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Artikel

04.08.1948 | Die Neue Zeitung

Wie man mit der D-Mark lebt

NZ-Umfrage über monatliche Lebenshaltungskosten in der Bizone

Die folgende Umfrage der ,,Neuen Zeitung" wurde bei je einer Arbeiter-, Beamten- und Angestelltenfamilie sowie bei freiberuflich Schaffenden in einer Groß- und einer Kleinstadt sowie in einer Landgemeinde durchgeführt. Jede Familie stellt detaillierte Angaben über ihre Einnahmen und Ausgaben während des ersten Monats nach der Währungsreform zur Verfügung. Eine ähnliche Darstellung über die Lebenshaltungskosten und Verdienste der Bauern wird folgen.

Heute - am Ende des ersten Monats der neuen Währung macht sich jeder Verdiener jede Hausfrau eine Bilanz über die nach der Währungsreform völlig veränderten Lebenshaltungskosten. Die von der ,,Neuen Zeitung" befragten Familien kamen bis auf wenige Ausnahmen mit den in DM zur Verfügung stehenden Geldern aus, allerdings mußten meist auch die Reste der ,,Kopfquote" zu Hilfe genommen werden, um die allerdringendsten Anschaffungen zu ermöglichen.

Verdienst und Ausgaben der Arbeiterfamilien mit zwei bis drei Kinder bleiben sich - ob sie in einer Groß- oder Kleinstadt leben - ziemlich gleich. Der Verdienst schwankt zwischen 180 und 220 DM. Die Ausgaben, für Lebensmittel auf Marken, Gemüse und Obst schwanken zwischen 90 und 160 DM. Verhältnismäßig hoch sind in allen Haushaltskassen die Ausgaben für Tabakwaren veranschlagt, sie belaufen sich bis zu 30 DM. Unter den Neuanschaffungen taucht bei allen Familien regelmäßig der Kamm, das Stopfgarn und das Gummiband auf.

Die Familie eines Maschinenarbeiters in Frankfurt zählt unter den für 79 DM angeschafften Kleidungsstücken ein Paar Damenschuhe, ein Paar Damenstrümpfe, Herrensocken, Kinderschlüpfer, ein Paar Hosenträger und Trainingsanzüge für die Kinder auf. Die in Erlangen befragte Arbeiterfamilie konnte außer Kinderstrümpfe, einem Taschentuch und einem Oberhemd noch keine der dringenden benötigten Neuanschaffungen machen. Familien mit Kindern kauften fast immer Kinderschuhe. Es ist auffällig, daß in den Aufstellungen aller Befragten die Vereinsbeiträge, Kirchenspenden, Zeitungsgelder, Versicherungspolicen und andere Verpflichtungen pünktlich aufgeführt werden.

In allen Haushalten wurden Anschaffungen für den Haushalt, wie Bürsten, Töpfe, Siebe, Tassen, Teller und Gläser durchschnittlich im Wert von 20-30 DM als besonders dringend empfunden. In keiner der befragten Familien wurden bisher Heizvorräte für den Winter angeschafft; anscheinend blieb dafür kein Geld übrig. Die befragten Arbeiterfamilien sind mit der Währungsreform zufrieden; sie sind froh, sich für ihr Geld die notwendigsten Utensilien kaufen zu können, befürchten aber durchweg ein Ansteigen der Preise und eine neuerliche Lähmung ihrer Kaufkraft.

Die Einkünfte der befragten Angestellten schwanken zwischen 260 und 400 DM.

Die Ausgaben verteilen sich wesentlich anders als bei den zuvor besprochenen Familien. Fast ausschließlich wurden größere Summen für Einmachobst ausgegeben. 5-20 DM tauchen für kulturelle Bedürfnisse, Theater, Konzert, Bücher und so weiter auf. Auch Möbelstücke, Betten und Schränke wurden - zum Beispiel von einer Angestelltenfamilie mit einem Nettogehalt von 270 DM für 166 DM - erworben. Die in Frankfurt befragte Angestelltenfamilie konnte, wie viele andere Gartenbesitzer auch, aus dem Verkauf von Obst und Gemüse sich zusätzlich bis zu 100 DM verdienen. Im allgemeinen glichen sich auch bei den befragten Angestelltenfamilien Einnahmen und Ausgaben (unter Zuhilfenahme der Kopfquote) aus.

Einem Erlanger Angestellten gelang es bei sparsamem Wirtschaften, noch für ungefähr 30 DM die Wohnung instand setzen zu lassen und größere Ausgaben für das erwartete Baby zu machen. Er wohnt allerdings in einer Kleinstadt und das Leben verursacht ihm keinerlei Fahrtkosten.

Als besonderes Kuriosum und als Beispiel für die sprichwörtliche schwäbische Sparsamkeit sei der Fall eines städtischen Angestellten erwähnt, der am 15. Juli entlassen wurde und mit Frau und Kindern in einer kleinen Landstadt bei Stuttgart lebt. Seine Frau verdient zusätzlich durch etwas Schneiderei; der Gemüsebedarf wächst im eigenen Garten. Zusammen mit dem Kopfgeld standen 370 DM zur Verfügung, von denen nur 97,50 DM verbraucht wurden. Unter den Ausgaben ist nach der Miete der größte Betrag - 10 DM - für Klavierstunden angesetzt. Obgleich der 46 jährige Hausherr noch nicht weiß, ob und wann er wieder Arbeit finden wird, möchte er doch auf diese Freude nicht verzichten.

Unter den befragten Beamtenfamilien schien die Bilanz eines bayerischen Ministerialrates mit zwei erwachsenen, ihren Studien nachgehenden Kindern sehr wenig hoffnungsvoll. Am Ende der detailliert aufgeführten Ausgaben schreibt die Hausfrau: ,,Alle wichtigen Anschaffungen im Haushalt, zum Beispiel etwas Wäsche, eine Hose für den Sohn, Kochtopf, Pfanne, Reparaturen im Haus (nach neun Jahren!), Holz und Kohle für den Winter, konnten oder können nicht angeschafft werden. Vom Besuch eines Konzertes, Theaters, einer Wochenendfahrt oder dem Kauf eines Buches ganz zu schweigen."

Alle Familien der angeführten Berufsgattungen haben ganz bestimmte Pläne für die nächsten Anschaffungen, die ihnen auf Grund fester Gehälter in den kommenden Monaten aller Voraussicht nach möglich sein werden. Ganz anders sieht es bei den ,,freiberuflich Schaffenden" aus, die, selbst Ärzte mit Privatpraxis, immer noch ungewiß in die Zukunft schauen. Ein Arzt mit zwei Kindern in einer Kleinstadt verdient im Juni dieses Jahres 1022 Reichsmark und im Juli 140 DM. Die Zahl seiner Patienten hat sich allerdings nicht verringert, aber der Doktor will mit Rücksicht auf die allgemeine finanzielle Lage seiner Patienten nicht mit Forderungen drängen. Es war ihm nicht möglich, die Miete sowie die Strom-, Gas- und Telephonrechnungen zu begleichen. Unter den sauber addierten Einnahmen und Ausgaben dieses Monats steht geschrieben: ,,Ich habe den Krieg überstanden und werde auch die Währungsreform überstehen!" Interessant erscheint uns die Bilanz einer Kriegerswitwe mit einem fünfjährigen Kind. Es war ihr in den letzten Jahren gelungen, in ihrem völlig verboten Mietshaus drei kleine Wohnungen, für die sie monatlich 68 DM Miete erhält, selber auszubauen. 30 DM erhält sie Rente und 80 DM verdient sie sich durch Nähen, Waschen, Bügeln. Insgesamt standen ihr 223 DM zur Verfügung, von denen sie 113 DM für Lebensmittel und über 20 DM für schwarzgekauften Kaffee und Fett ausgab. Sie erwarb sich ein elektrisches Bügeleisen, Einmachgläser und ,,Sonstiges" und hatte zum Schluß noch 31,10 DM übrig. Sie sieht zufrieden in die Zukunft.

Bei den ,,Freiberuflichen" mehren sich die Ausgaben für schwarzen Kaffee und schwarze Zigaretten. Im Ausgabenbuch eines Schauspielers steht neben einer besonders hohen Summe verschämt zu lesen: ,,Gönne dir was, auch wenn du in Not bist! - Was hast du vom Leben, wenn du erst tot bist." Besonders schwierig gestaltet sich die Existenz eines Frankfurter Malers, der seine Mutter und einen studierenden Bruder mit zu versorgen hat. Alle Aufträge vor der Währungsreform wurden auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Kassenbestand für drei Personen betrug am 1. Juli 169 DM, und setzt sich aus 103 DM Kopfquote, 38 DM Versehrtenrente und einem Mietrest zusammen. Für Lebensmittel wurden 74 DM ausgegeben und nur 15 DM für billige Farben. Obgleich beide Brüder leidenschaftliche Raucher sind, wurde keine amerikanische Zigarette gekauft. Durch Verkauf von Obst und Blumen aus dem Garten wurden 101 DM verdient.

Erwähnt sei noch das Ausgabenbuch eines Journalisten, der von seinem Gehalt von 500 DM 120 DM seiner Frau schickte, die Miete zahlte und dann folgende Ausgaben notierte: Fünf Flaschen Wein zwecks Feier der Währungsreform 20 DM. Zwei Stangen Ami-Zigaretten 70 DM, zwei Pfund Fett 30 DM, ein Pfund Käse 5 DM, für Obst 18 DM, Essen im Restaurant 150 DM, Hemdenstoff 22 DM, 20 Eier 10 DM, Offenbacher Lederschuhe 50 DM. Am 31. Juli 268 Schulden und der Entschluß, auf den vierwöchigen Urlaub zwecks Zahlung eines Monatsgehaltes, zu verzichten.

Gesondert seien noch die Ausgaben für Schwarzmarktware notiert, die sich im allgemeinen in der amerikanischen Zone in mäßigen Grenzen bewegen, in der britischen Zone jedoch recht beträchtlich sind. Einmal sehen sich Berg- und Schwerarbeiter gezwungen, Zulagekarten auf dem Schwarzen Markt zu verkaufen und zum anderen kauft zum Beispiel eine vierköpfige Düsseldorfer Angestelltenfamilie im Laufe von vier Wochen vier Pfund Butter für 58 DM, neun Pfund Fleisch und Wurst für 36 DM und zwei Pfund Käse für 8 DM. (Aber selbst bei diesen Ausgaben betrug der Tagesverbrauch pro Kopf nur rund 40 Gramm Fett und 45 Gramm Fleisch.)

Aus allen Aufstellungen geht deutlich hervor, daß bisher noch fast keine Familie an Sparen denken kann und auch - wie durch Fragen festgestellt wurde - noch kein restloses Vertrauen zur neuen Währung besteht.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland, Ökonomie, Währung, Währungsreform, Statistik, Alltag, Mensch, Versorgung, Logistik, Güter, Transport, Lebensmittel
Aktualisiert am: 06.02.2006
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