Flugzeuge
Eisenbahn
Lastwagen
Fahrrad
Pressearchiv
Zurück | Drucken

Artikel

02.12.1948 | Die Neue Zeitung

Wie lebt der Berliner heute?

Kein Geld, kein Strom, wenig Verkehr, kaum noch Post

Berlin. - Wenn man mit seinem Koffer in der Hand einen der S-Bahnhöfe im Berliner Westen verläßt, wird man meist sofort von sechs bis acht Kindern umringt, die einem ihre Dienste anbieten: "Handwagen gefällig?" Sie sind das erste, was einem in der blockierten Stadt auffällt und sie sind - ärmlich, aber zäh und immer gut gelaunt - tatsächlich typisch für die heutigen Berliner, Blaugefroren, in abgeschabten Mäntelchen, mit geflicktem Schuhwerk stehen sie lange Nachmittage auf den Bahnsteigtreppen, um sich durch den Transport von Koffern ein wenig Ostgeld zu verdienen, das die häuslichen Finanzen etwas aufbessern soll. Denn die Väter, die vielleicht früher als Facharbeiter in irgendeinem Werk gearbeitet haben, verdienen heute nur noch 72 Pfennige als Bauhilfsarbeiter; ihr alter Betrieb ist der Blockade zum Opfer gefallen und mußte geschlossen werden. Viele sind dadurch auch ganz arbeitslos geworden und erhalten nur eine geringe Ausfallunterstützung.

Überall ragen Äste heraus

Es sind aber nicht nur die wenigen Reisenden die zu den Kunden dieser kleinen Dienstleute gehören. Nachmittags beginnt ihre große Zeit: dann sind die S-Bahnzüge, die vom Stadtrand kommen, bis zum Bersten gefüllt und lassen auf jedem Bahnsteig eine Anzahl Männer und Frauen zurück, die sich gegenseitig prall gefüllte Säcke aufladen. Ist man selbst einmal in einem der völlig überfüllten Abteile gefahren, so hat man diese Säcke zur Genüge kennengelernt. Überall ragen Äste heraus, die häßliche Löcher in Hosenbeine und Strümpfe reißen. Denn es ist Holz, womit sich vor allem die Arbeitslosen, die Rentner und die alten Mütterchen abschleppen. Und wem Kraft oder Zeit fehlen, stundenlange Holzfahrten auf sich zu nehmen, befestigt wohl einen Haken an ein paar zusammengebundenen Latten, geht damit frühmorgens durch die Straßen und reißt die trockenen Äste aus den Alleebäumen.

Denn Berlin friert. Der November ist bereits recht kalt geworden und die Sowjets lassen keine Kohlenzüge in die blockierten, Westsektoren. Die erste Zuteilung, die vom Magistrat aufgerufen wurde, beträgt einen Viertelzentner Briketts. Das ist herzlich wenig, besonders wenn das Gaskontingent nicht einmal zum Kochen der notwendigsten Mahlzeiten ausreicht - falls der Druck überhaupt so stark ist, daß die Suppe zum Kochen kommt.

Natürlich nützen auch die elektrischen Kocher und Öfen nichts mehr, die im Vorjahr manchem über die kalte Zeit hinweggeholfen haben. Denn Berlin ist eine dunkle Stadt geworden. Nur zwei Stunden tagsüber und zwei Stunden in der Nacht wird der Strom angeschaltet. Dabei können sich viele nicht einmal Kerzen, das Stück zu 80 D-Pfennigen oder Petroleum den Liter zu 4 D-Mark kaufen, denn Westgeld ist knapp. Zwar soll nach Möglichkeit in den Westsektoren jeder Lohnempfänger 25 Prozent seines Gehalts in Westmark ausgezahlt bekommen, aber viele Betriebe, zum Beispiel die Lebensmittelgeschäfte, können das nicht durchführen, weil sie ihre Waren nur gegen Ostmark verkaufen dürfen.

Allerdings gibt es Wechselstuben, wo der Kurs zwischen den beiden Währungen nach Angebot und Nachfrage geregelt wird. Aber kein Arbeiter oder Angestellter kann es sich oft leisten, vier Ostmark gegen eine Westmark einzutauschen, denn seine Gehaltszahlung erfolgt unabhängig vom Wechselkurs.

So nützt es manchem Bewohner der Westsektoren wenig, daß es in seinem Stadtbezirk trotz der Blockade soviel mehr zu kaufen gibt als "bei den Russen"; seien es Textilien, Elektrogeräte oder ähnliches. Aber auch auf andere Dinge muß er verzichten, zum Beispiel auf Frischfleisch, Frischkartoffeln oder auf frisches Gemüse, die im Ostsektor zugeteilt werden. Die sehr viel höhere Qualität seiner Lebensmittel lassen ihn diesen Unterschied jedoch nicht allzu schmerzlich empfinden. Schließlich weiß er ja auch, daß die gesamte Versorgung des Ostsektors nur eine Waffe der Sowjets im Kampf um Berlin ist und lediglich auf Kosten der immer noch hungernden Ostzone durchgeführt werden kann. So läßt es ihn auch trotz eines gewissen Neidgefühls im Grunde doch kalt, wenn er sieht, daß im Ostsektor alle Lampen hell erstrahlen : er meint, daß dort selbst "die größte Helligkeit von der politischen Finsternis verschluckt wird".

Man darf nicht mehr nach Osten

Erregt ist der Berliner aber vor allem darüber, daß ihm der sowjetische Befehl über die Einführung des neuen Personalausweises nun auch noch das Betreten des Ostsektors unmöglich machen wird. Die persönlichen Beziehungen zwischen den Sektoren sind bisher trotz der Aufteilung der Stadt nicht getrennt worden, und die politische Einstellung der "Ostberliner" unterscheidet sich in nichts von der ihrer Verwandten und Freunde in den Westsektoren. Beider Sehnsucht ist nicht in die sie umgebende Ostzone gerichtet, sondern in die Länder Westdeutschlands. Um so mehr erbittert sie, daß sie durch die sowjetische Blockade keinen Anschluß an den dortigen wirtschaftlichen Wiederaufstieg gewinnen können, ja daß sie die Paketsperre - sie bekommen nur noch 50 Gramm-Briefe aus dem Westen - jetzt sogar noch von den materiellen Vorteilen des Westens ausschließt.

Aber trotz tausenderlei Schwierigkeiten, zu denen die Erfindungsgabe der Sowjets fast täglich neue fügt, halten sie geduldig weiter aus. Zwar geben Dunkelheit, Kälte und die großen Verkehrsschwierigkeiten - die Straßen- und U-Bahnen müssen wegen der Stromknappheit ja schon um 18 Uhr ihren Betrieb einstellen - genügend Anlaß zum "Meckern", aber keiner beklagt sich ernstlich, weil er weiß, daß er nicht einmal mehr meckern könnte, wenn die Sowjets ganz Berlin in ihre Gewalt bekämen.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: H. Falk
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Versorgung, Logistik, Güter, Transport, Alltag, Mensch, Lohn, Preise, Lebensfrage, Brennstoff, Energie, Eisenbahn, U-Bahn, Strom
Aktualisiert am: 06.02.2006
Zurück | Drucken