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Artikel

07.08.1948 | Die Neue Zeitung

Ernährungskrise ist überwunden

1846 Tageskalorien im September - OMGUS kündigt weiter Importe an

Berlin (NZ). - In der regulären Sendereihe der amerikanischen Militärregierung über die amerikanische Militärregierung über die Sender der US-Zone erklärte ein Sprecher der Militärregierung am 5. August, daß sich die Ernährungslage in Westdeutschland allmählich in solchem Ausmaße gebessert habe, daß der Albdruck, der seit 1945, besonders in den Wintermonaten, auf der Bevölkerung lastete, gewichen sei. Im Monat Juli sei in den vereinigten Westzonen die höchste Lebensmittelration seit Kriegsende zur Verteilung gekommen. Jetzt habe auch die Einfuhr aus den Niederlanden und Italien begonnen, die im Rahmen des ERP finanziert werde. Lebensmittel würden aber auch aus anderen europäischen Ländern importiert werden. Ferner seien Abschlüsse auf Lieferungen von Bohnen aus Portugiesich-Ostafrika, von Sesamöl zur Margerienefabrikation aus der Türkei und von 3000 Tonnen Kopra aus dem holländischen Kolonialgebiet in Ostindien unterzeichnet worden.

"Deutschland ist in den Anfängen, wieder zu einem Mittelpunkt rührigen Welthandels zu werden, wie in glücklicheren Tagen. Es werden aber noch einige Jahre vergehen, bis dieses Ziel erreicht ist." Wenn auch für viele Millionen Menschen in den vereinigten Westzonen diese Auswirkungen heute noch eine Zukunftshoffnung seien, die Industrie sich noch in einem Prozeß der Anpassung befände, ein Mißverhältnis zwischen Löhnen und Preisen noch bestehe und sich auch noch der schmerzliche Verlust eines wesentlichen Teiles der Ersparnisse auswirke, so würden doch diese Schwierigkeiten eines Tages überwunden werden. Sie seien "unvermeidliche Begleiterscheinungen bei jeder Währungsreform, die scharf genug eingreift, um wirklich Erfolg zu bringen."

In der Ostzone hätten sich dagegen die schlechten Verhältnisse noch weiter verschlechtert. Entweder stände die Zuteilung auf dem Papier oder der Verbraucher erhalte Lebensmittel, wie beispielsweise Milch, überhaupt nicht zugeteilt. Gleichzeitig mit der Verkündung der Augustzuteilung in der Ostzone höre man außerdem, daß viele Kartenabschnitte, die bereits im Juli fällig gewesen seien, jetzt erst beliefert werden sollen. "Und auf dem Rücken der Sowjetzone macht die SMA ihr Propagandaversprechem, ganz Berlin ernähren zu wollen. Die Berliner würden natürlich eine solche zusätzliche Ernährung begrüßen. Aber die Bevölkerung der Hungerzone - der sowjetischen Besetzungszone - benötigt die Lebensmittel noch weit dringender."

"Der Marshall-Plan macht die Hilfsquellen der Welt Westdeutschland zugänglich, während Ostdeutschland in der bolschewistischen Sphäre des Ostens hermetisch abgeschlossen ist. Aber es ist nicht daran zu zweifeln, daß der Fortschritt, der in den Westzonen zu verzeichnen ist, sich auch auf die Ostzone auswirkt." Die westliche Initiative schreibe dem Osten das Tempo vor, und "in dem Maße, in dem sich im Westen die wirtschaftlichen Verhältnisse bessern, wird der Druck der Konkurrenz die SMA vor die Notwendigkeit stellen, ihre Politik radikal zu ändern".

Die Festsetzung der täglichen Grundlebensmittelration auf 1846 Kalorien, die Neuregelung des Zulagewesens und den Wegfall der Normalarbeiterkarte kündigte am 5. August die Verwaltung für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (VELF) für den Monat September an. (Nach dem letzten Halbmonatsbericht der US-Militärregierung haben die Rationen im Juli 1990 Kalorien betragen gegenüber 1450 Kalorien im vergangenen Jahr.) Im Monat September sollen ausgegeben werden: Brot 11000 Gramm, Fett 625 Gramm, Fleisch 400 Gramm, entrahmte Milch 3000 Gramm, Nährmittel 1500 Gramm, Kartoffel 15 000 Gramm, Fisch 1000 Gramm, Zucker 1500 Gramm, Käse 125 Gramm, Kaffee-Ersatz 125 Gramm. Trockenfrüchte können im September nicht verteilt werden, doch sei damit zu rechnen, daß die Ausgebe von Trockenfrüchten spätestens im Dezember wieder aufgenommen werde.

Die VELF teilt mit, daß der neuen Regelung, die eine Verlagerung der gewerblichen Zulagen auf die Normalverbraucherkarte nach sich zieht, folgende Erwägung ausschlaggebend war: Es ist für einen Familienvater, der eine Zulage erhält, besser, wenn die Ration der gesamten Familie erhöht wird, anstatt daß er allein eine Zulage erhält.

Weiter wird, wie die "Neue Zeitung" erfährt, die Einfuhr von 5000 Tonnen Kakao im September angekündigt. Es wird darauf hingewiesen, daß mit diesem Ankauf der Deutschen Schokoladenindustrie zum erstenmal seit Beendigung des Krieges die Möglichkeit zur Verarbeitung von Rohkakao gegeben werde. Über die Verteilung der Einfuhren sollen am 12. August Besprechungen zwischen den einzelnen Ländern stattfinden.

Wie die VELF ferner mitteilt, habe der Direktor für Ernährung, Dr. Hans Schlange-Schöningen, am 27. Juli vor dem Internationalen Notstandsernährungsrat in Washington erklärt, daß zur Aufrechterhaltung der gegenwärtigen Brotration und zur Bildung einer Zweimonatsreserve weitere Einfuhren in die Bizone notwendig seien. Außerdem sei die zusätzliche Einfuhr von mindestens 500 000 Tonnen Futtergetreide zum Wiederaufbau der deutschen Viehbestände unerläßlich. Er habe weiter Maßnahmen vorgeschlagen, die es deutschen Geschäftsleuten ermöglichen sollen, ihre Waren frei in andere Länder zu verkaufen. Dr. Schlage-Schöningen werde am 11. und 12. August vor dem Plenum des Internationalen Notstandsernährungsrates in Winnipeg die deutschen Interessen offiziell vertreten.

(Einem SDP-Bericht zufolge hat eine Kommission amerikanischer und britischer Ernährungsfachleute, die im Juni in der Bizone Untersuchungen anstellte, um US-Kriegsminsterium empfohlen, die Lebensmittelzuteilungen für die nicht auf dem Lande lebende deutsche Bevölkerung gegenüber dem damaligen Stand zu erhöhen, um die Wiederherstellung der Produktionskapazität Deutschlands als Teil des europäischen Wiederaufbaus sicherzustellen. Die Folgen der mangelhaften Ernährung während der letzten drei Jahre stellten noch immer eine ernste Behinderung der Arbeitsfähigkeit dar. In den am 5. August veröffentlichten Untersuchungsergebnissen heißt es, daß im Gegensatz zur Stadtbevölkerung der größte Teil der deutschen Bauern und Landbewohner ebensogut ernährt sei wie vor dem Kriege. Das durchschnittliche Körpergewicht von schulpflichtigen und jüngeren Kindern sei fast das gleiche wie das Standardgewicht amerikanischer Kinder. Der allgemeine Gesundheitszustand sei zufriedenstellend.)

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Währung, Währungsreform, Geldumtausch, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland
Aktualisiert am: 06.02.2006
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