren vorläufig nicht durchgeführt, da der hierzu erforderliche Transportraum zunächst für Kohle und andere lebenswichtige Güter benötigt werde. Es ist dem Magistrat jedoch zugesichert worden, daß die Zusatzrationen zu einem späteren Zeitpunkt in voller Höhe ausgegeben werden. In Verbindung damit wird vom Magistrat hervorgehoben, daß er noch immer keine Instruktionen für die Durchführung der von den Sowjets angekündigten Lebensmittelversorgung erhalten habe.

Die Ziele der sowjetischen Popularsierungsmaßnahmen gibt die gutorientierte sowjetisch lizensierte "Berliner Zeitung" unumwunden zu, indem sie zwei Alternativen anführt: 1. "Die westlichen Besatzungsmächte, die nur noch zu Störungszwecken in unserer Stadt sind, verlassen Berlin", oder 2. "nach einem von allen Siegermächten unterzeichneten Friedensvertrag wird ganz Deutschland von sämtlichen Besatzungstruppen geräumt."

Hierzu erklärte ein Sprecher der amerikanischen Militärregierung, daß Reperationswirtschaft, politisches Terrorsystem und eine neue Klasse von Nutznießern kommunistischer Prägung die Verhältnisse seien, die die Sowjets gegenwärtig auch Berlin aufzwingen wollten. Da der Entzug des Brotes, der Versuch der Aushungerung die Berliner nicht auf die Knie habe zwingen können, versuche es die SMA jetzt mit dem Gegenteil. Der Sprecher gab des weiteren authentische Zahlen über die sowjetischen Lebensmittelentnahmen aus der Sowjetzone bekannt. Danach habe die UdSSR zwar schon einmal 40 000 Tonnen Brotgetreide für die Ostzone zur Verfügung gestellt, andererseits aber allein in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres 60 000 Tonnen Brotgetreide aus der Ostzone verbraucht. 14 000 Tonnen Getreide und 6000 Tonnen Gerste seien außerdem von der sowjetischen Besatzung beschlagnahmt worden. 20 000 Tonnen Schlachtvieh und 14 Millionen Eier mußten weiter innerhalb eines halben Jahres an die Proviantämter der Sowjetarmee abgeliefert werden.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland, Versorgung, Logistik, Güter, Transport, Statistik, Alltag, Mensch
Aktualisiert am: 06.02.2006
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