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Artikel

21.08.1948 | Die Neue Zeitung

Ostpolizei schießt auf Berliner

Bevölkerung wehrt sich durch Steinwürfe - SED-Trupp verprügelt

Berlin (NZ). - Zu blutigen Zwischenfällen kam es am 19. August auf dem Potsdamer Platz, Schnittpunkt der amerikanischen, britischen und sowjetischen Sektorengrenze, als die unter kommunistischer Leitung stehende Polizei des Ostsektors zur Zeit des Berufsverkehrs in den späten Nachmittagsstunden eine Razzia gegen Schwarzhändler durchführen wollte.

Die Ostpolizei ging hierbei rücksichtslos gegen die Bevölkerung vor, ohne einen Unterschied zwischen Schuldigen und Unschuldigen, Schwarzhändlern und Werktätigen zu machen. Als die Polizisten versuchten, in den britischen und amerikanischen Sektor einzudringen, wurden sie von der empörten Menge, die sich über die Sektorengrenze zurückgezogen hatte, Steinwürfen empfangen. Der kommunistische ehemalige Kommandeur der Schutzpolizei, Rudolf Wagner, gab darauf den Befehl, das Feuer zu eröffnen. Mehrere Personen wurden verletzt.

Die Auseinandersetzungen hatten um 18.20 Uhr begonnen. Nachdem die Ostpolizei das Feuer auf die Menge eröffnet hatte, nahm die Bevölkerung eine noch drohendere Haltung ein. Immer mehr Steine flogen über den Platz. Die Ostsektorenpolizei mußte sich wieder über die Sektorengrenze zurückziehen.

Gegen 18.35 Uhr erschienen Polizisten der rechtmäßigen, in den Westsektoren stationierten Polizei und versuchten, die Ordnung wieder herzustellen. Die Menge war jedoch nicht zu beruhigen. Zwei Mannschaftswagen der Ostpolizei wurden mit einem Steinhagel empfangen; außerdem wurde versucht, sie umzustürzen. Um 18.45 Uhr trafen schließlich amerikanische und britische Militärpolizei ein, die von der Bevölkerung mit Beifall begrüßt wurden.

Die Ostpolizei gab unter dem Eindruck der drohenden Haltung der Bevölkerung einen erneuten Versuch auf, die Sektorengrenze zu überschreiten und Menschen zu verhaften. Um 20.00 Uhr war die Ruhe wieder hergestellt.

Inzwischen hatten sich mehrere tausend Personen auf der britischen und amerikanischen Seite des Potsdamer Platzes versammelt. Als vom Gebäude der kommunistischen Konsumgenossenschaften im sowjetischen Sektor ein SED-Propagandatrupp mit roten Fahnen und Transparenten den Potsdamer Platz überqueren wollte, flammte die Empörung wieder auf. Die Menge griff den Propagandatrupp an, verprügelte die Kommunisten und zerriß Fahnen und Transparente. Nach und nach gelang es jedoch der westlichen Polizei die Menge zu beruhigen und die Ansammlungen zu zerstreuen.

Die amerikanische Militärpolizei bildete entlang der Sektorengrenze eine Absperrkette. Um 20.45 Uhr traf auch sowjetische Militärpolizei ein, die 15 Meter von den amerikanischen Posten entfernt in Stellung ging. Nach einer Dreiviertelstunde zogen sich die Sowjets wieder zurück. Gleichzeitig rückte auch die amerikanische Militärpolizei ab. Um 22.30 Uhr waren nur noch einige britische Militärwagen und Polizisten der Westsektoren auf der Westseite des Potsdamer Platzes.

Für die Westpolizei ist auf Grund dieser Vorfälle gegenwärtig Alarmstufe I befohlen worden. Oberst Frank L. Howley, der Direktor der amerikanischen Militärregierung, erklärte, er werde das Vorgehen der Ostsektorenpolizei untersuchen lassen. Er machte die sowjetische Blockade Berlins für den Zwischenfall verantwortlich, denn viele Leute seien - nun beschäftigungslos - gezwungen, sich ihren Lebensunterhalt auf dem Schwarzen Markt zu verdienen. Hinzu komme, daß die Ostpolizei von der Berliner Bevölkerung nicht respektiert werde. Der ehemalige Ostsektorenassistent und jetzige Leiter der Präsidialabteilung, Kurt Seidel, sei "bekanntermaßen ein Verbrecher". United Press hat hierzu erfahren, daß die amerikanischen und britischen Behörden in Berlin angeblich nicht beabsichtigen, wegen der Feuereröffnung durch die Ostpolizei bei den sowjetischen Militärbehörden zu protestieren.

Inzwischen führte sowjetische in Zusammenarbeit mit deutscher Polizei am 20. August eine neue Razzia am Potsdamer Platz durch, die ohne Zwischenfälle verlief. Die Briten hatten zur Aufrechterhaltung der Ordnung Truppen und Militärpolizei zum Potsdamer Platz entsandt.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: Peter Köhrer
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland, Recht, Polizei, Protes
Aktualisiert am: 06.02.2006
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