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Artikel

25.08.1948 | Die Neue Zeitung

Fünf Stunden Konferenz bei Stalin

Westbotschafter rechnen mit weiteren Besprechungen im Kreml

Moskau (AP). - Die Beauftragten der drei Westmächte waren offensichtlich guter Stimmung, als sie am 24. August um 01.40 Uhr Ortszeit den Kreml nach einer fast fünfstündigen Konferenz mit Generalissimus Joseph W. Stalin und Außenminister Wjatscheslaw M. Molotow verließen. Der Vertreter der USA, Botschafter Walter Bedell Smith, und der britische Beauftragte, Frank Roberts, erklärten vor Pressevertretern, daß wahrscheinlich noch weitere Konferenzen zu erwarten seien. "Wir sind immer optimistisch. Wir erwarten das Beste und bereiten uns gleichzeitig auf das Schlimmste vor", sagte Walter Bedell Smith, der nach den früheren Konferenzen immer nur kurz: "Kein Kommentar", geäußert hatte. Frank Roberts erklärte laut Dena/AFP: "Es sind greifbare Fortschritte erzielt worden."

Der Kernpunkt der letzten Besprechung im Kreml ist nach einem Bericht des diplomatischen Reuter-Korrespondenten die Frage der Berliner Währung gewesen. Tiefgehende Meinungsverschiedenheiten in diesem Problem könnten dazu führen, daß die Bemühungen der Westmächte, den Boden für Vier-Mächte-Verhandlungen vorzubereiten, fehlschlügen. Die Westmächte hätten deshalb einen so festen Standpunkt in dieser anscheinend technischen und lokalen Frage eingenommen, weil sie sie als eine wichtige prinzipielle Frage ansähen.

Sie hätten sich im Juli dieses Jahres bereit erklärt, die Sowjertmark als einziges Zahlungsmittel in Berlin anzuerkennen, sofern diese Anordnung von der Vier-Mächte-Behörde erteilt würde. Die Sowjets hätten jedoch darauf bestanden, die Angelegenheit unter ihre alleinige Kontrolle zu stellen. Noch am Vorabend der Moskauer Besprechungen, am 29. Juli, habe Außenminister Ernest L. Bevin den Standpunkt der Westmächte wiederholt.

Wie Reuter aus zuverlässiger Quelle erfährt, ist die Haltung der Westmächte in dieser Frage unverändert geblieben. Aus diesem Grunde sollen bereits die Moskauer Besprechungen in der vorigen Woche am Rande des Zusammenbruchs gestanden haben. Beobachter meinen, daß die Sowjets Berlin wirtschaftlich als einen integralen Bestandteil ihrer Zone ansähen, weil sie glaubten, ein Ausschluß der Westmächte von einer Beteiligung an einem gemeinsamen Berliner Währungsabkommen würde der erste wesentliche Schritt sein, sie von Berlin überhaupt auszuschließen. Die Westmächte haben dagegen auf einer gemeinsamen Vier-Mächte-Regelung in dieser Frage bestanden, weil sie vor allem ihr juristisch begründetes Recht auf Beteiligung an der Vier-Mächte -Verwaltung Berlins als einen wesentlichen politischen Faktor in ihren Beziehungen mit der UdSSR aufrechterhalten wollen.

Kabinettsrat in London

London (UP). - Das britische Kabinett trat am 23. August zu einer Sitzung zusammen, an der auch Bernard Lord Montgomery, der Chef des Empire-Generalstab, und die Chefs der Generalstäbe der drei Waffengattungen teilnahmen. Außenminister Ernest L. Bevin hatte vor der Besprechung dem Ministerpräsidenten Clement R. Attlee einen genauen Überblick über die Moskauer Verhandlungen gegeben. Bei der Besprechung des Kabinetts mit den militärischen Führern soll unter anderem erörtert worden sein, das britische Demobilisierungsprogramm einzustellen, falls die Moskauer Unterredungen zu keinem positiven Ergebnis führen.

Die Londoner "News Chronicle" glaubt, daß bei einem Scheitern der Verhandlungen das britische Parlament vor dem 13. September einberufen werden wird, um möglicherweise eine Regierungserklärung über die Verstärkung der britischen Besatzungstruppen in Deutschland entgegenzunehmen.

Paris hoffnungsvoll

Paris (DENA/AFP). - Der erste Eindruck, den die letzten Besprechungen zwischen den Westmächtevertretern und Stalin in internationalen diplomatischen Kreisen hinterließen, ist im allgemeinen günstig. Es wird insbesondere betont, daß im Falle eines Scheiterns der Verhandlungen sofort ein Kommuniqué veröffentlicht worden wäre. Daß die Besprechungen über Mitternacht andauerten, läßt nach Ansicht derselben Kreise auf Verhandlungsbereitschaft schließen. Man nimmt an, daß über eine gewisse Anzahl von Punkten eine Einigung erzielt wurde, während andere noch im Verlauf einer weiteren Besprechung geregelt werden müssen.

Die Ruhrfrage wurde nach Ansicht eines diplomatischen AFP- Korrespondenten nicht berührt. Es seien lediglich die Berliner Frage und die Londoner Empfehlungen für Westdeutschland erörtert worden.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland, Ökonomie, Währung, Währungsreform
Aktualisiert am: 06.02.2006
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