Pferdefuhrwerke
Pressearchiv
Bautechnik
Automobile
Schifffahrt
Zurück | Drucken

Artikel

28.08.1948 | Die Neue Zeitung

SED-Putsch in Berlin gescheitert

Foreign Office: Lage verschärft sich - Magistrat arbeitet weiter

Berlin (NZ). - Auch der zweite kommunistische Versuch innerhalb von zwei Tagen, durch Massendemonstrationen und Gewaltmaßnahmen den Berliner Magistrat zu stürzen und die Verwaltung der Stadt an sich zu reißen, blieb erfolglos. Die Stadtverordneten-Versammlung trat trotz Bedrohung durch 150 bis 200 Demonstranten am 27. August zu einer kurzfristigen Sitzung zusammen. Der Stadtverordnetenvorsteher, Dr. Otto Suhr, bedauerte in einer Erklärung, daß die sowjetische Zentralkommandantur dem von den Stadtverordneten am 29. Juni gefaßten Beschluß zur Befriedung der Stadthausumgebung nicht zugestimmt habe (Demonstrationen und Versammlungen unter freiem Himmel im Umkreis des Stadthauses sollten nach diesem Beschluß nur mit Genehmigung des Magistrats zugelassen sein). Suhr wies weiter darauf hin, daß er, genau wie am 23. Juni und am 26. August, keine Sitzung leiten werde, die unter dem Druck des Mobs stünde. Angesichts der Menschenansammlungen vor dem Stadthaus und der Nachricht, daß die Betriebe des Ostsektors um 10 Uhr schließen würden, um in Demonstrationszügen zum neuen Stadthaus zu ziehen, erkläre er daher die Sitzung erneut für vertagt. Nachdem der Sitzungssaal sich geleert hatte, drangen Demonstranten mit roten Fahnen erneut gewaltsam in das Stadthaus ein. Nur ein Ostpolizist versuchte sie daran zu hindern. Demzufolge sollen die Hintertüren des Stadthauses von SED-Angehörigen geöffnet worden sein.

General Lucius D. Clay sagte in einer Pressekonferenz in Frankfurt, daß jeder Versuch der SED, die Verwaltung Berlins an sich zu reißen, scheitern werde. "Aktionskomitees werden den Teil Berlins nicht übernehmen, über den wir zu bestimmen haben." Der Berliner Bürgermeister Dr. Ferdinand Friedensburg hatte bereits am Vortage einer Delegation des kommunistischen Mobs mitgeteilt, daß die Berliner Wahlen, die am 24. Oktober stattfinden sollen, die beste Gelegenheit böten, den Willen der Bevölkerung auszudrücken. Sämtliche Forderungen der Delegation, die mit Friedensburg "über die Zukunft Berlins verhandeln" und ein "SED-Sofort-Programm" überreichen wollte, wurden von dem Bürgermeister abgelehnt. Die Arbeit des Magistrat wird fortgesetzt.

Die nichtkommunistischen Stadtverordneten ermächtigten Dr. Suhr, beim sowjetischen Stadtkommandanten, Generalmajor Alexander Kotikow, anzufragen, ob dieser den notwendigen polizeilichen Schutz für die Durchführung einer geordneten parlamentarischen Arbeit zusichern könne.

Der aktuelle Anlaß für die kommunistischen Demonstrationen ist nach Ansicht eines hohen Beamten der US-Militärregierung in dem letzten Schreiben General Kotikows an den Berliner Magistrat zu finden. Durch diesen Brief, in dem General Kotikow alle Maßnahmen des Berliner Magistrats seit der Währungsreform für ungültig erklärte, da sie ohne Zustimmung der Sowjets erfolgten, seien die "aufrührerischen Elemente Berlins" zu den herausfordernden Demonstrationen inspiriert worden.

"Blockade begrüßenswert"

Zu den ersten organisierten Zwischenfällen war es bereits am Donnerstag gekommen. Der Parteivorsitzende der SED, Wilhelm Pieck, und die SED-Presse hatten die Bevölkerung zur Beteiligung an "Massenkundgebungen gegen die Sabotagepolitik des Magistrats" aufgefordert. Pieck hatte vorher erklärt, daß die sowjetische Blockade Berlins "eine notwendige und begrüßenswerte Maßnahme sei", weil Berlin dadurch vor einer Ausplünderung durch die Westmächte geschützt werde. Außerdem hatte Pieck sich gegen Abhaltung der Wahlen zum Berliner Stadtparlament ausgesprochen, die nach den Verfassungsbestimmungen im Oktober dieses Jahres abzuhalten sind.

Der einzige Erfolg dieser Propagandakampagne war das Erscheinen von 5000 Demonstranten, obwohl in verschiedenen Betrieben des Ostsektors angedeutet worden war, daß eine Nichtbeteiligung an der Demonstration "Folgen" nach sich ziehen könne. Die Demonstranten, die sich angesichts dieser Drohung zusammengefunden hatten, verloren sich zumeist schon unterwegs.

Nach Ansicht Berliner politischer Kreise sollte am 26. August der schon am 23. Juni unternommene Versuch wiederholt werden, die demokratische Selbstverwaltung durch Sprengung der Stadtverordnetenversammlung und Ausschreitungen gegen Magistratsangehörige und Stadtverordnete auszuschalten. Wichtige Entscheidungen standen auf der Tagesordnung des Stadtparlaments, das an diesem Tage die Delegierten Berlins für den Parlamentarischen Rat wählen und den Termin für die nächsten Berliner Wahlen festsetzen wollte.

Als nun der Magistrat von den Störungsvorbereitungen der SED Mitteilung erhielt, forderte Dr. Friedensburg den Kommandeur der Schutzpolizei des Ostsektors, Wagner (SED), auf , das Stadthaus zu sichern. Wagner erklärte jedoch, daß die Ostpolizei nicht in der Lage sei, die Demonstranten zu zerstreuen und sicherte lediglich zu, das Stadthaus "nach Möglichkeit" vor dem Eindringen der Demonstranten schützen zu wollen. Gegen die Stimmen der SED beschloß daher der Ältestenausschuß, die Stadtverordnetenversammlung abzusagen.

Inzwischen waren die SED-Demonstranten vor dem Stadthaus aufmarschiert, wo sie von den Polizisten des Ostsektors durch Zurufe und Handschlag begrüßt wurden. Sprechchöre schrien: "Nieder mit dem Magistrat" und "Hoch lebe die SED". Lautsprecheransprachen von SED-Funktionären wurden übertragen und der Mob sang die "Internationale". Schließlich stürmte ein Trupp von Jungkommunisten in das Gebäude und überrannte die Wachbeamten. Weitere Demonstranten folgten. Sie drangen in den leeren Sitzungssaal des Stadtparlamentes ein und besetzten die Tribüne und das Plenum. Die SED-Fraktion nahm ihre Plätze ein.

Der SED-Fraktionsvorsitzende, Karl Litke, erklärte, daß "die Stunde des Handelns gekommen" sei. Der Magistrat sabotiere "die großherzigen Angebote der Sowjetunion", daher müsse er abgesetzt und ein "provisorischer Verwaltungsausschuß" gebildet werden, der "aus neun Stadtverordneten und neun Bürgern" bestehen solle. Die Versammlung wählte dann die Delegation von Stellvertretern der Ostsektorenbetriebe, die sich zu Dr. Friedensburg begaben, um mit ihm "über die Zukunft Berlins zu verhandeln".

Unter dem Eindruck dieser Vorgänge riefen in den Nachmittagsstunden die Unabhängige Gewerkschaftsorganisation (UGO) und die demokratischen Parteien die Berliner Bevölkerung auf, an einer Protestdemonstration vor dem ehemaligen Reichstag teilzunehmen. Obwohl infolge der Stromsperre die Benachrichtigung nur durch Lautsprecherwagen, Telephon und von Mund zu Mund möglich war, beteiligten sich daran mehr als 20 000 Berliner.

Ernst Scharnowski (UGO) erklärte, daß der Magistrat das Vertrauen der Berliner Arbeiter und Angestellten besitze. "Es gibt heute keine Unterschiede mehr zwischen den Nazis und den kommunistischen Diktatoren", rief nach ihm der Berliner SPD-Vorsitzende, Franz Neumann, unter allgemeiner Zustimmung, während Professor Kurt Landsberg (CDU) betonte, daß in Berlin die drei demokratischen Parteien weiter "zusammenhalten und zusammenarbeiten" würden. Stadtverordnetenvorsteher Dr. Otto Suhr führte aus, daß die Bevölkerung bereit sei, durch Neuwahlen ihren Willen zu bekunden. Die SED-Minderheit fürchte aber diese Entscheidung und versuche daher, "krumme und illegale Wege" zu gehen.

Unter dem Beifall der Zuhörer sagte schließlich der gewählte Oberbürgermeister, Professor Ernst Reuter, daß "der Magistrat seine Arbeit fortsetzen wird, was auch kommen mag". "Dieser Kampf ist mehr als ein Kampf um eine Stadt mit drei Millionen Einwohnern, er ist ein Kampf um die Wiedergewinnung der europäischen Einheit, und er ist der Kampf um den Frieden der Welt".

Besorgnis in USA und England

London (UP). - In amtlichen britischen Kreisen mißt man den Berliner SED-Kundgebungen große Bedeutung bei. Ein Sprecher des britischen Außenministeriums erklärt: "Solche Demonstrationen sind selbstverständlich geeignet, die Lage zu verschärfen, während wir in Moskau zu einer Verständigung zu kommen suchen". Nach Ansicht amerikanischer Regierungskreise sind die Sowjets für die Organisation der Demonstrationen, die das Ziel haben, "die Autorität des Magistrats zu untergraben oder ihn zu stürzen, unmittelbar verantwortlich". Die amerikanische Regierung halte die Nachricht über die kommunistischen Demonstrationen für ernst.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland
Aktualisiert am: 06.02.2006
Zurück | Drucken