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Artikel

11.12.1948 | Die Neue Zeitung

Trotz Dunkelheit - Berlin bleibt helle

Berliner Kultur-Kaleidoskop

Aus der Ferne mag es scheinen, als könne Berlin vor lauter Blockadesorgen nicht zur Lustbarkeit und der Beschäftigung mit den Künsten mehr kommen. Ganz falsch . In den Tagen um den Wahlsonntag herum herrschte geradezu eine Premiereninflation. Thornton Wilder wurde an verschiedenen Orten empfangen, gefragt und gehört. Die mutig aus dem puren Nichts heraus gegründete Freie Universität hatte ihren ersten dies academicus. Zwei große philharmonische Konzerte waren angesagt, und die Berliner waren da. Wer nicht erschien, war der Hamburger Dirigent Eugen Jochum, dem von der Elbe aus das Berliner Pflaster offenbar zu heiß erschien. Inzwischen wurde von westlicher Seite zu einer neuen Attacke in dem latenten Kulturkampf Ost-West aufgerufen. Der "Tagesspiegel" ließ hören, daß er, solange ein von den Sowjets eingesetzter Puppenmagistrat jenseits des Brandenburger Tores herrsche, keine kritische Notiz von künstlerischen Vorgängen in den politisch unfreien Bezirken der Stadt nehmen werde. Weiter wurde aufgerufen zu einem radikalen Boykott aller Theater, die unter dem SED-Scheinmagistrat spielten, zur Verfemung aller Künstler, die sich zu Darbietungen in Ost-Berlin hergäben. Die Menge der Berliner hat für solche Radikalisierung des Bruderkampfes in den Künsten kaum Verständnis. Im Gegenteil, wenn schon sonst alle Verbindungen zwischen Steglitz und Stadtmitte rabiat durchschnitten sein mögen - das gemeinsame Band der Künste muß erhalten bleiben, sagen sie. Ein Forum muß bleiben. Das der Künste ist das letzte, auf dem man sich vergleichend und in reiner Leistung gegenseitig steigernd noch treffen muß. Die Propagandisten des Ausschlusses aller jener, die zufällig im politisch fremden Stadtteil engagiert sind, werden kaum auf eine so verbissene Gefolgschaft rechnen können, als daß der Bruderboykott wirksam werden könnte. Berlin hat viele harte Nachteile davon, Treffpunkt beider Hemisphären zu sein. Im Künstlerischen ist der Stadt aus der sonst höchst fatalen Spannung schon manche Klärung entstanden. Hier kann man mit eigenen Augen authentisch beides sehen, lernen, entscheiden und sich selbst ein propagandistisch unverschmiertes, Bild machen. Die Möglichkeit will man sich nicht verbauen.

Man ging in die Kammerspiele des Deutschen Theaters. Dort hatte Stefan Brodwin eine Komödienpremiere: "Der Feigling". Brodwin, ein deutschschreibender Bulgare, hat früher hier Filme, davon einen, "Kuhle Wampe", zusammen mit Bertolt Brecht gemacht. Er ist vor zwei Jahren aus der Emigration nach Berlin zurückgekehrt und hat sich vielfach und mit verbohrter Lust theoretisch mit dem Komischen beschäftigt. Jetzt sahen wir die Probe auf die vielen beflissenen Exempel. Eine Komödie wurde es nicht. Es wurde ein in Teilen sehr heiteres Panoptikum feiger Typen, Akrobaten des Kompromisses, Gummimänner des angekränkelten Entschlusses. Brodwin setzte seine feige Mittelfigur nicht gegen eine in Teilen zumindest intakte Welt ab. Sie sinkt nur in einem allgemeinem Brei der Rückgratlosigkeit unter von Akt zu Akt. Die ganze Welt dieser Komödie ist grundsätzlich feige und damit auf die Dauer trotz einiger sehr heiterer Einfälle eintönig und nur streckenweise interessierend. Ernst Legal hatte sie inszeniert, der an den Neben- und Randfiguren bosselnde Meister, so daß sich viel Gelächter sozusagen in Parenthese ergab. Der angestrebte gesellschaftskritische oder gar das Individuum verändernde Nutzeffekt kam nicht. Aber ein ausgezeichneter Theaterabend mit neununddreißig Personen auf dem Zettel, die alle für sich die Feigheit munter variierten. Kein Sieg für den Autor, oder doch nur ein halber. Es wird in Anschauung der von ihm gefüllten Bühne aber manchen positiven Denkzettel für seine spätere Autorenschaft davontragen. Deshalb keinesfalls ein verlorener Versuch.

Ausgezeichnetes Theater auch bei der Aufführung von Tenessee Williams' "Glasmenagerie", ein Spiel der Erinnerungen. Kein Drama, kein Stück nach der Regel. Dramatisierter Monolog. Eine szenische Paraphrase über das Thema, wie einer aus der dumpfen Etagenwohnung des Schicksals aufbrechen mußte, ein zeitgenössischer verlorener Sohn. Er blickt zurück und sehnt sich nach den Unerträglichkeiten, den heimlichen Schönheiten, den familiären Widrigkeiten jener Jahre, und er läßt sie, sich sozusagen sichtbar erinnernd, noch einmal geschehen. Eine melancholisch verbrämte Variation über das Thema, wie unerträglich, wie eng, wie schön, widerlich und herrlich die Welt in jenem kleinen Ausschnitt war. Stimmungstheater epischer Natur und ohne viel Sorge um dramatische Form. Dergleichen steht und fällt mit der Aufführung. Hier stand sie. Fritz Wendhausen war vor BBC aus London herübergekommen, um den Berliner Theatern zu zeigen, wie man auch mit halbem Ton noch auf die Höhe des Effektes kommen kann. Er dirigierte die vier Stimmen des Stückes großartig und ließ wie hinter Schleiern agieren und wie unter der Sordine sprechen. Selten hat das Hebbel-Theater eine Aufführung von solcher stillen Konzentration gesehen. Ehmi Bessel, Reva Holsey, Siegmar Schneider und Fritz Tillmann wurden mit Wendhausen sehr lange gefeiert.

Zwei Tage darauf war vor einem deutschen Film die seltene Gelegenheit, ohne Vorbehalt und begeistert in die Hände zu klatschen: Erich Engels "Affäre Blum". Ein musterhaft gebautes Drehbuch von R. A. Stemmle hält sich an einen tatsächlich geschehenen Vorgang: wie in den zwanziger Jahren auf einen jüdischen Kaufmann ein juristisch verbiestert falsches Jagen einsetzt. Indizien werden lustvoll auf die falsche, aber politisch erwünschte Fährte gesetzt. Der eigentliche Mörder wird von der korrupten Justiz geradezu verhätschelt, während sich die ganze Maschinerie einer verderbten Rechtsprechung in Richtung des Justizmordes kreischen in Bewegung setzt. Ein reiner Kriminalfilm und so blendend gemachter Reißer, daß man vor Anteilnahme bis zum Ende auf der vorderen Sitzkante hockt. Aber beim zweiten Hinsehen ein politischer Film, in dem rein durch die Handlung der ganze Muff und Mief jener Jahre mit Fememorden und blutrünstiger Freikorpsromantik wieder hochkommt. Vorbildlich, wie die Tendenz, als dem Stoff notwendig innewohnend, sozusagen aus dem künstlerischen Hinterhalt und nebenher sich notwendig aufdrängte. Die Moral wirkte so um ein Vielfaches stärker als das Klopfen mit dem Holzhammer, das den Begriff "Zeitfilm" hier in wenigen Jahren so diskreditieren konnte. Ein Film fast ohne Fehl. Erich Engel hat die deutsche Leinwand mit diesem Streifen von den Resten vieler unfähiger Produkte wieder sauber gewaschen. Zu hoffen, daß der DEFA-Film bald in ganz Deutschland zu sehen sein wird.

Endlich zu sehen war in dieser Woche Ernst Lubitschs "Ninotschka". Die Geschichte von drei sowjetischen Kommissaren, die aus Handelsgründen nach Paris kommen und dort im ungewohnten Wohlleben versacken, und wie eine Kommissarin ihnen nachgeschickt wird (Greta Garbo), die dann ebenfalls in Liebe und Freiheit verfällt. Lauter Anlässe, über die verbohrte Humorlosigkeit des russischen Systems, wie Hollywood es sieht, laut zu lachen und im Angesicht der verspielten und lebenstrunkenen Stadt Paris einer stockig verhärteten Weltanschauung den Teppich unter den Füßen wegzuziehen. Hier wird mit Fingerspitzen polemisiert. Hier wird mit Heiterkeit argumentiert, und eine solche humorvolle Dialektik setzt sich weit wirkungsvoller in zwei Stunden durch als eine beflissene Manier es in Stunden könnte. Die Sowjets, wie sie hier auftreten (und unter ihnen sind reine Lustspielfiguren wie Felix Bressart und Alexander Granach), sind nicht authentisch, wir wissen es. Sie sind hier komödienhaft verzerrt und geben oft allzu leichten Anlaß zu Widerlegung. Trotzdem - dieser Film gehört zu den Labsalen leichter Komödie und bringt bei all der blutigen Verbissenheit der Ost-West-Diskussion die Heiterkeit als zeitweilig erschlagendes Argument in die Diskussion. Das Publikum hier jubelte, als (wie "Time" bei der Uraufführung des Filmes 1938 schrieb) "den Kommissaren die Hosen heruntergezogen wurden".

Noch atmet Berlin. Die unkenden Propheten eines künstlerisch dunklen Winters für diese Saison beginnen zu schweigen. Härten an allen Ecken und Enden - trotzdem, es bleibt der gute, lebendige, diskutierselige Geist der Stadt nicht zu dämpfen. Mag Dunkelheit über ganzen Bezirken liegen, mag Verstrittenheit herrschen an den Sektorengrenzen - es ist immer noch etwas "gefällig", wie der Berliner sagt. Und Berlin bleibt, auch bei Verdunkelung, vorbildlich "helle".

Quellenangaben

Quelle: Die Neue Zeitung, Autor: Friedrich Luft
Schlagwörter: Verkehr, Geschichte, Politik, Teilung, Sektor, Blockade, Berlin, Verkehrswerkstatt, Deutschland, Alltag, Mensch, Kultur, Theater, Kino, Film
Aktualisiert am: 06.02.2006
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