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Artikel

31.07.1948 | Die Neue Zeitung

Auf eine alte Ostmark notiert

Von der "Tapetenmark" zur "Tscherwonze"

Berlin (NZ). - Heute morgen erwachte ich von einem alttestamentarisch schrillen Lamento aus dem Hintergarten. Der alte Herr, der sich dort in dem kläglichen Geviert zwischen den Häusern ein wenig Grünzeug, Kartoffeln und Sonnenblumen mühsam und mit unablässiger Pflege gezogen hatte, stand wehklagend über dem verwüsteten Beet seiner Frühkartoffeln. Die Räuber waren bei Nacht über den Garten gefallen. Sie hatten bei Mondschein das wenige Eßbare aus dem Boden geklaut. Dem durch dreifache Währungsreform dreifach verarmten hatten sie den Rest der Ernährungsbasis unter dem offenen Fenster fortgezogen. Er stand in der Frühe, weißbärtig, zitternd vor Enttäuschung und Ingrimm und schrie. So hat er im vorigen Jahre um diese Zeit dort gestanden. So im Jahr zuvor. Der Kartoffelraub als jährliche Katastrophe. Später saß der fast Achtzigjährige auf der kleinen Bank und weinte in sich hinein, hemmungslos, zuckend, verzweifelt. Zwei Beete mit Kartoffeln haben oder nicht, hier bedeutet es Leben.

Die Untergrundbahn war gerammelt voll. Sie fährt in den gestraften Westsektoren in weiten Abständen und auch nur wenige Stunden am Tage. Der Weg zur Arbeit, falls sich der noch lohnt, ist mit Schweiß und blauen Flecken gepflastert. Einer hatte einen schweren Koffer direkt an der Tür postiert, so daß ein auf Krücken hereingedrängter Invalide darüber zu Fall kam. Er fiel. Schrie auf. Der Zug ruckte an. Man hob den Versehrten auf einen freigemachten Sitz. Da sah ich, wie, ohne eine Warnung zu geben, ein junger Mann die Tür noch einmal öffnete. Er setzte seinen Fuß an den Koffer des rücksichtslosen Besitzers und stieß in hinaus in einer sachlichen Wut. Nichts ergab sich. Der Besitzer schwieg, denn die Stimmung war gegen ihn in einem solchen Maße, daß er sich nicht traute, ein Wort zu sagen. Eine böse Rücksichtslosigkeit war wortlos korrigiert. Der Zug fuhr weiter.

Sie lesen Zeitungen. Sie wissen, daß Politiker tatsächlich ihr Schicksal ist. Die Blätter brauchen zwei lange Seiten an ihren Köpfen, um die Zahlungsweisen, die in der durch den permanenten Währungswirrwar zerpflückten Stadt möglich sind, zu erklären. Man befindet sich wieder einmal auf dem Währungstreck nach dem Osten. Man zieht aus mit Stühlen, mit Broten , mit Flaschen und Kissen. Ein ganzer Tag des Wartens ist wieder fällig. In später Nacht kehren die heim, erschöpft, verärgert. Wenn sie Glück haben, werden sie die alten "Tapetenmark" in die neue "Tscherwonze" umgewechselt haben. Und viele von Ihnen sind nun schon den dritten Tag unterwegs. Es ist das vierte Mal nach dem Kriege, daß der Schnitt durch ihr Geld geht. Man ist verwundert, wenn noch einiger Lebensmut in diesen Gesichtern zu finden ist.

Erschreckende Erfahrung, als ich in eine Menschenmenge hinter der Potsdamer Straße hineingeriet. Es passierte nichts. Der ganze kleine Schleichhandel fand hier statt. Drei Scheiben Weißbrot gegen eine Zigarette. Ein Würfel Schokolade gegen eine Handvoll Obst. Lemuren gingen um. Diese Stadt hat vier Schichten von Lebewesen. Die Besatzungsmächte, eine Welt für sich. Den höheren Wohlstand, eine Klasse aus Schiebern, Verdienern, Intellektuellen und Bessergestellten. Eine Klasse der Arbeitenden, die verdammt sind, auf ihre Karten zu leben.

Um dann diese, die Lemuren. Sie kommen selten aus ihren Verstecken. Man sieht sie nicht, wenn man sie nicht sucht. Gestalten horribelsten Elends. Ein schweigendes Gewoge von Armut, das zu beschreiben der vereinigten Feder eines Zola, eines Dostojewski, eines Kafka und der Klagefähigkeit eines Hiob bedürfte. Alte, Kinder, junge Mädchen, vernachlässigte graue Frauen. Die Hitze hat sie aus ihren Behausungen getrieben und der Hunger. Man denkt, nie wieder lachen zu können, hat man diese gesehen. Weiß, von einer krabbelnden Leblosigkeit, verhängt und insgeheim anzusehen, als höbe man im Walde einen Stein unter dem sich bleiches Geziefer und Gewürm plötzlich bewegt. Über ihre Köpfe geht die Politik der großen Mächte hin. Ihnen gilt der Blockadeangriff nach dieser Stadt. Ihnen zu Häupten ertönt das permanente Gesurre der Flieger.

"Komisch", sagte ein junger Mann neben mir und faltete seine Zeitung zusammen, "komisch, nun schlagen sie uns alle wohlwollend auf die Schulter. Und in den Reden sagen sie in aller Welt, daß wir eine "heldenhafte Bevölkerung von Berlin" sind. Schon wieder heldenhaft - und wir können gar nicht dafür. Und wir wollen's gar nicht. Bloß uns nicht für doof verkoofen lassen. Bloß daß uns die Brüder von drüben", und sein Daumen deutet östlich, "nicht untern'n Hacken kriegen... wat is da heldisch, daß man sich nichts gefallen läßt. Pathos ist auch jetzt erfrischend suspekt. Daß sie weiter machten, darin besteht die Tat dieser Menschen.

Am späten Nachmittag, mit dem Aussetzen aller Untergrund- und Straßenbahnen, fällt die Stadt in Dörfer auseinander. Nach sechs Uhr wächst das Gras zwischen den Pflastersteinen. Es surrt uns zu Häupten, es donnert in nicht abreißender Kette. Aber hier unten ist es still. Wenn es dunkel wird, macht man sich auf. Man geht um die Ecke, an der die Radiowagen zu bestimmter Zeit halten, redet, wartet, diskutiert und hört dann die scheppernde Stimme der Ansager, wie sie das Neueste, neben dem Wagenfahrer sitzend in ihr Mikrophon sprechen. Lautlos stehen die Menschen in der völligen Dunkelheit. Sie hören fast atemlos zu, denn sie wissen wie jeder Tag gefährliche oder die rettende Wendung bringen kann. Sie stehen unter den Blättern der Bäume und lauschen. Schon wenn die letzte politische Nachricht vertönt ist, wenden sie sich ab und lösen sich auf. Der Rest betrifft sie nicht mehr. Das wollen sie nicht wissen. Sie tappen sich durch die Dunkelheit in ihre dunklen Stuben. Gestrafte ohne Schuld

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: Friedrich Luft
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland, Ökonomie, Währung, Währungsreform, Alltag, Mensch
Aktualisiert am: 06.02.2006
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