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Artikel

07.12.1948 | Die Neue Zeitung

Berlin hat gewählt

Fast 87 Prozent der Berliner sind am Sonntag zur Wahlurne gegangen, ein Merkmal ihrer politischen Wachsamkeit und ein unmißverständliches Zeichen ihrer Ablehnung des Kommunismus. Die Berliner haben aber nicht nur abgewehrt - sie haben innerhalb des demokratischen Bereiches der drei Westsektoren durch den eindeutigen Wahlsieg der SPD parteipolitische Klarheit geschaffen. Obwohl die SPD wahrscheinlich infolge des politischen Notstandes von Berlin auf die alleinige Ausübung der Regierungsgewalt verzichten wird, gibt ihre Mehrheit - fast 65 Prozent - den Berliner eine klare politische Orientierung. Ein dritter Faktor bei der Wahl überschattet noch die ersten zwei: die Ruhe und Selbstverständlichkeit, mit der Berlin gestimmt hat. Es gab am Sonntag nirgendwo Erregung oder leidenschaftliche Ausbrüche, keine erhitzte Stimmung oder fanatische Gemüter, Berlin wählte nicht, als ob es seine Freiheit noch zu erringen hatte, sondern als ob es bereits im vollen Besitz der Freiheit wäre, und nun innerhalb dieses friedlichen gesegneten Rahmens Entscheidung zur inneren Gestaltung seines gemeinschaftlichen Lebens zu treffen hatte. Politik ist für ihn eine Bürgerpflicht, eine Selbstverständlichkeit.

Die Berliner Bevölkerung ist einig, und innerhalb dieser Einigkeit ist jeder Bürger selbstsicher. Der Demokratie ist das Fundament geboten, das der große Engländer Lord Acton für sie als notwendig erachtete: Die Parteien und Wähler sollten selbst bei den ernstesten Meinungsverschiedenheiten "einig sein, daß sie sich einigen werden".

Berlin hat den Zeitungen am Montag keinen Sensationsstoff geboten, es hat aber den anwesenden Beobachtern und den anderen Gebieten Deutschlands ein Beispiel einer befriedeten, lebensbejahenden Gesellschaft gegeben. Physische Trümmer und materielle Armut, wie sie heute noch in Berlin existieren, und moralische Trümmer und geistige Armut, wie sie von dem Kommunismus in der Stadt verbreitet worden sind, haben der Bevölkerung der Westsektoren nichts anhaben können, ja sie haben sie in ihrer Überzeugung gefestigt. Dem Ostsektor, neuerdings unter einer illegalen Verwaltung und seit 1945 unter dem kommunistischen Joch leidend, ist weniger ist es für die Bewohner der Ostzone eingetreten. Innerhalb und um diese Teile Deutschlands geht noch ein Kampf, zu dessen erfolgreichen Ausgang die freien Westberliner bereits nicht unerheblich beigetragen haben und noch beitragen werden. Um so mehr zählt das Berliner Wahlergebnis in dieser Auseinandersetzung, weil es viel mehr als einen Protest, viel mehr als ein "Bekenntnis" darstellt. Es ist die Demokratie in der Praxis.

Die oft außerhalb Berlins kursierende Auffassung, die Berliner Bevölkerung sei ein Spielball in den Händen zweier Machtgruppen, wird von den Berlinern, die es besser wissen müßten, nicht geteilt. Einmal lassen sich die Berliner, wenn sie nur die geringste Chance haben, nicht zum Objekt erniedrigen, zum zweiten zeugt die Wahlbeteiligung am deutlichsten davon, daß sie, ohne sich selbst zu bemitleiden, ihren politischen Aufgaben nachgehen. Eugen Kogon hat einst in der "Neuen Zeitung" von den "Berlinern als Vorbild" gesprochen. Das Wort gilt nach der Wahl um vieles mehr.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Demokratie, Wahlen, Wahlergebnis, Kommentar
Aktualisiert am: 06.02.2006
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