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Artikel

31.08.1948 | Berliner Zeitung

Eine Frau Krause aus Berlin SO...

Kein Licht, keine Heizung / "Was soll im Winter werden?" / Tausende stellen diese Frage

Der Himmel ist hoch, auch über den Straßenschächten von Berlin SO, aber wenn Frau Krause das schlechtverpappte Fenster ihrer Hinterhauswohnung öffnet, dann stoßen ihre Sorgen bis an die dunklen Wolken. Überflüssig ist der gewohnheitsmäßige Griff zum Kohlenkasten - es ist kein Brennmaterial da, überflüssig ist der Griff zum Seifennapf, die letzte Seifenzuteilung will der Händler nur gegen Clay-Mark herausgeben, überflüssig war die Resolution der Mieter dieses Hinterhauses an das Wohnungsamt - kein Mensch, kein Amt kümmert sich um den verwahrlosten Zustand des Daches, das den Regen wie durch Traufen in die Wohnungen leitet.

"Manchmal denkt man an den Gashahn!", gesteht sie offen, und in ihren Augen sind die sorgenschweren unruhigen Nächte, mit dem Gedröhn der Skymaster- und Dakota-Maschinen. "Sehen sie...", die vierjährige Annemarie verzieht weinerlich den Mund und schiebt den Teller mit dem Kartoffelpuderbrei von sich. Frau Krause zuckt müde die Schultern. "Ich kann das Kind nicht zwingen, es erbricht sich nachher. Mit der Trockenmilch ist es das gleiche. Die sollen uns doch nicht von Kalorien und Nährwert erzählen, wenn sie uns das Zeug aufschwatzen... wir wissen doch am besten, was unseren Kindern gut tut."

Sie steht beinahe zehn Stunden am Tag an einer Maschine, und allein der Zeitmangel hielt sie bisher von einer Anmeldung für den Lebensmittelbezug im Ostsektor zurück. "Aber nun ist Schluß!", sagt sie. "Da gibt es ja für jeden Bezieher ein Kilo gutes Weizenmehl extra... denken Sie, das sind drei Kilo für mich, das hilft doch ein großes Stück weiter. Und Kohlen! Und Frischkartoffeln! Und..." Sie bricht ab und lehnt sich matt an den Küchenschrank. "Herrgott nochmal, hoffentlich nehmen sie uns noch an. Wir sehen doch, wo das hinführt mit der Luftbrücke!"

Die kleine Frau Krause hockt sich müde auf einen Stuhl und zieht die Schultern hoch. Ihr junges Gesicht ist grau und hungrig, zwei scharfe Falten ziehen sich von der Nase zu den Mundwinkeln. "Daß es Menschen gibt, gewissenlos genug, für ihre dunklen Zwecke unser Leben, das Leben unserer Kinder zu mißbrauchen, das kann ich nicht verstehen!" sagt sie ruhiger, aber diese Worte sind Anklage und Aufschrei zugleich. "Was soll im Winter werden? Glauben Sie, daß dieser Irrsinn bis zum Winter weitergeht? Das gibt doch eine Katastrophe... kein Licht, keine Heizung, keine Kleidung, Regenwasser in der Stube? Was tun denn die Bürgermeister, die wir mit unseren Steuern bezahlen? Was tut denn der Magistrat?"

Tausende und aber tausende Berliner Frauen in den westlichen Sektoren stellen in diesen Tagen des Endsommers die gleichen Fragen wie die kleine Frau Krause aus Berlin SO. Sie alle leben im Schatten einer Doppelwährung, die die Wirtschaft zerbricht und die Männer arbeitslos auf die Straße schickt, sie alle leben Angesicht zu Angesicht mit den Schiebern, die in ihren Sektoren den Schutz einer desorganisierten Polizeitruppe genießen und wie ein Hohn sind auf jede Hand, die sich zum Wiederaufbau regen will. Wie lange noch? P.W.

Quellenangaben

Quelle: Berliner Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Verkehrswerkstatt, Berlin, Deutschland, Verkehrsmittel, Flugzeug, Luftbrücke, Versorgung, Logistik, Güter, Transport, Alltag, Mensch
Aktualisiert am: 06.02.2006
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