Automobile
Fahrrad
Eisenbahn
Flugzeuge
Pressearchiv
Zurück | Drucken

Artikel

11.12.1948 | Die Neue Zeitung

Berlin sucht ein Rathaus

Verwaltungssorgen bei Kerzenlicht und Kälte

Berlin. - Die Dunkelheit erschwert in zunehmendem Maße das Leben in Berlin. Die einzelnen Bezirke in den westlichen Sektoren haben nur alle vier Wochen in den späten Nachmittags- oder frühen Abendstunden Strom. So wird meist bei Kerzenschein gearbeitet, falls Kerzen überhaupt erhältlich sind. Oft tagen auch der Magistrat und die politischen Parteien bei Notbeleuchtung, wobei die Teilnehmer in Mäntel und Decken eingehüllt diskutieren und beraten. Denn wie die Wohnung des einzelnen Berliners, sind auch die Amtsräume der Behörden, die Restaurants und die Parteihäuser nicht geheizt.

In dieser Atmosphäre beschäftigen sich die Berliner Parteien und die Öffentlichkeit mit der zukünftigen politischen Entwicklung in Berlin. Der Magistrat, an dessen Spitze jetzt Oberbürgermeister Prof. Ernst Reuter steht, sucht nach seiner Übersiedlung in den Westen der Stadt noch immer geeignete Räume.

Die einzelnen Magistratsabteilungen sind in verstreut liegenden ehemaligen Hotels und anderen Gebäuden untergebracht. Zwar will man die einzelnen Dezernate wieder zusammenlegen, doch wurde bisher noch kein geeignetes Gebäude gefunden, das genügend Platz bietet. Einigen Politikern schien das Funkhaus des im britischen Sektor gelegenen kommunistischen Rundfunks als neues Rathaus durchaus geeignet. Dieser Gedanke entsprach zugleich dem Unwillen der Berliner, die sich schon seit langem dagegen wehren, daß inmitten des freiheitlichen Berlins "der Kommunismus ungehindert seine Sirenengesänge" erklingen lassen kann, während man bereits im Ostsektor Berlins westliche Rundfunkstationen nur wie ein Schwarzhörer empfangen darf. Dennoch scheint "Radio Berlin", das als Ostzonen-Enklave der SMA untersteht, nicht umziehen zu müssen. (Die Sowjets haben bereits vor einiger Zeit ein britisches Ersuchen, das Funkhaus zu räumen, abgelehnt.) So wird der Magistrat vielleicht in den amerikanischen Sektor ziehen und im Rathaus Schöneberg Quartier nehmen. Vielleicht wird auch das neue Stadtparlament dorthin übersiedeln, das Mitte Januar die neue Stadtregierung wählen wird. Die Verhandlungen über ihre Bildung haben wohl schon begonnen, jedoch liegt noch nichts endgültiges fest, da die Berliner CDU sich über ihre zukünftige Haltung noch nicht im klaren ist. Die SPD, die die absolute Mehrheit bei den Wahlen erringen konnte, hat betont, daß sie mit den beiden bürgerlichen Parteien zusammen arbeiten will, doch hat bisher nur die LDP zugestimmt. Aber diese Fragen sind für den einzelnen Berliner nicht sehr interessant.

Es bewegt ihn mehr, daß der Ofen häufig kalt ist und die Post aus dem Westen ausbleibt. Die Sowjets haben die Postverbindung zu Lande unterbrochen, und selbst den Müll aus den West-Sektoren, der von dort nach den Rieselfeldern in die Ostzone transportiert wurde, wollen sie nicht mehr übernehmen. So wartet der Berliner auf die nächste Kohlenzuteilung und hofft auf den kommenden Frühling.

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: Peter Köhrer
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Demokratie, Wahlen, Rathaus Schöneberg
Aktualisiert am: 06.02.2006
Zurück | Drucken