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Artikel

14.08.1948 | Die Neue Zeitung

Flüchtlinge, Rentner, D-Mark

Sorgen um die Zukunft nehmen zu

In Nr. 62 und 63 berichtete die "Neue Zeitung" über die Lebenshaltungskosten nach der Währungsreform von Personenkreisen, die ein einigermaßen geregeltes Einkommen haben. Heute sollen die Aufstellungen der Flüchtlinge, Rentner und Schwerbeschädigten folgen.

Die Bilanzen der Flüchtlinge, Rentner und Schwerbeschädigten, die seit mehr als sechs Wochen ausschließlich von 40 D-Mark Kopfquote und einer bescheidenen Unterstützung leben müssen, sehen wesentlich anders aus als die der Lohn- oder Gehaltsempfänger:

Im allgemeinen wurde festgestellt, daß unter den Flüchtlingen die Zahl der Arbeitslosen und die Sorgen um die Zukunft sehr zugenommen haben. Eine sechsköpfige Flüchtlingsfamilie zum Beispiel, die früher in Schlesien einen großen Bauernhof besaß, lebt jetzt in einem kleinen fränkischen Dorf und besaß nach der Währungsreform außer dem Kopfgeld noch 100 D-Mark Unterstützungsgeld. Der Mann ist sogenannter "Siedlungsanwärter" und verdiente bis zu Geldumstellung mit Schreibmaschinenarbeiten einige Pfennige. Der älteste Sohn ist Lehrling, zwei Kinder fahren täglich mit der Eisenbahn nach Bamberg ins Gymnasium. Die Ausgaben der Familie beliefen sich für Brot auf 19 D-Mark im Monat, für das Fahrgeld zur Schule 8 D-Mark, für Miete auf 20 D-Mark, Krankenkasse auf 10 D-Mark und anderthalb Zentner Kartoffeln auf 18,50 D-Mark. Für Fleisch, Käse und Nährmittel blieben dann noch 25 D-Mark übrig. - Eine alte Frau aus Pommern verdiente sich bisher zu ihren 20 D-Mark Rente durch Kräutersammeln einen kleinen Zuschuß. Nach einer neuen Verfügung jedoch dürfen Kräuter nur noch getrocknet abgeliefert werden und da sie keinen Platz zum Trocknen hat, mußte sie ihre Sammelarbeit aufgeben.

In einer anderen Flüchtlingsfamilie in Oberbayern verdient die 55 jährige Frau durch Nähen von Schürzen für 25 Pfennig pro Stück monatlich etwa 60 D-Mark. Der 64 jährige Mann war bis zur Währungsreform halbtägig in einen Philatelistisch-Graphischen Institut tätig. Das Sparkassenbuch wurde von 1200 Reichsmark auf 6 D-Mark entwertet. - In der Umgebung Kaufbeurens leben 8000 bis 10 000 Flüchtlinge, die aus ihrer Heimat die "Gablonzer Schmuckindustrie" mitgebracht haben, die nach der Währungsreform sofort zum Stillstand kam. Die arbeitslosen Flüchtlinge leben zum großen Teil von der Kopfquote und warten mit Bangen auf die Auszahlung der restlichen 20 D-Mark.

Besonders hart sind auch die Witwen von der Währungsreform betroffen. Ihre Renten sind zusammengeschrumpft und an Geldverdienen ist wegen zahlreicher Kinder meist nicht zu denken.

Auch den Alten und Invaliden geht es nicht viel besser: Ein 74jähriger Sozialrentner in Augsburg erhält zusammen mit seiner Frau eine Rente von 70 D-Mark. Nach Abzug der Miete Radio- und Zeitungsgebühren bleiben ihm noch 53 D-Mark zum leben. Ein anderer Rentenempfänger erhält 80 D-Mark und lebt seiner Frau mietfrei in einem Stift. Für Lebensmittel Licht und Versicherungen hat er 128 D-Mark unter Zuhilfenahme der Kopfquote ausgegeben.

Andere Fürsorgeempfänger erhalten nur etwa 30 D-Mark, einen Betrag, der in der Reportage der "Neuen Zeitung" in Nr. 62 von einem Arbeiter für die monatlichen Ausgaben an Tabakwaren angegeben war. - Eine Rentnerfamilie in Frankfurt kann sich mit 53 D-Mark Unterstützung nur die "billigen" Lebensmittel kaufen. Trockenfrüchte, Weißmehl und Sonderzuteilungen fallen weg. Seit der Währungsreform trägt der Mann nur einen alten blauen Kittel Hemd Unterhose und Strümpfe werden gespart. Ein Schrebergarten deckt den Eigenbedarf an Gemüse und Kartoffeln und gelegentliche leichte Feldarbeit bringt ein paar Pfennige für den Kauf von Tabak ein. Ein anderer Rentner hat nach Abzug von Miete, Gas und Wasser und Krankenkasse noch 38 D-Mark für Essen und Kleidung übrig. Er hilft einem Gärtner beim Verkauf von Gemüse und erhält dafür Naturalien. Er meint, daß er im Winter wohl den halben Monat im Bett liegen müsse, da er sich keine Kohlen kaufen könne; seine Fettmarken werde er gegen Brotmarken tauschen, da das Fett zu teuer sei.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland, Ökonomie, Währung, Währungsreform, Versorgung, Logistik, Güter, Transport, Statistik, Alltag, Mensch, Lebenshaltung, Ernährung, Lebensmittel, Kosten
Aktualisiert am: 06.02.2006
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