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Artikel

04.12.1948 | Die Neue Zeitung

Die letzten Stunden vor der Wahl

Berlin entscheidet sich - "Holzauge sei wachsam ..."

Berlin. - Trotz der sowjetischen Blockade und den damit verbundenen Vorgängen der letzten Tage rüsten sich die Berliner für die Wahl am Sonntag.

Der Wahlkampf, der durch den Besuch zahlreicher westdeutscher Politiker sichtlich belebt wurde, steht vor dem Abschluß. Dafür haben die drei demokratischen Parteien, aber auch die SED, ihre Propaganda mit Flugzetteln und Wahlplakaten verstärkt.

War Berlin vor den Wahlen 1946 eine Symphonie in Rot, so dominiert in diesem Jahre die blaue Farbe, denn die Berliner SPD hat dieses Mal für ihre Wahlplakate als vorherrschende Farbe ein Marineblau gewählt, vielleicht mit Rücksicht darauf, daß Rot den Berlinern seit der sowjetischen Blockade verhaßter denn je ist. Da die Berliner CDU aus Tradition ebenfalls blau als Grundton wählt, leuchten von den Häuserwänden und Ruinen, den Litfaßsäulen und den Verkehrsmitteln Plakate, die man erst von der Nähe betrachten muß, ehe man erkennt, für welche Partei sie werben.

SOS - wählt ...!

Die Berliner SPD zeigt hierbei häufig den Berliner Bären, der erklärt: "Berlin bleibt helle und wählt SPD", während die CDU eine Glocke schwingen läßt, von der, wie der Berliner sagt, man nicht weiß, ob sie zur Kirche oder zur Wahl ruft. In den letzten Tagen ließ die CDU ein weiteres Plagt anbringen, mit der Aufforderung "Holzauge, sei wachsam, wähle nicht sozialistisch!" Damit will sie anscheinend den Wähler an seine Unzufriedenheit mit der sozialistischen Wirtschafts- und Schulpolitik der SPD erinnern, die Frage der zukünftigen Wirtschaftspolitik und das Schulproblem sind nämlich die Gebiete, auf denen die Meinungen dieser beiden Parteien besonders auseinandergehen.

Auch die LDP, die bisher kleinste Berliner Partei, schlägt sich wacker und verkündet den Wählern, daß sie wie bisher auch in Zukunft einen antisozialistischen Kurs steuern wird. "SOS - wählt LDP!" rufen ihre Plakate in Schwarz-Rot-Gold den Wählern zu, wobei jedoch SOS nicht ein Notruf, sondern ein Versprechen für "Sauberkeit - Ordnung - Sachlichkeit" ist.

Aber auch die SED ist rege, denn ihre Antiwahlpropaganda hat sich in den letzten Tagen erneut verschärft. Kommunistische Trupps, die häufig für diesen "Sondereinsatz" aus Brandenburg und Sachsen nach Berlin abkommandiert wurden, versuchen die Wahlversammlungen der drei demokratischen Parteien durch Zwischenrufe und Mißfallensäußerungen zu stören. Häufig kam es dabei zu Tätlichkeiten, wenn die Berliner diese Störenfriede an die Luft setzten. Dafür sammeln sich aber die kommunistischen Trupps wieder des Nachts, um die Wahlplakate der drei demokratischen Parteien abzureißen und kleine Handzettel mit SED-Parolen an Häuserfronten, Schaufenstern und Zäunen anzubringen. Morgens aber leuchten auch wieder die demokratischen Symbole, denn die Jugend der drei demokratischen Parteien schläft ebenfalls nicht.

So sieht ganz Berlin mit Spannung dem 5. Dezember entgegen. Ganz Berlin und auch die Ostzone, denn das Interesse der Sowjetzonen-Bevölkerung dokumentiert sich nicht nur täglich in zahllosen Briefen mit dem Tenor "Haltet aus, ihr seid unsere Hoffnung", sondern auch in der Tatsache, daß die Wahlversammlungen der drei demokratischen Parteien auch von ihr besucht werden. Vielen ist es dabei unverständlich, daß die SED in völliger Freiheit in den Westsektoren eine Versammlungswelle veranstalten kann, während bei ihnen die Demokratie zum Schweigen verurteilt ist. Allerdings müssen diese SED-Versammlungen häufig vorzeitig abgebrochen werden, weil kaum Zuhörer erschienen sind oder weil die Anwesenden gegen die SED-Parolen protestieren. Ja es ist sogar schon vorgekommen, daß die Versammlungsteilnehmer zum Entsetzen der SED-Funktionäre eine Resolution einbrachten, die die sowjetische Blockade und den Terror der SED verurteilten. Wenn dann diese Resolutionen mit überwältigender Mehrheit angenommen werden, stehen die SED-Funktionäre ratlos da und verlassen dann meist sofort den Saal, wieder mit dem Gesang der Internationale, die für sie der Ausweg zu sein scheint, wenn sie nichts mehr sagen können. Inzwischen sind alle Vorkehrungen getroffen, um einen geordneten Verlauf der Wahlen zu garantieren. Die Berliner Polizei, die bereits jetzt in den Nächten stärkere Patrouillen eingesetzt hat, wird vom Sonnabend abend bis Montag früh höchste Alarmbereitschaft haben. Für den Wahlsonntag selbst sind erhöhte Stromkontingente bewilligt worden, so daß es in der Wahlnacht Strom geben wird, damit die Stimmen ausgezählt werden können. Der amerikanische Kommandant Oberst Frank L. Howley erklärte am 2. Dezember auf einer Pressekonferenz in Berlin, daß die Wahlen eine rein deutsche Angelegenheit sein werden. Dank der Tatsache, daß die Westmächte in Berlin seien, könnten die Berliner ohne Furcht zur Wahlurne gehen. "Berlin kann sehr optimistisch in die Zukunft sehen", erklärte Howley weiter, "denn wir können die Luftbrücke so lange aufrechterhalten, wie wir wollen, und sie sogar noch verstärken." Die Vorräte, die man in den Westsektoren habe anlegen können, seien so groß, daß selbst die Monate November und Dezember durch ihre schlechte Witterung die Versorgung Berlins nicht stören könnten.

Der "Opernmagistrat"

Zu dem von der SED am 30. November in der Berliner Staatsoper ins Leben gerufenen "Magistrat", den der Berliner Mutterwitz bereits als "Opernmagistrat" bezeichnet, erklärte Howley, die Versammlung im Admiralspalast sei eine der schlechtesten Vorstellungen seit der Besetzung in der Oper gewesen. "Wenn man praktisch das Ergebnis dieses Treffens betrachtet, so ist es gleich null". Niemand werde dieses Gebilde als Stadtverwaltung anerkennen. Allerdings sei die Tatsache, wie sich die Sowjets an internationale Abmachungen hielten, sehr ernst. Sie hätten seit 1946 versucht, ein Drittel der Stadt der Vier-Mächte-Verwaltung zu entziehen, was sie jetzt mit Gewalt vollendet hätten. Wenn man neue Abkommen mit den Sowjets treffen sollte, werde man daher immer berücksichtigen, wie frühere Abmachungen von ihnen behandelt worden seien.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: Peter Köhrer
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Demokratie, Wahlen
Aktualisiert am: 06.02.2006
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