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Artikel

21.08.1948 | Die Neue Zeitung

Hungernde streiken in Ostzone

Zwangslieferungen für Berlin verursachten Verzweiflungschritt

Zwangslieferungen für Berlin verursachten Verzweiflungschritt

Berlin (NZ). - Es mag sein, daß das Getreide jetzt aus dem Osten eintrifft, wirklich aus der Sowjetunion stammt, und daß man wirklich die Absicht hat, Fett aus der Sowjetunion zu liefern und nicht nur aus deutschen Beständen. Sicher ist aber, daß die sowjetischen Verwaltungsstellen, nachdem sie die Blockade über Berlin verhängt und das Versprechen abgegeben hatten, ganz Berlin mit Nahrungsmitteln zu beliefern, zunächst Lebensmittel aus der hungernden Ostzone nach Berlin brachten. Die deutschen Stellen, die die sowjetischen Befehle in der Ostzone durchzuführen hatten, Ware so unvorsichtig, die Beschlagnahme und den Abtransport von Lebensmitteln mit der Notwendigkeit zu begründen, daß Berlin diese Nahrungsmittel brauche.

Arbeiter erzwingen Belieferung

Wie in anderen Städten, wurde auch in Magdeburg das Mehl wegen des Abtransportes knapp. Es war dort seit längerem üblich, daß bereits fünf tage vor Ablauf einer Dekade die neuen Brotmarken beliefert werden konnten. Dieser Vorgriff wurde durch amtliche Anordnung ausdrücklich auch für August gestattet, und dementsprechend war die Ausgabe der neuen Lebensmittelkarten für den 25. Juli angesetzt worden. "Wegen technischer Störungen erfolgt die Ausgabe der Lebensmittelkarten erst in den Nachmittagsstunden des 30. Juli", hieß es aber dann auf einmal in dem amtlichen Mitteilungsblatt. Es war also nichts mit dem Vorgriff.

Da die meisten Einwohner der Stadt ihre alten Marken längst abgekauft hatten, sollten sie also fünf tage lang auf Brot verzichten. Am 28. Juli erschien daraufhin im großen Werk von Krupp-Gruson ein Viertel der Belegschaft nicht zur Arbeit, und am folgenden tage fehlten noch einige hundert Arbeiter mehr. Die Behörden mußten nachgeben und Brot verteilen lassen; auf wessen Kosten dies geschah ist unklar. Ein Vorgriff auf die zweite Augustdekade war offiziell verboten worden.

Nun entschlossen sich die Arbeiter im Krupp-Gruson und in der SAG (vormals Schäffer und Buddenberg) zu einem Sitzstreik; sie hatten den Erfolg, daß der Vorgriff immerhin vom 9. August an wieder gestattet wurde. Streik in der Ostzone! Die Verzweiflung muß schon seht groß gewesen sein, daß die Arbeiter vor den möglichen Folgen weniger Angst hatten als vor dem Hunger.

Wir in Magdeburg so ist es in fast allen Städten und Dörfern Ostdeutschlands. Selbst die Presse der SED kann nicht mehr darüber schweigen. In manchen Gemeinden gibt es seit Monaten überhaupt kein Fett mehr, sondern statt dessen nur Zucker. Am 3. August stellte die "Leipziger Volkszeitung" fest, daß die Bevölkerung seit drei Wochen kein Fleisch oder Fett und nicht einmal Austauschprodukte dafür erhalten habe. Wie üblich, versucht die bolschewistische "Selbstkritik" Sündenböcke zu finden, um von den wahren Ursachen der Ernährungskrise abzulenken.

Trotz der katastrophalen Ernährungslage gab man das Versprechen, demnächst die Rationen um täglich 150 bis 200 Kalorien zu erhöhen. Das ist wenig: neben einem Teelöffel voll Zucker noch eine Scheibe Brot und zwei mittelgroße Kartoffeln. Aber trotzdem ist diese Zusage nach Ansicht nichtkommunistischer Ostzonen-Fachleute leichtsinnig, zumal nicht einmal feststeht, ob es sich bei den sowjetischen Lieferungen nicht etwa bloß um "Leihgetreide" handelt, das nach dem Ausdrusch der jetzigen Ernte mit Aufschlag zurückgeliefert werde muß. Man trifft jedoch auf eine typische weise Vorsorge, das Versprechen der Form nach innezuhalten. Man spart jetzt einfach ein.

Schwerarbeiter werden zu Arbeitern und Arbeiter zu Normalverbrauchern degradiert. Sollten diese Rationskürzungen dann vielleicht wieder einmal ausgeglichen werden, so nennt man das "Verbesserung der Ernährung" und braucht im ganzen doch nicht mehr zu verteilen als vorher.

"Qualitätswaren"

Der grausame Hunger ist zu Zeit zweifellos die schwerste Sorge der ostdeutschen Bevölkerung. Man führt als Hauptentschuldigung stets die schlechte Ernte des vergangenen Jahres an, aber die seit drei Jahren angeblich planmäßig gelenkte Industrieproduktion, deren gute Ergebnisse so laut gepriesen werden, scheint in Wirklichkeit auch sehr große Mängel zu haben. Über Industriewaren, die "den berechtigten Anforderungen nicht genügten", schrieb die "Lausitzer Rundschau" am 11. August folgendes:

"Da waren aus Windelmull Kinderschürzen hergestellt worden, aus Verbandmull Gardinen, und Strohsackstoff wurde durch Färben und Bedrucken zu Dekorationsstoff. Aus Stoffen, die für Zuckersäcke geeignet gewesen wären, waren Herrenjacken angefertigt worden... Arbeitsanzüge aus Material, das nach einmaliger Wäsche so zusammenschrumpfte, daß die Anzüge nur einem Kinde paßten. Lackierte Eßlöffel, Brotschneider, die schon vor der Ingebrauchnahme verrostet waren... Wäschetruhen aus Pappe zu einem Herstellerpreis von 36 Mark und viele andere unzulängliche Gebrauchsgüter rundeten das Bild ab".

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland, Versorgung, Logistik, Güter, Transport, Streik, Notlage, Hunger, Alltag, Mensch
Aktualisiert am: 06.02.2006
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