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09.12.1948 | Die Neue Zeit

Sowjets verschärfen Berlin-Blockade

Clay: Schmuggel in die Ostzone wird verhindert

Berlin (NZ). - Die Diskussion über das Wahlergebnis vom 5. Dezember ist in den Gesprächen der einzelnen Berliner verklungen. Sie freuen sich zwar über das positive Echo, das die Wahlen in Westdeutschland und im Ausland finden, beschäftigen sich aber mehr mit den neuen Schwierigkeiten für das Leben des einzelnen, die von sowjetischer Seite als Folgen ihrer eindeutigen Absage an den Kommunismus erwartet werden.

Hatten die Sowjets 24 Stunden nach dem 20. Oktober 1946 mit der Deportation von Berliner Facharbeitern in die Sowjetunion geantwortet, die eine Kette von Repressalien eröffnete, so wurde in diesem Jahre zwei Tage nach dem Wahlsonntag der Postverkehr der westlichen Sektoren mit Westdeutschland und mit dem sowjetischen Besetzungsgebiet unterbrochen. Man sieht in dieser Maßnahme aber auch eine Antwort auf den Amtsantritt von Professor Ernst Reuter (SPD), der am 7. Dezember auf Antrag seiner Fraktion vom Berliner Stadtparlament als Oberbürgermeister vereidigt wurde.

General Lucius D. Clay erklärte am gleichen Tage auf einer Pressekonferenz in Berlin, daß die Versorgung der Stadt auch im Falle einer Dauerblockade durch die Luftbrücke gesichert sei, über die man wahrscheinlich bereits Ende des Jahres bei gutem Wetter täglich ungefähr 8000 Tonnen nach Berlin transportieren könne. Die Versorgung Berlins mit den notwendigsten Gütern sei auch für den Fall einer Dauerblockade gesichert.

Zur Bildung des "Opernmagistrats" im Ostsektor erklärte General Clay, daß die US-Militärregierung nicht die geringste Absicht habe, ihn anzuerkennen, "weder für ganz Berlin noch für einen Teil der unter Vier-Mächte-Kontrolle gestellten Stadt". Eine Lösung der Berliner Krise sei immer noch möglich, vorausgesetzt, daß bei allen Beteiligten die Bereitschaft dazu existiere, doch scheine es damit auf einer gewissen Seite zu hapern.

Keine Inflationsgefahr im Westen

Zu westdeutschen Problemen sagte der General, daß in den Westzonen keine Inflationsgefahr bestünde, die eine neue Währungsreform nötig machen könnte. Eine gewisse Stabilität in der Preisbildung sei bereits erreicht worden, und er hoffe, daß die deutsche Verwaltung wirkungsvolle Schritte in dieser Richtung unternehmen werde. Die Entscheidung über die Einführung der Westmark als alleinige Währung in West-Berlin liege bei den Regierungen der Westmächte. Die amerikanische Militärregierung werde Maßnahmen ergreifen, um "Brüche der Gegenblockade" durch Warenlieferungen aus der US-Zone in die Ostzone zu verhindern.

General Clay bezog sich mit dieser Ankündigung offenbar auf die Aufdeckung einer großangelegten Stahlschmuggel-Aktion in der britischen Zone. Bisherige Untersuchungen lassen Südena zufolge, vermuten, daß aus der Ostzone Seidenstrümpfe als Kompensationsware für die illegale Stahllieferungen eingeführt wurden. Der Hauptverantwortliche, Hans Cäsar, gehört zu den angesehensten Mitgliedern des "Englisch-Deutschen Klubs" in Düsseldorf. Bei seiner Verhaftung seien eine große Summe Geld, ein Visum und eine Flugkarte für die Einreise in die Vereinigten Staaten sichergestellt worden.

Nach britischer Auffassung diente der Stahlexport in die Sowjetzone nicht zur Finanzierung der KPD in Westdeutschland, sondern lediglich dazu, den durch die westdeutsche Gegenblockade in der Sowjetzone entstandenen empfindlichen Mangel an Edelstahl zu beheben.

Während die sowjetisch lizenzierte Presse täglich spaltenlange Berichte über "Wahlfälschungen" veröffentlicht, verhandeln die Berliner Parteien bereits über die Bildung der neuen Stadtregierung. Da das neue Stadtparlament aber erst Mitte Januar zusammentreten wird, beantragte die Berliner SPD, Professor Ernst Reuter schon jetzt in sein Amt einzusetzen, weil der gegenwärtige politische Notstand in Berlin tatkräftige Maßnahmen erfordere. Außerdem hatte die amtierende Oberbürgermeisterin, Louise Schröder, die seit Monaten leidend ist, den Wunsch ausgesprochen, entlastet zu werden. Professor Reuter, der daraufhin vom Stadtparlament einstimmig zum Oberbürgermeister gewählt wurde, erklärte nach seiner Vereidigung, daß die übermenschlichen Aufgaben, die zu lösen seien, nur durch Zusammenarbeit aller bewältigt werden können. "Es wird mein Bemühen sein, immer wieder gemeinsame Wege für unsere Arbeit zu suchen, bis Berlin als freie Stadt in einem geeinten Vaterland die Hauptstadt einer deutschen Bundesrepublik ist."

Da Bürgermeister Dr. Ferdinand Friedensburg (CDU) im Hinblick auf das Wahlergebnis sein Amt als Stellvertreter des Oberbürgermeisters zur Verfügung stellte, wurde Louise Schröder dieser Posten übertragen. In Berliner politischen Kreisen sieht man dem Verzicht Dr. Friedensburgs eine Bestätigung für die Absicht der CDU, in Zukunft in die Opposition zu gehen und sich nicht an der Bildung eines neuen Magistrats zu beteiligen.

Die ostzonale Postverwaltung verweigerte am 7.Dezember die Auslieferung der aus Westdeutschland mit der Eisenbahn nach Berlin kommenden Briefsendungen für Empfänger in den Westsektoren. Gleichzeitig lehnte sie es ab, Post aus den Westsektoren, die für den Ostsektor der Stadt oder die Ostzone bestimmt ist, zu übernehmen. Damit sind die Berliner Westsektoren von jeder Postzufuhr auf dem Schienenwege abgeschnitten. Der Berliner Magistrat will daher versuchen, daß der Postverkehr zwischen Berlin und Westdeutschland über die Luftbrücke verstärkt wird. Dagegen ist noch nicht geklärt, wie in Zukunft ein Briefverkehr zwischen West-Berlin und dem sowjetischen Besetzungsgebiet möglich ist.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeit, Autor: Peter Köhrer
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Ökonomie, Währung, Währungsreform, Wahlen, Post, Brief, Luftbrücke
Aktualisiert am: 06.02.2006
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